Höffes neue Einführung in die Ethik

Bei Beck ist von Otfried Höffe “Ethik. Eine Einführung” erschienen. In dem schmalen Band führt Höffe den Leser von den anthropologischen Grundlagen zu den Grundmodellen der Ethik. Der Mensch ist ein zur Moral fähiges Wesen, wie er ja auch ein zur Vernunft fähiges Wesen ist – ein “animal rationabile” und ein “animal morabile”. Es liegt an ihm selbst, diese Potenziale durch Bildung und Selbstbildung zu aktualisieren. Ein Rezension von Höffes Buch hat Uwe Justus Wenzel in der NZZ veröffentlicht.

Mittelalterliche und frühneuzeitliche Emotionstheorien

Bei NDPR rezensiert Matthew Kisner die von Lisa Shapiro und Martin Pickavé bei Oxford University Press herausgegebene Aufsatzsammlung “Emotion and Cognitive Life in Medieval and Early Modern Philosophy“. Zu diesem Thema liegt auf Deutsch ja schon die Studie “Transformationen der Gefühle: Philosophische Emotionstheorien 1270-1670” von Dominik Perler vor. Und Perler gehört auch zu den Autoren, die in diesem Band auftreten, neben Sabrina Ebbersmeyer, Deborah Brown, Ian Drummond, Claude Pannaccio und anderen.

Szientismus – Wissenschaft idiotisiert

Austin L. Hughes ist Professor für Biowissenschaften. Im New Statesman hat er eine Kritik des jüngsten Szientismus veröffentlicht: “The Folly of Scientism“.
Die Erfolge der Naturwissenschaften seien so beeindruckend gewesen, dass Naturwissenschaftler zunehmend daraus gefolgert hätten, die Naturwissenschaften könnten alles klären, und die Philosophie sei überflüssig. Als Beispiele nennt Hughes den Chemiker Peter Atkins und den Physiker Stephen Hawkings. Über Karl Popper kommt er zum Abgrenzungsproblem und von da aus zu Carnap, Quine und van Fraassen. Deren Heldenverehrung der Naturwissenschaft stehe im Kontrast zu ihrer nicht immer korrekten Interpretation und Anwendung naturwissenschaflicher Ergebnisse. So seien Quines Auffassungen von den Mechanimsen des Nervensystems übervereinfacht. Auch der Rekurs auf Darwin, bei den Genannten oder in der Populärliteratur, sei oft unglücklich. “To speak of a “Darwinian” process of selection among culturally transmitted ideas, whether scientific theories or memes, is at best only a loose analogy with highly misleading implications.
Hughes geht auf viele weitere Sachbereiche und Autoren ein, so auch auf die Soziobiologie und die Evolutionäre Psychologie. Etwas ausführlicher widmet er sich Sam Harris und dessen Buch “The Moral Landscape” (2010).

Er kommt zu dem Schluss, dass Positivismus und Szientismus ihre Kompetenzen weit überschritten haben. Die Gleichsetzung von Vernunft mit Naturwissenschaft habe das genaue Gegenteil von Vernunft hervorgebracht: Wissenschaftler die glauben, eine naturwissenschaftliche Antwort auf Alles liefern zu können.
Ein solcher Szientismus sei eine gefährliche Form der Leichtgläubigkeit. Die von Szientisten reklamierte universelle Kompetenz der Naturwissenschaft werde die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft untergraben und einen radikalen Skeptizismus befördern. “Man sehnt sich nach einer neuen Aufklärung, um die Anmaßungen dieses jüngsten Aberglaubens zum Platzen zu bringen.

Austin L. Hughes, “The Folly of Scientism,” The New Atlantis, Number 37, Fall 2012, pp. 32-50.

Christine Korsgaard im Interview

Beim 3-AM-Magazine gibt es ein Interview mit der amerikanischen Kantexpertin Christine Korsgaard. Kant ist für sie ein naturalistischer Philosoph (der Meinung bin ich auch), für den alles entweder als Teil der natürlichen Welt erklärt werden kann oder aus der menschlichen Perspektive durch menschliche Bedürfnisse (wie z.B. “Tische” oder “Werte” oder “Vernunft”). “And it is right to think that the real source of all value in the world lies in people and animals”, so Korsgaard.

Sie pflichtet Kants Autonomiegedanken bei, klärt das seit Schiller bekannte Missverständnis auf, dass gute Taten, die mit Neigungen verbunden sind, für Kant angeblich moralisch wertlos seien (was bspw. auch schon Günter Patzig getan hat (“Der kategorische Imperativ in der Ethik-Diskussion der Gegenwart”)), und erläutert ihr Modell der konstitutionellen (statt kombativen) Funktion von Gefühl und Vernunft (“roughly speaking, passion proposes and reason disposes”).

Der Interviewer, Richard Marshall, macht seine Sache wie gewohnt gut. Er stellt die interessanten Fragen und kennt auch die roten Fäden einer Debatte oder eines Oeuvres. So fragt er Korsgaard, warum “Vernunft kein Despot ist”, worauf sie ihre Sicht von Identität erläutert und dass “wir uns mit unserer Vernunft identifizieren”. Das Interview greift zahlreiche weitere interessante Punkte auf, nicht zuletzt das Problem der Willensfreiheit, das ihr keine schlaflosen Nächte bereitet (“there is no point in saying …”)

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Gibt es eine säkulare und eine religiöse Vernunft?

Jürgen Habermas’ Begriff einer “postsäkularen Gesellschaft” findet bei Theologen bekanntlich große Resonanz. Zuletzt hat nun Kardinal Karl Lehmann in seiner Predigt vor der Deutschen Bischofskonferenz über “Das Geheimnis des Glaubens in der Auslegung der Theologie” darauf Bezug genommen (hier auch als PDF erhältlich).

Nach seiner Auffassung hat Vernunft zwei Aspekte, die er anhand des Begriffs “Vernehmen” veranschaulicht.

1. In der Neuzeit wird Vernunft so verstanden, dass “[a]lles, was einen geistigen und moralischen Anspruch erhebt, […] vor den Gerichtshof der menschlichen Vernunft gebracht [wird], um dort auf Herz und Nieren überprüft zu werden“. Diese Vernunft sei mit einer ständigen Skepsis verbunden und erscheine als “das Maß aller Dinge schlechthin“. Ein Konfilkt zwischen diesem Vernunftbegriff und der Theologie sei unvermeidbar.

2. Der andere Aspekt der Vernunft habe mehr mit dem Vernehmen als Hören zu tun. Dies sei nicht nur passivisch, sondern “aktiv offen“. “Aber dieses Vernehmen ist stärker ein Empfangen.” Diese Vernunft sei bescheidener.

Lehmann stimmt Habermas zu, dass die säkulare Gesellschaft “von wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung abgeschnitten” sei. Dazu zitiert er Habermas: “Die verlorene Hoffnung auf Resurrektion hinterlässt eine spürbare Leere.

A propos “Sinn in einer säkularen Gesellschaft“: Ich hatte die geneigten Leserinnen hier gefragt, welche konkreten Beispiele für “naturalistischen Enthusiasmus”, den man auch säkularen Enthusiasmus nennen könnte, es gibt.

Janet Radcliffe Richards – die skeptische Feministin

Janet Radcliffe Richards (Oxford) äußert sich skeptisch über einige Theorien, die sich als feministisch bezeichnen aber per se gar nichts mit Feminismus zu tun haben, wie beispielsweise “Feministische Epistemologie”. Wenn solche Theorien Konzepte wie Wahrheit und Vernunft über Bord werfen, seien sie Unsinn: “Much of what passes for “feminist” theory in certain academic circles is ‘unmitigated rubbish’.
Janet Radcliffe Richards hat unter anderem das Buch “The Sceptical Feminist” veröffentlicht.

Oikeiosis: Vernunft oder Natur?

Robert Bees hat 2004 den ersten Band seiner Untersuchungen zur Oikeiosis-Lehre der Stoa, die in den letzten Jahren zunehmendes Interesse findet, veröffentlicht: “Die Oikeiosislehre der Stoa I: Rekonstruktion ihres Inhaltes“. Bees schlägt aufgrund seiner korrigierenden philologischen Studie eine Neuinterpretation vor: oikeiosis sei nicht wie in der bislang gängigen Interpretation ein vernunftgesteuerter sondern vielmehr ein naturgesteuerter Prozess. Und diesbezüglich sieht Bees zudem Parallelen zur modernen Soziobiologie.
Bei “sehepunkte” hat Claudia Horst dieses Buch rezensiert. Sie begrüßt die erste, und kritisiert die zweite These.
In seinem Buch “The Stoic Life” widmet Tad Brennan das 10. Kapitel dieser Theorie: “Oikeiosis and Others.”

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