Interview mit Michael Ruse

Michael Ruse, Wissenschaftsphilosoph und Wissenschaftshistoriker, ist hierzulande der breiteren Öffentlichkeit vielleicht noch am ehesten durch seine Auseinandersetzungen mit dem Kreationismus bekannt. Clifford Sosis hat ein ausführliches Interview mit ihm geführt, das interessante biografische, wissenschaftshistorische und zeitgeschichtliche Aspekte berührt.

Philosophie in Frankreich: Claudine Tiercelins

Außerhalb Frankreichs sind insbesondere die Namen französischer Philosophen der Vergangenheit bekannt, aber wie man in diesem Video der Librairie Mollat sieht, bleibt die französische Philosophie lebendig und aktuell: Claudine Tiercelin ist Professorin für Philosophie am Collège de France und berichtet von ihrem jüngsten Buch. 2011 erschien “Le ciment des choses” bei Editions Ithaque.

Carrier über Werte und Objektivität in den Wissenschaften

Anfang der Woche habe ich kurz Martin Carriers “Einführung zur Wissenschaftstheorie” vorgestellt. Das letzte Kapitel dieses Einführungsbuches ist eine Darstellung der aktuellen Diskussionslage über Werte, Wertfreiheit und Objektivität in den Wissenschaften. Diese Diskussion ist ja schon lange Bestandteil des Nachdenkens über wissenschaftliches Arbeiten. Martin Carrier ist zusammen mit Gerhard Schurz Herausgeber einer 2013 bei Suhrkamp erschienenen Aufsatzsammlung “Werte in den Wissenschaften”. Darin werden historische Schlüsseltexte der Werturteilsdebatte (von Max Weber über Jürgen Habermas bis zu Carl G. Hempel) ebenso präsentiert wie aktuelle Aufsätze zu diesem Thema (z.B. von Noretta Koertge, John Dupré oder Gerhard Schurz). Carrier ist mit einem Beitrag zum Thema “Wissenschaft im Griff der Wirtschaft” vertreten.

In der Information Philosophie 4/2013 hat Carrier einen kurzen Aufsatz veröffentlicht, in dem er diskutiert, welche – positive und negative – Bedeutung Werte für die Objektivität haben. Der Aufsatz ist dort online abrufbar: “Werte und Objektivität in der Wissenschaft“.

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“Wissenschaftstheorie zur Einführung” von Martin Carrier

In manchen Diskussionen kann man aufgrund der vorgebrachten methodologischen Einwände (zuverlässig funktionierende Stichworte sind bspw. Empirismus, Naturalismus, Reduktionismus usw.) den Eindruck gewinnen, dass die Wissenschaftstheorie mit dem Positivismusstreit oder mit Kuhn an ihr Ende gelangt sei. Dem ist natürlich nicht so. Allerdings war die Diskussionslage schon in den 1960ern und 70ern fasst nur noch für Spezialisten übersichtlich. Und in den letzten Jahrzehnten hat die Spezialisierung in allen Bereichen noch einmal erheblich zugenommen – auch in der Wissenschaftstheorie. Da sind gute Einführungsbücher natürlich willkommen.

“Wissenschaftstheorie zur Einführung” von Martin Carrier liegt mittlerweile (seit 2011) in der 3. erweiterten Auflage vor. Carrier, Wissenschaftsphilosoph und Leibnizpreis-Träger (2008) gibt einen didaktisch gut konzipierten, aber auch durchaus anspruchsvollen Überblick über die Entwicklung wissenschaftstheoretischer Positionen von Bacon bis ins 21. Jahrhundert. Dabei werden die zentralen Elemente einer Position so beschrieben, dass deutlich wird, welche Leistung man sich von den jeweiligen Annahmen erhoffte, und welche tatsächlich erreichbar sind. Die wichtigsten Konzepte und Forderungen werden im Gang der Darstellung einander gegenübergestellt (z.B. Induktivismus, Deduktivismus, Verifikation, Falsifikation, Theoriebeladenheit, Unterbestimmtheit, Bestätigungstheorie, Werte und Wertfreiheit). Gut ist auch die Darstellung neuerer Themen der Wissenschaftstheorie. Die Sozialwissenschaften werden nicht methodologisch gesondert behandelt. Der Streit über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Sozial- und Naturwissenschaften hat ja ein Spektrum von Positionen hervorgebracht, auf deren Darstellung offenbar zugunsten der Konzentration auf die Grundprobleme der Hypothesenbeurteilung verzichtet wurde. Eine Lektüre fachspezifischer Methodologien sollte die Leserin, sofern Bedarf besteht, ergänzen.

Carrier setzt offenbar eine Leserin voraus, die nicht eine autoritativ vertretene Position erwartet, sondern die selbst Vorzüge und Probleme von Hypothesen und Regeln abwägen will. Dazu enthält das Buch eine Vielzahl von Beispielen, die – wie im Kapitel über Werte und Wissenschaft – nicht immer abschließend bewertet werden, sondern offenbar so gewählt wurden, dass weder Kontroversen noch die Schwierigkeiten einer konsistenten Bewertung verdeckt werden. Daher ist das Buch gut für Einführungsseminare geeignet, in denen den Studierenden eigenständiges Denken auf anspruchsvollem Niveau vermittelt werden soll.

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Philosophie der Positiven Psychologie

Aus philosophischer Sicht lädt die Positive Psychologie natürlich besonders gut zu methodologischen Überlegungen ein. Dieser Umstand trifft auf ein zunehmendes Interesse daran, einen Naturalismus zu beschreiben, der sozialphilosophisch und psychologisch sinnvoll ist. Über verschiedene Bemühungen in diese Richtung habe ich in der Vergangenheit schon berichtet.

In der Tidsskrift for Norsk Psykologforening, 42/10, 2005, 885-896 untersuchen Ingvild S. Jørgensen und Hilde Eileen Nafstad philosophische und epistemologische Grundlagen der Positiven Psychologie: “Positive Psychology: Historical, Philosophical, and Epistemological Perspectives“. Sie sehen die Positive Psychologie in einem weiteren Sinn in der Tradition der eudämonistischen Sozialphilosophie der Griechen, und insbesondere in psychologischer Hinsicht durch die Entwicklungstheorie des Charakters bei Aristoteles inspiriert.

Es bietet sich an, diese aristotelische Entwicklungsperspektive in einem naturalistischen Rahmen anzuwenden. Dazu ein paar Hinweise:

Einen Überblick über den Naturalismus findet man z.B. bei Gerhard Vollmer: “Auf der Suche nach der Ordnung” und in der leider vergriffenen, aber hervorragenden Textsammlung “Naturalismus” von Geert Keil und Herbert Schnädelbach. Keils kritischen Aufsatz “Naturalismus und Intentionalität” findet man hier.

Der Naturalismus ist selbst umstritten, und in der Debatte streitet man unter anderem um das, was Karl Popper das Demarkationsproblem genannt hat: was ist noch Wissenschaft, und was nicht? (Astrologie etc.) Massimo Pigliucci und Maarten Boudry haben 2013 eine aktuelle Aufsatzsammlung dazu herausgegeben: Philosophy of Pseudoscience: Reconsidering The Demarcation Problem.

Pigliucci (CUNY) ist bekannt als Kritiker von Pseudowissenschaften (Kreationismus …) einerseits, und Szientismus andererseits. In seinem Buch “Answers for Aristotle: How Science and Philosophy Can Lead Us to a More Meaningful Life” plädiert er dafür, naturwissenschaftliche und philosophische Methoden zu kombinieren.

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Philosophie und Physik – Videos der Vorlesungsreihe an der Universität Ulm

Im Wintersemester 2011/2012 fand an der Universität Ulm eine Ringvorlesung zum Thema “Philosophie und Physik – eine Frage der Übersetzbarkeit” statt. Wie für eine Ringvorlesung üblich, wurden verschiedene Referenten eingeladen, die einen Überblick zu einem Aspekt des Themas geben, der auch für Fachfremde geeignet ist. In der Ulmer Ringvorlesung haben zu jedem Thema je ein Physiker und ein Philosoph mit anschließender Diskussion gesprochen. Dabei ging es um Themen wie Ontologie, Erklärung, Kausalität, Raum, Zeit, Verschränkung, Zufall und Information.

Die Videos der einzelnen Vorträge sind hier oder hier abrufbar.

Konferenz zu Reduktion und Emergenz

Reduktion und Emergenz sind seit einigen Jahrzehnten Kernthemen der Wissenschaftsphilosophie. In München wird vom 14. bis 16. November 2013 eine Konferenz mit dem Titel “Reduction and Emergence in the Sciences” stattfinden. Unterstützt wird die Konferenz durch die Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Zu den Organisatoren und zum Programmkomitee gehören für diesen Bereich bekannte Namen wie Stephan Hartmann, Albert Newen, Achim Stephan, Paul Hoyningen-Huene und andere.

Als Keynote Speaker werden angekündigt Patricia S. Churchland, Kevin D. Hoover, Margaret Morrison und Samir Okasha. Die Konferenz soll auf iTunes U dokumentiert werden (hier der Direktlink zum iTuneskanal des Munich Center for Mathematical Philosophy).

Paul Krugman: Europäische Sparpolitik beruht auf einem ökonomischen Irrtum

Paul Krugman ist auch der breiteren Internetöffentlichkeit bekannt durch seine pointierten Kommentare zur Ökonomie und Finanzpolitik. In einem ausführlichen Artikel für die New York Review of Books attackiert er erneut den Hokuspokus in der Finanzpolitik – die schwache empirische und ökonomische Fundierung der Sparpolitik als Instrument zur Behebung der Finanzkrise.

Krugman zufolge hat sich historisch immer eine ausgabenorientierte Politik à la Keynes zur Bewältigung von Krisen bewährt, während sich konservatives Sparen immer als schädlich erwiesen habe. Der Grund, warum die Sparpolitik dennoch attraktiv erscheint, kann nur politischer und psychologischer Natur sein, so Krugman. Deshalb haben Ökonomen wie er in der Krise 2008 und 2009 argumentiert, die staatlichen Stützungsmaßnahmen seien nicht ausreichend – sie sollten ausgeweitet werden. In Europa wird derzeit aber sogar im Gegenteil versucht, der Finanzkrise mit einer strengen Sparpolitik zu begegnen. Schon “Economics 101” – also die Einsteigerseminare für Studienanfänger – würden deutlich machen, dass Sparpolitik unter diesen Umständen unüberlegt ist.

Gestützt wurde die Sparpolitik der letzten Jahre durch zwei ökonomische Arbeiten, die Meilensteinstatus erwarben: ein Papier von Alberto Alesina und Silvia Ardagna aus dem Jahr 2009 und eines der Harvard-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff. Insbesondere die letzte Arbeit habe so viel Einfluss gehabt wie noch kein anderes Papier in der Geschichte der Ökonomie. Mittlerweile hat sich jedoch herausgestellt, dass das Ergebnis dieser Arbeit aus Programmierfehlern, Datenauslassungen und ungewöhnlichen Statistikmethoden resultierte, so Krugman. Auch das Papier von Alesina und Ardagna habe einer Überprüfung nicht standgehalten; die Ergebnisse seien in sich zusammengefallen. Gleichwohl seien sie zur Grundüberzeugung der europäischen Spar-Orthodoxie geworden.

“At this point, then, austerity economics is in a very bad way”, resümiert Krugman. Dies sei dramatisch, weil es zu schweren politischen Fehlern geführt habe. Es sei abzuwarten, ob Logik und Evidenz wieder Bedeutung bekämen.

Krugmans Artikel ist sehr ausführlich und gibt einigen Anlass zur Diskussion. (Seine Thesen wurden gestern nachmittag auf CNN ausgiebig diskutiert. Ein Kommentator aus der Ökonomie sagte dort: “Economy got it wrong on Europe”, und dies der Grund für die anhaltenden Probleme.) Neben den genannten Arbeiten referiert Krugman drei jüngere Buchveröffentlichungen, die auf diese Weise rezensiert werden. Seine Darstellung ist nicht nur politisch, sondern auch wissenschaftshistorisch und wissenschaftstheoretisch von Interesse.

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50 Jahre “Paradigmenwechsel”

John Naughton schreibt im Guardian über Thomas Kuhns Buch “Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen”, das vor 50 Jahren erschien. Dass das Wort “Paradigma” zum Modebegriff wurde, verdanken wir dem Erfolg von Kuhns Buch.
Eine eher skeptische Würdigung hat John Horgan im Scientific American veröffentlicht.

Konferenz der Gesellschaft für Wissenschaftsphilosophie

Die neugegründete Gesellschaft für Wissenschaftsphilosophie (Gründungsmitglieder u.a. Andreas Bartels, Carsten Held, Holger Lyre, Meinard Kuhlmann, Gregor Schiemann) wird vom 11. bis 13. März 2012 ihre erste internationale Konferenz, die zugleich Kick-Off-Meeting ist, in Hannover veranstalten.

Thema der Konferenz ist “How Much Philosophy in the Philosophy of Science?” Es geht um die Frage, wie weit sich die Wissenschaftstheorie den methodologischen Standards der Einzelwissenschaften angenähert und dabei möglicherweise von der philosophischen Tradition entfernt hat, und wie dies zu bewerten ist. Gibt es zwischen Philosophie der Physik, Philosophie der Biologie, Philosophie der Sozialwissenschaften etc. etwas Verbindendes? Und zeigen die jüngsten Debatten um Begriffe wie Kausaliät, Mechanismen und Komplexität, dass es einheitliche Hintergrundorientierungen in diesen zunächst disparaten Bereichen gibt?

Keynote-Speaker der Konferenz sind Peter Godfrey-Smith, Stephan Hartmann, James Ladyman, Sandra Mitchell, Chrysostomos Mantzavinos, Margaret Morrison und Wolfgang Spohn.

Errol Morris über Thomas Kuhn und Inkommensurabilität

Im Opinionator-Blog der New York Times schreibt der Filmemacher Errol Morris über seine persönlichen Erfahrungen mit Thomas Kuhn und dessen Theorie des Paradigmenwechsels und der Inkommensurabilität. Morris hat in den frühen 70er-Jahren in Princeton und Berkeley studiert.

Kuhn habe ihm untersagen wollen, ein Seminar von Saul Aaron Kripke zu besuchen. Und als Morris ein halbes Jahr später Zweifel an der Idee der Inkommensurabilität äußerte wurde diese Auseinandersetzung persönlich und Kuhn warf schließlich einen Aschenbecher nach Morris.
In dem 5-teiligen Blogbeitrag schreibt Morris, warum er Kuhns (verschiedene) Theorien des Paradigmenwechsels, der Inkommensurabilität und dessen Relativismus für falsch hält.

An anderer Stelle schreibt Morris eine Antwort auf Kritiken und Kommentare zu seinem Beitrag.