Piketty auf dem Holzweg?

Deirdre McCloskey, die sich selbst als “ex-Marxist, Christian libertarian” beschreibt, hat für das “Erasmus Journal for Philosophy and Economics” eine Rezension zu Thomas Pikettys Buch “Das Kapital im 21. Jahrhundert” geschrieben (Downloadlink bei Marginal Revolution).

Sie reklamiert, dass Piketty schwerwiegende Fehler bei zentralen Annahmen mache, und so von falschen Voraussetzungen ausgehend zu einem falschen Gesamtbild gelange. Eine andere Variante ihrer Kritik ist, dass der notorische linke Pessimismus zu einer Fehldeutung der Ungleicheit und vor allem, so betont sie, zu falschen, wenn nicht sogar verhehrenden Rezepten führt.

Vielleicht kann man das Problem, dass hier bei Piketty gesehen wird, für Laien wie mich durch die Frage veranschaulichen, ob der Reichtum von Steve Jobs und Bill Gates “guter Reichtum” ist, weil er Wohlstand für Viele gebracht hat, oder nicht. Piketty scheint hier widersprüchlich, während McCloskey sagt, dass Innovationen die enormen Wohlstandszuwächse in den letzten Jahrhunderten hervorgebracht haben – so wie sie das jetzt auch in Asien tun.

Evan Davis hatte schon im Mai 2014, bevor Piketty ein Bestseller wurde, die gegensätzlichen Auffassungen von Piketty und McCloskey im Spectator diskutiert.

Mitte November war McCloskey auf dem Podium bei “Policy Exchange“, wo sie Ergebnisse ihrer Rezension vorstellt.

Praktisch denken

In einem neuen Artikel bei “Metaphilosophy” konstatiert Philip Kitcher, dass die zeitgenössische (englischsprachige) Philosophie in einer Art scholastischer Selbsthingabe um sich selbst kreise. Es sei aber Aufgabe der Philosophen, sich mit Themen zu beschäftigen, die in der Gegenwart aktuell sind. [via Leiter Reports, interessante Kommentare]

Diese Frage lässt sich natürlich auch für die deutschsprachige Philosophie aufwerfen, und sie wird ja auch immer mal wieder diskutiert. Kitchers Darstellung scheint mir zutreffend zu sein. Er weiß wovon er spricht. Und meines Erachtens betrifft dies nicht nur eine “Schulrichtung”.

Tatsächlich gibt es natürlich Philosophen, die sich mit aktuellen Fragen der Zeit beschäftigen. Und es ist natürlich auch richtig, dass sich Philosophen mit Spezialfragen ihrer Disziplin beschäftigen müssen. Außerdem ist es auch so, dass die Öffentlichkeit nicht immer Beiträge von Philosophen zu Fragen der Zeit zur Kenntnis nimmt, sei es, weil sie nicht den Moden des Zeitgeistes entsprechen, oder weil sie in den betreffenden Debatten von schrillen Polemiken übertönt werden, die ja oft wirkungsvoller sind.
Es wäre schon Einiges gewonnen, wenn die Philosophen innerhalb ihres Faches häufiger Standpunkte zu aktuellen Fragen der Zeit diskutieren würden, in der Hoffnung, dass sich daraus Übersichten und Kommentare ergeben, die ein breiteres Publikum mit Argumenten versorgen.

Einen übrigens recht konkreten Artikel zu brennenden Fragen der Zeit hat der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz bei Vanity Fair veröffentlicht. Er kritisiert darin die krasse Ungleichheit in den USA, die, gestützt auf unzutreffende Argumente, durch die Politik verstärkt werde. Doch Stieglitz hält diese Ungleichheit für zerstörerisch.

Vielleicht sollten Philosophen auch häufiger mal bei Brigitte oder Schöner Wohnen schreiben.