Rund um die Willensfreiheit

Alfred Mele hat bei OUP eine Aufsatzsammlung “rund um die Willensfreiheit” herausgegeben: “Surrounding Free Will: Philosophy, Psychology, Neuroscience“. (Der Band ist eines der Ergebnisse eines Templeton-Projektes zur Willensfreiheit.) Neil Levy schreibt dazu eine Rezension bei NDPR.

Nachdem eine zeitlang experimentelle Ergebnisse der Neurowissenschaften so gedeutet wurden, dass es keine Willensfreiheit gibt, hat in den letzten Jahren eine intensive Diskussion darüber eingesetzt, in der immer mehr Autoren feststellen, dass diese Interpretation überzogen war. Auch der von Mele herausgegebene Band enthält zahlreiche Beiträge zu einer “more deflationary interpretation of the experimental work“, so Levy.

Es ist wahrscheinlich kein Quantendingsbumms

Quantentheorie ist kompliziert, und eine noch optimistische Annahme ist, dass nur die Fachleute sie verstehen. Dennoch muss sie immer häufiger herhalten für die Behauptung verschiedener Ansichten zu Themen von Gesundheit bis Willensfreiheit. David Wallace (Oxford, Philosophy of Physics) warnt jedoch mit Blick auf die Kognitionswissenschaften in seiner Replik “Protecting cognitive science from quantum theory” (in: Behavioral and Brain Sciences 27 (2004), pp. 636-637):

A satisfactory theory of macroscopic ontology must be as independent as possible of the details of microscopic physics.

Nida-Rümelin im taz-Interview

In der taz gibt Julian Nida-Rümelin ein längeres Interview. Vorrangig geht es um Verantwortung in politischen Institutionen – aus Anlass der Geschichte mit Thomas de Maizière und dem gescheiterten Drohnenprojekt. Dabei gehe es auch um die Verantwortung des Tötens durch technische Systeme. Auch über das Rücktrittstheater im Allgemeinen und die Rolle der Medien wird gesprochen. Und schließlich kommt noch kurz das Thema Willensfreiheit zur Sprache.

Update: Das Interview steht jetzt auch als PDF auf der Homepage von Julian Nida-Rümelin.

“Jenes schwere Problem”

The hard problem” ist in der aktuellen Philosophie ein geläufiges Schlagwort. Genauer handelt es sich um das – von David Chalmers so benannte – “schwierige Problem des Bewusstseins” (s. Wikipedia englisch und deutsch). Das schwierige, oder harte, Problem des Bewusstseins ist die klassische Qualiafrage, also die Frage, warum es überhaupt Erlebnisgehalte gibt. Wenn alles mit physikalischen Dingen zugeht und es Erlebnisse gibt, ist dies in der Tat ein erstaunliches Phänomen.

Ganz ähnlich – und dieser Beitrag ist letztlich nur ein Hinweis auf diese Textstelle – erwähnte Immanuel Kant in der ‘Kritik der praktischen Vernunft’ “jenes schwere Problem … an dessen Auflösung Jahrtausende vergeblich gearbeitet haben” (KpV Original 172, AA 96). Dabei geht es allerdings nicht um Qualia, also phänomenales Erleben, sondern – in Kants Worten – um Freiheit, Naturnotwendigkeit und Kausalität (s. z.B. Wikipedia oder besser noch Ansgar Beckermanns Übersicht zum Problem der Willensfreiheit).

Christine Korsgaard im Interview

Beim 3-AM-Magazine gibt es ein Interview mit der amerikanischen Kantexpertin Christine Korsgaard. Kant ist für sie ein naturalistischer Philosoph (der Meinung bin ich auch), für den alles entweder als Teil der natürlichen Welt erklärt werden kann oder aus der menschlichen Perspektive durch menschliche Bedürfnisse (wie z.B. “Tische” oder “Werte” oder “Vernunft”). “And it is right to think that the real source of all value in the world lies in people and animals”, so Korsgaard.

Sie pflichtet Kants Autonomiegedanken bei, klärt das seit Schiller bekannte Missverständnis auf, dass gute Taten, die mit Neigungen verbunden sind, für Kant angeblich moralisch wertlos seien (was bspw. auch schon Günter Patzig getan hat (“Der kategorische Imperativ in der Ethik-Diskussion der Gegenwart”)), und erläutert ihr Modell der konstitutionellen (statt kombativen) Funktion von Gefühl und Vernunft (“roughly speaking, passion proposes and reason disposes”).

Der Interviewer, Richard Marshall, macht seine Sache wie gewohnt gut. Er stellt die interessanten Fragen und kennt auch die roten Fäden einer Debatte oder eines Oeuvres. So fragt er Korsgaard, warum “Vernunft kein Despot ist”, worauf sie ihre Sicht von Identität erläutert und dass “wir uns mit unserer Vernunft identifizieren”. Das Interview greift zahlreiche weitere interessante Punkte auf, nicht zuletzt das Problem der Willensfreiheit, das ihr keine schlaflosen Nächte bereitet (“there is no point in saying …”)

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Die Libet-Experimente und Willensfreiheit

Julian Nida-Rümelin hat auf seiner Webseite den Text eines Vortrags mit dem Titel “Libet and Liberty” veröffentlicht. Darin beschreibt er die Experimente und die Interpretationen, die sie als Beleg gegen Willensfreiheit anführen. Er zeigt, dass diese Interpretation auf logischen Fehlern beruht und dass sie nicht in Einklang steht mit anderen neurowissenschaftlichen Studien. Und schließlich ist er der Auffassung, dass das Libet-Experiment gar nicht das Problem der Willensfreiheit modelliert: “What Libet’s results could show at most is that in cases of indifference there are unconscious brain processes that cause our behaviour. But that is no argument against the existence of free will – and as we have seen, even this argument fails.

Willensfreiheit

Der blinde Hund hat bei seinem Hinweis auf die Philosophy-Bites-Episode über Willensfreiheit einen guten Artikel in Nature aufgespürt, der die Problemlage in der Debatte um Willensfreiheit anschaulich darstellt: “Neuroscience vs philosophy: Taking aim at free will“.

Neurowissenschaftler wie Benjamin Libet oder John-Dylan Haynes liefern experimentelle Ergebnisse, die die Zunft gerne als Widerlegung der Willensfreiheit interpretiert. Demgegenüber weisen Philosophen darauf hin, dass damit zwar der Dualismus von Seele und Körper ins Wanken gerät, der aber in der Neurophilosophie heute eher keine Rolle mehr spielt (siehe zum Beispiel hier). Die Auffassung, dass der freie Wille irgendwie seinen Platz in einer spirituellen Seele hat, wird von den meisten Philosophen heute eben nicht vertreten.

Was man aber experimentell zeigen kann, ist, dass Menschen, denen man den Glauben an ihre Willensfreiheit genommen hat, weniger hilfsbereit und aggressiver sind.

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Ansgar Beckermann über Willensfreiheit und Gerhard Roth

Am 6. März hat Ansgar Beckermann vor der Philosophischen Gesellschaft Bremen und der Wissenschaftsvereinigung “Wittheit” einen Vortrag zum Thema “Gehirn, Ich, Freiheit” gehalten. Das Vortragstehema ist der Titel seines gleichnamigen Buches. Aus diesem Anlass hat Radio Bremen ein Interview mit ihm geführt, das hier zu hören ist.
Beckermann geht kritisch auf die Argumente von Neurowissenschaftlern wie Gerhard Roth oder Wolf Singer ein, die behaupten, die Libet-Experimente würden zeigen, dass es keine Willensfreiheit gibt. Offenbar, so Beckermann, vertreten Roth und Singer nach wie vor den Cartesischen Dualismus von Körper und Seele. Unter dieser Voraussetzung kann es keine Bestätigung für einen freien Willen geben. Stattdessen müssten sie sich von der künstlichen Trennung von Gehirn und Person verabschieden.

Das folgende Video ist ein Ausschnitt eines anderen Vortrags von Beckermann an der Uni Heidelberg, in dem er das Argument mit den Libet-Experimenten erläutert:

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Rezension zu Robert Kanes “Ethics and the Quest for Wisdom”

Alexa Forrester rezensiert in den “Notre Dame Philosophical Reviews” Robert Kanes neues Buch “Ethics and the Quest for Wisdom”. Kane stellt eine neuartige vollständige ethische Theorie vor, die er “Moral Sphere Theory” nennt und unter anderem mit dem Kantianismus, Konsequenzialismus und Kontraktualismus kontrastiert.

Robert Kane ist einer der bekanntesten Philosophen der Willensfreiheit.

Im Netz gelesen

1. Deutsche Wirtschafts- und Bildungspolitik aus amerikanischer Sicht: The German Example

2. Twitter-Searchtools

3. Debunking people’s belief in free will takes the intention out of their movements

4. Über die NSDAP-Mitgliedschaft bundesrepublikanischer Größen von denen jüngst Malte Herwig berichtete.

5. Mit Pop statt Theorie für die Wiederbelebung von Marx – natürlich mit Zizek: Der Philosoph als Standup-Comedian und Dauerperformer