Facebook löscht kirchenkritische Beiträge des Fernsehmoderators Domian

Wie der WDR berichtet, hat Facebook Beiträge des Fernsehmoderators Jürgen Domian gelöscht, in denen er sich kritisch mit kirchlichen Positionen auseinandersetzt. Domian teilte daraufhin mit, er sei “äußerst verärgert und fassungslos”. Die lauwarme Erklärung von Facebook räumt ein, “dass gelegentlich Fehler gemacht werden”. Ihr ist zu entnehmen, dass man offenbar auf Hinweise von “fanatischen Kirchenanhängern” – wie Jürgen Domian dies kommentiert – reagiert habe.

Die Maßnahme ist offenkundig eine Interpretationshilfe zum Verständnis sowohl von Facebook als auch von Religion.

Das schöne Leben mit Computer

Das Leben mit Computer und globaler Vernetzung hat alles viel schöner und wahnsinnig intelligent gemacht.
Eddie Izzard aus Großbritannien, dem Land, aus dem die nüchternsten und klarsten philosophischen Beiträge kommen, sagt mit der ebenso eloquenten wie profunden Analyse in diesem Video eigentlich Alles, was es dazu zu sagen gibt und liefert darüber hinaus noch eine wissenschaftlich exakte rechtssoziologische Entstehungs- und Anwendungsstudie der so beliebten Teilnahmebedingungen von Onlinediensten.

Gar nicht so soziale Netzwerke?

Auch Markus Beckedahl, Initiator des bekannten Netzpolitik-Blogs und der “Digitalen Gesellschaft”, verzweifelt an der Kommentarfunktion in seinem Blog, die offenbar auch bei ihm kräfte- und nervenzehrend ist. Er fragt: “Einfach mal die Kommentare schließen?

Mit wenigen Ausnahmen ist es mittlerweile hier im Philoblog ja relativ ruhig, aber frühere Zweifel an der Kommentarfunktion durfte man ja kaum laut äußern. Insofern ist es interessant, dass sie jetzt auch an so prominenter Stelle zur Sprache kommen.

re:publica 2011 re:view – Teil 2: Für eine selbstkritische digitale Gesellschaft

  • I always say, don’t be a fan, be a critical reader.” (Christopher Hitchens)
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  • Ihr habt bis jetzt völlig versagt.” (Sascha Lobo)
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    re:publicaDie re:bublica 2011 ist gerade vorbei. Man liest, der Vortrag von Gunter Dueck über “Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem” sei der “mit Abstand beste Beitrag”. Superlative sind meistens so falsch wie ihr Gegenteil, denn natürlich ist das erstens unfair den anderen 299 Sprechern gegenüber und zweitens und vor allem auch sachlich falsch. Ich habe auch andere sehr gute Vorträge gehört, zum Beispiel (um nur einen zu nennen) Sandro Gaycken über “Cyberwar”.
    Man muss differenzieren können. Die Dinge haben mehr als eine Seite, und meistens fällt einem ein vernachlässigter Aspekt später einmal auf die Füße.

    Eines der Ideale der re-publica ist es, der Gesellschaft Perspektiven für das digitale Leben aufzuzeigen. Nehmen wir die Session “10 Jahre Blogs in Deutschland”. Jörg Kantel, Anke Gröner oder Don Dahlmann sind Beispiele dafür, wie man das Internet für sich nutzen kann. Interessant aber auch, wer nicht auf der Bühne sitzt. Blogger, die seit sieben, acht oder neun Jahren bei antville.org, blogger.de oder twoday.net sind (wieder nur Beispiele), und skeptisch auf alles Showartige und den Social-Media-Hype reagieren. Ohne das zu bewerten – man muss feststellen, diese Leute sind längst im digitalen Leben angekommen.
    Das Bloggen hat sich in den letzten drei Jahren verändert. Vielleicht ist Twitter der Grund. Vielleicht aber auch die re:publica. Johnny Haeusler und sein Team machen einen hervorragenden Job. Sie halten die re:publica offen. Eine Business-Show ist das letzte, was sie wollen. Sie ist der beste Ort, um über den Nutzen des Internet für uns alle zu reden. Sascha Lobo hat zu Beginn seines diesjährigen Vortrags dezent darauf hingewiesen, was das Problem mit den Vorreitern der digitalen Gesellschaft ist: Grüppchenbildung, Im-eigenen-Saft-schmoren und Toleranzunfähigkeit. Was dagegen not tut: mehr Toleranz, bessere Kommunikation.

    Und mehr Selbstkritik, muss man hinzufügen. Zu sagen, dass die FDP doof ist, ist nicht besonders kritisch – das Wiederholen von Stereotypen ist keine Kritik. “Meine Zuhörer sind doof” oder “ich bin doof” sind dagegen schon ein Stück weiter. Natürlich bringt das nichts als Selbstzweck. “Dooffinden” ist vermutlich nicht einmal ansatzweise Kritik. Kritik muss schon reflektiert sein
    Ein Beispiel: nehmen wir doch einfach den Vortrag von Gunter Dueck. Er wünscht sich mehr Internet überall, sagt, das Wissen von Menschen wird nicht mehr gefragt sein, weil es im Netz ist, es wäre praktisch, wenn Steuerdaten und Krankheitsakten im Netz global zugänglich wären, damit man eine Sachbearbeiterin, die in meinen Daten “krankgeschrieben: ja” einträgt, einsparen kann. Integration der Systeme ist das Zauberwort. Ich habe genau das 10 Jahre beruflich gemacht – IT-Systeme integriert – und es hat sich in dieser Zeit mehr als eine Frage über den Zweck dieses technologischen Sachzwangs aufgetan. Der Vortrag von Dueck fand genau am richtigen Ort statt, da, wo all die Social Media Geeks sich austauschen. Jetzt müssen die Fragen gestellt werden: Brauchen wir das? Was davon brauchen wir, was nicht?

    Selbstkritik erledigt man nicht mit einem mal, sie gehört zum Leben. Die Zeiten, in denen man Vertreter missliebiger politischer Parteien verspotten konnte, weil sie jemanden brauchten, der ihnen das Internet ausdruckt, werden bald vorbei sein. Man wird die politischen Akteure nicht mehr zum Datenstrom tragen müssen, sie werden selber die Herde vor sich hertreiben. Daten sind Macht. Einen Kontrollverlust können wir uns nicht erlauben. Wer will sich schon in zehn oder zwanzig Jahren sagen lassen müssen, dass er damals sein Smartphone ein- und seinen Kopf ausgeschaltet habe?!

    re:publica 2011 re:view – Teil 1

    Republica
    Die re:publica 11 hat sich gelohnt. Es gibt, wie immer, positive und negative Dinge, die ja schon an verschiedenen Stellen erwähnt wurden. Ich denke, insbesondere das Raumproblem wird sich das Team zu Herzen nehmen (Update: erledigt :-) ). Aber es war bestimmt ein Riesenhaufen Arbeit, und die Leute vom Team vor Ort, also alle HelferInnen, denen ich begegnet bin, waren sehr hilfreich. Auf mich machte das einen menschlichen Eindruck – vielen Dank für Alles! Nettigkeit ist zwar extrem unnerdig, aber ohne steht man halt immer nur in kleinen Gruppen rum und pflegt seinen Dünkel – das sieht sehr unschick aus.

    Und eine Menge tolle Leute und interessante RednerInnen waren da. Es sind ja nicht allein auf Äußerlichkeiten abfahrende Nerds, die die re:publica bevölkern. Mein Tipp für solche Veranstaltungen ist immer, dass man sich nicht so sehr an der vorgeblichen Hippness von Irgendwas orientieren sollte, sondern sozusagen abseits davon mal genauer hinschaut – sowohl im Programm als auch auf den Fluren. Es müssen nicht immer nur die Key Notes sein.
    So habe ich eine ganze Reihe richtig hervorragender Vorträge gehört, und da ich nur anderthalb Tage da war und mich nicht teilen kann, nehme ich an, dass da noch viel mehr im Programm steckte. Jeanette Hoffmann über “Google Books”, Julia Probst bei “Blogger_Innen im Gespräch”, Sandro Gaycken über “Cyberwar”, der von Carolin Buchheim geleitete Workshop über Online-Lokaljournalismus mit Rainer Kurlemann und anderen – das waren einige der Sessions, aus denen ich klug wurde.

    Die re:publica ist ja ein Versuch, den Spagat zwischen Nerdtum, Business und soziokulureller Realität aka Alltag hinzubekommen. Da gibt es immer Spezialisten, die glauben, es sei ihr Terrain, und insofern ist diese breite Mischung als Korrektiv natürlich gut. Wenn es sie nicht schon gäbe, müsste man sie erfinden. Themen-Pächter und Alleinvertreter haben ja immer etwas Päpstliches, das glücklicherweise von der demokratischen Realität überholt wird.

    Erstaunlich, wen man so alles kennenlernt. Auf der re:publica bin ich nicht drauf gekommen, woher ich Dan Racek kenne (jetzt weiß ich es: Google Buzz), mit dem ich Würstchen und Kartoffelsalat gegessen habe, und der irgendwas mit Marketing oder so macht, aber beim Essen jedenfalls eine philosophische Ader zu haben scheint. Beim Smalltalk mit Lisa Peyer haben wir beide festgestellt, dass wir bei unseren thematischen Interessen doch unsere Vorträge gegenseitig hätten besuchen müssen; ist fürs nächste Mal vorgemerkt. Und am letzten Tag hat es dann endlich geklappt, den geschätzten und sehr angenehmen Thorstena in Ruhe zu treffen, der sich zum Glück nach meinem Vortrag am Donnerstag schon kurz zu erkennen gegeben hatte.

    Mit meiner eigenen Session bin ich sehr zufrieden. Nachdem ich die Bestätigung für den Termin erst sehr kurzfristig bekommen habe (danke an Anne vom Team für die Infos), fiel die Vorbereitung etwas knapp aus (ich hatte zuvor Unmengen an Material weggeschrieben, aber noch nicht in Form), und ich konnte nicht recht einschätzen, was das Publikum von einem Ausflug in die Philosophie halten würde. Aber das Interesse während und das umwerfende positive Feedback nach der Veranstaltung haben mich beruhigt – es war wohl wie erhofft ganz informativ. Die Präsentation wird demnächst hier und wohl auch auf der re:publica-Seite zu sehen sein.

    In der Oranienburgerstraße, unweit des Tagungsortes, habe ich dann noch eine sinnreiche Location gefunden, die geeignet erscheint, die Platzprobleme der diesjährigen re:publica aus der Welt zu schaffen: das ehemalige Haupttelegrafenamt Berlin, das ohnehin derzeit ungenutzt ist und im Keller nach wie vor die Reste der einst größten Rohrpostanlage Deutschlands beherbergt. Das passt thematisch natürlich glänzend. Und vielleicht ließe sich die Anlage reaktivieren, um Engpässe im WLAN zu umgehen!

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    Für eine Entmythologisierung des Internet

    Die Diskussionen um das Web 2.0 ziehen immer weitere Kreise. Debatten im Bundestag, Berichte in den klassischen Medien von Tagesschau bis Lokalzeitungen, Elternabende an Schulen, aber vor allem auch Diskussionen im privaten Alltag zeigen den großen Klärungs- und Informationsbedarf. Gefahren werden beschrieben, Inkompetenzvorwürfe ausgetauscht, Gesetze und Bildungsinitiativen für notwendig erklärt.
    Man hört und liest viel von der Revolution des alltäglichen Lebens und der Medien durch das Internet. Die sogenannten Digital Natives, die Generation der unter 30jährigen, die mit Computer, Internet, MP3-Player und Digitalkamera aufgewachsen ist, werden abwechselnd als neue Vorbilder und als Opfer einer allumfassenden Abstumpfung und psychologischen Fehlentwicklung vorgestellt. An diesen Diskussionen ist Vieles interessant, Einiges wahr, und Manches überdreht und aufgeregt. Ich will hier eine Perspektive einnehmen, die nicht direkt dazu Stellung bezieht, sondern sich allgemeiner in soziokultureller und kulturphilosophischer Hinsicht mit der Bewertung des Internet als eines neuen Objekts und Werkzeugs für den Menschen beschäftigt.

    Ich werde mich hier zunächst mit den praktischen Fragen des individuellen Verhaltens im Internet, also den moralischen Fragen im weitesten und ganz untechnischen Sinne, beschäftigen, um so die Voraussetzungen für meine Forderung zu entwickeln, dass wir das Internet entmythologisieren müssen.

    1. Machen – Mitmachen – Aber wie?
    Die neuen Möglichkeiten von Öffentlichkeit und Märkten sind für Viele überraschend, und man kann wohl zu Recht sagen, dass die Entwicklung in Deutschland von Manchen verschlafen wurde. Zwischen Entsetzen hie und Enthusiasmus da empfiehlt es sich aber, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Situation nüchtern zu bewerten.
    Die Welt wird in nächster Zeit nicht wegen des Internet untergehen, die Kultur ist ebensowenig in Gefahr, aber auch ist niemand so von gestern, dass er das neue Internet nicht benutzen oder beurteilen könnte. Wer telefonieren oder einen Brief schreiben kann, der wird auch im neuen Internet zurechtkommen können. Es ist an der Zeit, das Thema zu entmystifizieren.

    Auch wenn am Internet zunächst einmal alles neu und hochtechnisch erscheint – die prinzipiellen Möglichkeiten sind relativ einfach zu verstehen. Man muss sie nur zur Kenntnis nehmen, und einige einfache Regeln bei seinen Internetaktivitäten berücksichtigen. Die technischen Details kann man aus der Perspektive dieses Artikels durchaus vernachlässigen, denn dafür gibt es Experten. Sorgen wir dafür, dass sie sie prüfen und diskutieren können, und dass ihre Bewertungen Gehör finden. In welchem Lebensbereich ist man schließlich schon Experte? Etwa im Handels- oder Steuerrecht, in Fernmeldetechnik oder in Chemie? Diese Disziplinen haben erheblichen Einfluss auf unser Leben, und wir müssen uns darauf verlassen, dass Fachleute und gesetzliche Regelungen dafür sorgen, dass sie uns keine schwerwiegenden Probleme bereiten. Problemfälle bekommen öffentliche Aufmerksamkeit, und wir erwarten, dass dann gute Lösungen dafür gefunden werden.

    Wodurch zeichnet sich das neue Web 2.0 aus? Es wurde treffend als Read-Write-Web, als Mitmachnetz (Affiliate Link Amazon) bezeichnet. Waren in der ersten Phase des Internet in den 1990er Jahren noch Fachkenntnisse erforderlich, um Inhalte ins Internet zu stellen, so hat sich das grundlegend gewandelt. Im Internet zu veröffentlichen ist so einfach wie E-Mail-Schreiben. Wer dies tut, muss sich allerdings eine Tatsache vor Augen halten: das, was im Netz veröffentlicht wurde, kann in aller Regel nicht mehr zurückgeholt werden. Man kann versuchen, einen Kommentar oder einen Beitrag zu löschen, aber sehr wahrscheinlich ist die darin enthaltene Information automatisiert auch in anderen Diensten, Archiven und Datenbanken gespeichert. Die Kontrolle darüber hat der Autor jedenfalls seit dem Augenblick nicht mehr, in dem er seinen Beitrag veröffentlicht. Möglicherweise hat ein anderer Internetnutzer ein Foto oder ein Video erstellt und ins Internet hochgeladen, in dem der eigene Artikel, Chatkommentar oder ein Portraitfoto zu sehen sind. Die Veröffentlichung im Internet ist nun mal potenziell zeitlich und räumlich unbegrenzt. Dies ist ein sowohl technisch als auch philosophisch interessanter Aspekt, mit dem wir uns aber nicht weiter aufhalten wollen. Beachten wir nur die unmittelbaren praktischen Konsequenzen. Ich möchte verdeutlichen, dass sie nichts prinzipiell Neues sind.
    Man halte sich einfach das Beispiel von Felszeichnungen und -einritzungen aus der Frühgeschichte der Menschheit vor Augen. Sofern keine besonderen Umstände diese Mitteilungen zerstörten, waren sie für alle Welt über sehr lange Zeiträume wahrnehmbar. Im Internet hat man im schlechtesten Fall überhaupt keinen Einfluss mehr auf diese Umstände, die eine Mitteilung erhalten, verbreiten oder löschen – aber im Prinzip ist es das Gleiche.

    In einer Hinsicht zeichnet sich das Internet aber besonders aus: der Autor einer „Mitteilung“ hat mit ihr eine Spur hinterlassen, und sofern er auch an weiteren Stellen im Netz aktiv war, können Computersysteme alle diese Spuren sammeln und bei Bedarf in einer Übersicht zur Auswertung bereitstellen. Ein „Werkverzeichnis“ des Autoren von Mitteilungen steht somit ungefragt und automatisiert zur Verfügung. Ob er Artikel über mittelalterliche Seefahrt geschrieben oder seiner Lieblingssängerin schmachtende Kommentare zu ihrem Musikvideo hinterlassen hat – oder, vielleicht noch aufschlussreicher, beides: dort Fachmann, hier Privatmann – der Algorithmus der Maschinen und beliebig große Datenbanken könnten all dies auf Knopfdruck gebündelt zutage fördern. Diese ungewollte Profilierbarkeit ist erschreckend. Deshalb muss man eine einfache Regel verinnerlichen, wenn man im Internet unterwegs ist: Alles dort ist im Prinzip öffentlich (auch ein passwortgeschütztes Forum bietet keinen prinzipiellen Schutz), deshalb sollte man sich so verhalten, als bewege man sich vor laufenden Kameras auf einer Bühne. Man weiß nicht, wer einschaltet, und der kleinste Ausschnitt könnte zitiert und wiederholt werden.
    Philosophisch ist daran nichts schwierig, kulturell ist das prinzipiell nichts Neues. Seit Menschengedenken ist bekannt, dass man sich klug oder unklug in der Öffentlichkeit verhalten kann, dass es öffentliche Reputation gibt und ebenso Missbrauch öffentlicher Definitionsmacht. Deshalb muss man auf die neuen Techniken des Internet ein Auge haben, man muss Prinzipien diskutieren und sinnvolle Regelungen finden – aber eine geheimnisvolle Welt neuartiger virtueller Gesetzmäßigkeiten entsteht durch das Internet nicht.

    Die Menschen haben schon andere revolutionäre Entwicklungen erlebt. Die früheste, tiefgreifendste und wunderbarste war die Entstehung der Sprache. Welche neuartigen Gegebenheiten mit ihrer Verwendung in die Welt kamen, diskutieren Philosophen – etwa Platon, Wittgenstein oder Popper – bis heute. Weitere Meilensteine der menschlichen Entwicklung sind der Ackerbau, die Entwicklung der Schrift, des Rades, des Geldes, der kodifizierten Gesetzgebung, der Nationenbildung, der Demokratie, des Buchdrucks und so weiter. Alle diese Entwicklungen haben einen weitreichenden sozialen und kulturellen Wandel ausgelöst. Es war immer wieder erforderlich, das Neue aufzunehmen, die Gegebenheiten zu bewerten und sie sinnvoll anzuwenden.
    Der technologische und industrielle Wandel hat uns schon lange im Griff. Man bedenke nur, welche Umwälzungen allein in den letzten Jahrzehnten stattgefunden haben. Hier in Norddeutschland hat man beispielsweise die riesigen Hafenanlagen von Städten wie Hamburg, Bremen oder London vor Augen, die in den vorigen Jahrhunderten auf eine enorme Größe anwuchsen – bis sie auf einmal zunehmend brachlagen als der Transport von Gütern von Stückgut auf Containerfracht umgestellt wurde. Das waren enorme infrastrukturelle Herausforderungen. Und es bedeutete den Niedergang vieler Hafengebiete, auf denen später neue urbane Projekte entstanden: Docklands, Überseestadt, Hafencity und wie sie alle heißen. Man mag sich über diese Projekte streiten – der alte Hafenbetrieb ist jedenfalls weg, andernorts ersetzt durch neuartige Containerterminals. In der Agonie war man gezwungen, die Veränderung anzunehmen und Neues zu schaffen. Die technische Entwicklung bringt Veränderungen mit sich, denen man sich unter Umständen nicht entziehen kann. Das war seit den Anfängen der menschlichen Zivilisation so, und gilt auch für das Internet, das zweifelsohne eine große Umwälzung auslöst. Doch die Neuartigkeit als solche ist definitiv kein besonderes, einzigartiges Kennzeichen dieser jüngsten Veränderung.

    2. Das Neue dringt in den Alltag – wir haben die Maßstäbe!
    Das Neue, das uns das Internet bringt, wird noch nicht von Allen als Gegebenheit und als Herausforderung akzeptiert. Man nimmt eine Kopf-in-den-Sand-Haltung ein, die die Entwicklung sicher nicht aufhalten wird. Nur dass man sich damit der Chance begibt, sie zu gestalten. Auch wenn es psychologisch verständlich ist, dass Menschen, obwohl sie Telefon, Auto oder elektrisches Licht für eine Selbstverständlichkeit halten, das Internet dämonisieren, so ist es in praktischer Hinsicht doch befremdlich. Als wenn Telefon, Geld oder das Versicherungswesen keine Artefakte wären. (Sogar das Wasserklosett ist „unnatürlich“: Die Römer mussten in den eroberten Gebieten Nordeuropas erst einmal die Irritation der örtlichen Bevölkerung über die Benutzung der Latrinen überwinden.)
    An vielen der ablehnenden Stellungnahmen zum Internet ist der Mangel an Offenheit und Neugierde und das fehlende Verständnis für seine kreativen und demokratischen Potenziale auffällig. Aber um diese Chance zu sehen oder zu ergreifen, ist ja nicht ausschließlich eine Haltung der kritiklosen Begeisterung vorauszusetzen. Im Gegenteil! Sie ist das kurzsichtige Extrem auf der anderen Seite. Sie überlädt die Eigenschaften des Internet positiv, mythologisiert es geradezu, während die andere Seite es dämonisiert. (Es gibt weitere, teilweise recht raffinierte Varianten zwischen diesen Extremen, aber für den Zweck dieses Artikels reicht es aus, sich die eindeutigeren Positionen zu veranschaulichen.)

    Ob das Internet existiert und sich weiter entwickelt ist eine unfruchtbare Frage. Die kritischen Fragen aber, die diese Gegebenheiten hervorrufen – was macht das mit unserer Kultur, mit der Psyche, mit der Wirtschaft – lassen sich vernünftig nur beantworten, wenn man das Gestrüpp der Mythen, Märchen und Dämonen beiseite räumt. Es gibt keine Lizenz zur Interpretation des Internet, man muss weder Gegnern noch Enthusiasten eine Definitionshoheit in dieser Frage einräumen. Was wir brauchen ist eine Sichtweise, in der das Internet ein Alltagsding und Alltagswerkzeug innerhalb des Rahmens der soziokulturellen Gegebenheiten ist, in der Jugendliche ebenso wie Senioren, Unternehmen ebenso wie Künstler, und wer auch immer eine eigene Verwendungsweise und Einstellung für sich reklamieren können, die nicht von der Logik und Definitionshoheit irgendeiner anderen Gruppe bestimmt wird. Eine Sichtweise, in der die Vermutung, das Internet habe mit der alten Welt nichts mehr zu tun und es setze die gewohnten Regeln außer Kraft, nicht mehr den Blick auf die Wirklichkeit und die kulturelle Praxis verstellt.
    Um dahin zu kommen, müssen wir einfach mehr auf dem Teppich bleiben – jedenfalls mehr, als es derzeit zwischen den Polen von dämonisierter Ablehnung und modischer Begeisterung üblich ist – bis irgendwann ein Begriff wie „Digital Natives“ mal so informativ und vielsagend ist wie „Klosettbenutzer“.

    Nach meinen Erfahrungen im Web 2.0, mit Simulationen, virtuellen Welten, eCommerce, mit Datensicherheit und Datenschutz usw. habe ich den Eindruck, dass moralische Bewertungen des Internet gewöhnlicher sind, als es unsere Intuition vielleicht zunächst nahelegt. Unsere moralischen Maßstäbe und Regeln müssen in der Anwendung sicher diskutiert und ausprobiert, aber nicht neu erfunden werden.


    Geek and Poke