Der junge Carnap

Es ist gelegentlich eine interessante Beschäftigung, obskuren Ideen nachzugehen, teils weil sich so gewöhnliche Prokrastination als seriöse Beschäftigung kaschieren lässt, teils weil man dadurch auf interessante Details stößt, die das unvollständige Wissen, das man besitzt, wiederbeleben und so vielleicht Anlass geben, zu fruchtbareren Erkenntissen zu gelangen. Ein solches mir bislang unbekanntes Detail ist mir in der letzten Zeit beim “Fußnotenvergleich” und durch andere Zufälle vor die Füße gefallen:

Rudolf Carnap, der in Jena studierte und dort unter anderem Gottlob Frege gehört hatte, war Mitglied des Serakreises in Jena – einer freistudentischen Gruppierung, und der reformierten Akademischen Vereinigung Jena. Diese Vereinigung war Mitausrichter des Ersten Freideutschen Jugendtages auf dem Hohen Meißner im Oktober 1913, an dem auch Carnap teilnahm. Dort wurde er “Leiter des Druckamtes” (siehe z.B. H.-J. Dahms: Die Emigration des Wiener Kreises, in: Friedrich Stadler (Hg.), Vertriebene Vernunft I, S. 70).
Andere Teilnehmer dieses Jugendtages waren unter anderem Paul Natorp und Walter Benjamin (laut Wikipedia-Eintrag, in dem Carnap allerdings nicht erwähnt wird). Ungefähr 2000 bis 3000 Teilnehmer sollen dieses Treffen an einem Wochenende besucht haben, und so besteht immerhin eine kleine Wahrscheinlichkeit, dass Carnap und Benjamin sich bei dieser Gelegenheit begegnet sind.

Ein anderes Detail aus Carnaps früher Jugend erwähnt heute der Blinde Hund: Ein Mini-Drama des 12-jährigen Rudolf Carnap über den römischen Feldherrn Scipio Africanus hat das Carnap-Archiv der Universität Pittsburgh ins Netz gestellt. Eine Inhaltsangabe findet man beim Blinden Hund.

Stephan Wackwitz über Verehrung und Verkitschung von Walter Benjamin

Zum 70. Todestag von Walter Benjamin schreibt der Germanist und Schriftsteller Stephan Wackwitz bei WELT Online über Walter Benjamin und wie er in den letzten Jahrzehnten rezipiert wurde. Als Wissenschaftler sei Benjamin, abgesehen von seiner Dissertation über den frühromantischen Dichtungsbegriff, gescheitert, als Schriftsteller sei er genial. “Die einleuchtendste (und deprimierendste) Erklärung für den Siegeszug der poetischen Theorie Walter Benjamins jedoch ergibt sich aus der Beobachtung, dass seine Wiederentdeckung zusammenfiel mit dem Aufstieg einer akademischen Strömung, der es nicht mehr auf die Erfüllung tradierter wissenschaftlicher Standards ankam, sondern auf die Herstellung einer diffusen und wissenschaftlich nicht mehr zu kontrollierenden Bedeutsamkeit.

Heute seien die Geisteswissenschaften zwar bürokratisiert und trivialisiert, dafür würden in Katalogtexten und Essays Prunkzitate von Benjamin inflationär verwendet.
Benjamins literarischer Essay sei das glanzvolle Zentrum seines Werks, das ihn zu einer literarischen Größe mache. Dagegen müsse man “damit aufhören, aus seinen verzwickt geistvollen, aber fast durchgehend falschen Theorien den verschwiemelten Theoriequark anzurühren, als dessen Zutatenlieferant er immer noch herhalten muss.