Bescheidenheit, Rücksichtnahme, Freundlichkeit? Intellektuelle Tugenden auf dem Rückzug

In den Medien, der Politik und im Internet sowieso haben die intellektuellen Tugenden, die Konfuzius, Aristoteles oder Mark Aurel als Voraussetzung für durchdachte und sachliche Überzeugungen hervorgehoben haben, keinen Ort mehr. “Prahlerische Angeberei” ist eine Haltung, die zu den am wenigsten vertrauenswürdigen gehört, wenn es um die sachliche Zuverlässigkeit von Äußerungen geht; -so eine Meinung von gestern, nämlich von Aristoteles. Und doch beherrschen Blender, “Lautsprecher” und Schaumschläger den öffentlichen Diskurs. Um so wichtiger, wenn der Ort nüchternen wissenschaftlichen Nachdenkens, die Universität, davon verschont bleibt. Aber auch hier droht die aufgepeppte Fassadenrhetorik das Ruder zu übernehmen, aus verschiedenen Gründen (wie z.B. ideologische Grabenkämpfe, ökonomische Zwänge, bildungspolitische Verbesserungen usw.). Einen aktuellen Trend beschreibt Jonathan Wolff im Guardian.

Monetarisierung von Universitäten – US-Style

Bei Time – Ideas beklagt Paul Campos die Folgen der ausufernden Ökonomisierung der Universitäten in den USA, insbesondere die damit verbundene Megalomanie der akademischen Administration, die immer größer und immer teurer werde. Auch den Evaluationszirkus hält er für überzogen. Das was Investmentbanker den “Markt” nennen, präge immer mehr jeden Aspekt der amerikanischen Kultur. Dem hält Campos entgegen: “Universities are not businesses”.

Jon Cogburn, bei dem ich den Hinweis auf den Artikel gefunden habe, fühlt sich bei diesem Thema an den Zwang erinnert, seinen Enthusiasmus durch Mitsingen der Gemeindelieder zu bezeugen.

Dazu passend, wenn auch aus einem anderen Zusammenhang, ein Interview mit Julian Nida-Rümelin über die Zukunft der Philosophie (und Geisteswissenschaften) bei Tabula Rasa.

Georgia Tech startet massives Online-Studien-Programm

Das Georgia Institute of Technology will ein Online-Master-Studium einführen, das mit 6.630 US-Dollar nur einen Bruchteil eines Campusstudiums kostet, berichtet Inside Higher Ed. 10.000 Absolventen sollen damit in wenigen Jahren gewonnen werden – verglichen mit 2.000 Abschlüssen, die dort seit den 1990er Jahren erreicht wurden, ist dies eine massive Ausweitung. Kooperationspartner sind die Unternehmen Udacity und AT&T.

Planung und Entscheidung für diese neue Initiative gingen offenbar so schnell über die Bühne, dass ein Großteil der Lehrenden am Georgia Institute of Technology davon überrascht war. Nun gibt es wohl erhitzte Diskussionen darüber, ob das Programm gelingen kann, und wie es durchgeführt werden soll.

Akademische Philosophie in Deutschland

Bei Brian Leiter gibt es eine Diskussion über die Situation und Zukunft der akademischen Philosophie in Deutschland. Ausgangspunkt ist ein Beitrag von Detlef von Daniels, der die Einrichtung eines “Exzellenzclusters” in Frankfurt unter den “Auspizien” von Rainer Forst und Klaus Günther kritisch in einem größeren Zusammenhang diskutiert.

Verschiedene Thesen stehen im Verlauf der Diskussion im Raum. Im Mittelpunkt dürften die Fragen stehen, ob die akademische Philosophie in Deutschland noch internationalen Rang hat, und ob man die negativen Effekte der schlechten Finanzierung der Universitäten durch Konzentration auf Exzellenzinitiativen in irgendeiner Hinsicht wettmachen kann.

Für den Außenstehenden, aber nicht ganz Uninformierten ist die Diskussion auch deshalb interessant (oder uninteressant), weil sie auch – wie immer bei solchen Themen – einen Einblick in die Sozialpsychologie der akademischen Elite gewährt.