Thomas Scanlons neues Buch “Being Realistic about Reasons”

Thomas Scanlon beschreibt in seinem neuen Buch “Being Realistic about Reasons” (OUP) einen moralischen Realismus, also eine Position über die Natur moralischer Urteile. Diese Frage hat die Moralphilosophie des letzten Jahrhunderts geprägt, und Scanlons Buch ist eine Verteidigung des normativen Kognitivismus – der Auffassung, dass es normative Wahrheiten über Gründe für Handlungen gibt.

Die Beschäftigung mit dem Realismus (oder Kognitivismus) zieht sich schon länger durch Scanlons Arbeiten – siehe dazu z.B. Thomas Nagels Rezension von Scanlons Buch “What We Owe to Each Other” in der LRB aus dem Jahr 1999 (gegen Ende) oder Christine Korsgaards Bemerkung zu Scanlon in ihrem Aufsatz “Realism and Constructivism” (PDF) (ebenfalls gegen Ende)

Christine Korsgaard – Das Gute in einer naturalistischen Konzeption

Ende Mai hat Christine Korsgaard die Pufendorf-Lectures in Lund (Schweden) gehalten. Das Thema: “The general aim of these lectures is to defend a conception of the Good that is compatible with a naturalistic conception of the world, or, to put it another way, it is to explain how the natural world came to contain things that are properly characterized as good and bad.

Die Audioaufzeichnung, einen Abstract und Links zu zwei aktuellen Aufsätzen von Korsgaard findet man bei Political Theory – Habermas and Rawls.

Frühere Referenten der Pufendorf-Lectures waren Nancy Cartwright, Thomas Scanlon und John R. Searle, deren Vorträge auf der Pufendorf-Webseite (s.o.) zu finden sind.

Vortrag “What is morality?” von Thomas Scanlon

Thomas Scanlon hat an der Universität Guelph in Kanada eine Einführungsvorlesung “What is morality?” gehalten, die als Video abrufbar ist.

Es ist immer interessant, wie ein gestandener Philosoph ein Thema für ein breiteres Publikum aufbereitet – vielleicht interessanter als die akademisch-scholastische Detailarbeit. Scanlon ist ein guter Referent, der es versteht, weitgehend ohne modische oder aus der Luft gegriffene Fachworte ein Thema darzustellen. (Man hat manchmal den Eindruck, dass das eine old-school-Tugend ist, die im Verschwinden begriffen ist. Das könnte mal der SFB “Transformation lokutionärer Präsentationen in didaktisch-konkretisierenden Vermittlungskontexten” untersuchen – aber ich schweife ab… wenden wir uns lieber Thomas Scanlon zu:)

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Thomas Scanlon hält die Uehiro Lectures 2013

Thomas Scanlon wird in Oxford vom 5. bis 10. Dezember die Uehiro Lectures 2013 halten. Das Thema ist noch nicht angekündigt.

Scanlon hielt schon 2009 die John Locke Lectures unter dem Titel “Being Realistic about Reasons”. Davon sind Texte und Audioaufzeichnung im MP3-Format hier erhältlich.

Die letzten Uehiro Lectures hielt 2012 Janet Radcliffe Richards zu philosophischen Fragen der Geschlechtergerechtigkeit (Video und Audio hier).

Tea-Party-Philosophie

In einer Zeit, in der der entfesselte Marktradikalismus sich als unfähig und unmenschlich erwiesen hat, wollen die Republikaner in den USA diesen Weg noch verschärfter weiter beschreiten. Aus der Unfähigkeit und dem Versagen von George W. Bush machen sie ein “Mehr davon!” In der letzten Woche hat Mitt Romney, der Präsidentschaftskandidat der Republikaner, seinen potenziellen Vizepräsidenten, Paul Ryan, nominiert. Ryan ist ein konservativer Hardliner, der sich in seinen Überzeugungen auf die Schriftstellerin Ayn Rand beruft, die in ihren Werken einen entschiedenen Egoismus vertritt. Was unfähig sei, müsse sich eben gefallen lassen, vom Besseren übertrumpft zu werden, lautet ihre Version des Dschungelgesetzes.

Brian Leiter fragt in seinem Blog die Leser, ob es gründliche philosophische Kritiken der Werke Rands gibt. In den Kommentaren finden sich interessante Anmerkungen. Das Problem besteht nämlich zunächst einmal darin, dass niemand außer amerikanischen Rand-Anhängern ihre Auffassung ernsthaft als Philosophie – oder Theorie oder Wissenschaft – betrachtet. Rands Strategie scheint eher darin zu bestehen, bestimmte Positionen zu beschimpfen, statt Argumente zu liefern; also angewandter Machiavellismus. Wenn irgendwo, dann ist die Bezeichnung “kruder Positivismus” bei Rand angebracht; siehe z.B. Robert Nozicks Diskussion von Rands “A ist A”-Prinzip in diesem Interview.

Corey Robin hat ein aufschlussreiches Stück über “Randologie” bei The Nation veröffentlicht, und befasst sich in seinem neuesten Buch “The Reactionary Mind. Conservatism from Edmund Burke to Sarah Palin” grundsätzlich mit dieser Art von Konservatismus.

Die Kampagne des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama hat auf die Nominierung Ryans mit diesen Informationen und diesem Video reagiert.

Bemerkenswert ist auch, dass Leute wie Paul Ryan ihr Credo aus der Populärliteratur von Ayn Rand beziehen, und weniger von den akademischen Libertariern, die aber zweifellos auch viel zu dieser Art von politischer Stimmung beigetragen haben (siehe z.B. Thomas Scanlons Bemerkung dazu.)

Update: Das Internet hat diese Art von Philosophie humorvoll auf den Punkt gebracht.

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Scanlon gegen Libertarianismus

In einem ausführlichen Interview beim Utopian erfährt man Interessantes von Thomas Scanlon. Vorrangig geht es um seine Biografie und seine Philosophie. Auch über John Rawls erzählt er einiges Interessantes. Und er berichtet von der privaten Diskussionsgruppe, an der er bis in die 1990er teilnahm, zusammen mit Thomas Nagel, Ronald Dworkin, Robert Nozick, Judy Thompson, Michael Sandel, Christine Korsgaard und anderen.

Darüberhinaus enthalten gute Interviews auch gerne bemerkenswerte Details. Wie zum Beispiel diese beiden:

– Scanlon sagt seinen Studenten, sie sollten versuchen, sich nicht mit einer Position zu identifizieren, um ärgerliche Gegner zu schlagen, sondern die Plausibilität der anderen Position zu verstehen.

– Er ärgert sich über den Libertarianismus: “Yes, I certainly disagree with libertarianism, and it distresses me that it gets so much credibility.” Und man kann nicht sagen, er hätte sich nicht damit auseinandergesetzt (s. vorige Empfehlung).

Wilhelm Vossenkuhl über Derek Parfits “On What Matters”: “Ein Werk der Superlative”

Wilhelm Vossenkuhl rezensiert in der NZZ Derek Parfits voluminöses neues Buch “On What Matters“. (Weitere Hinweise zu dem Buch hier.)

Vossenkuhl gibt einen guten Überblick von Parfits Argumentation. Mit seiner Einheitstheorie der Moral, die das “richtig zusammengefügte und von Fehlern bereinigte Alte” der Konzeptionen von Kant, Scanlon und Sidgwick enthalte, tritt er gegen “internalistische” Moraltheorien an, die sich auf Hume berufen und “auf die Kraft von Motiven, Wünschen und Willensakten” setzen. Seiner wertbasierten Theorie fällt auch die mikroökonomische Theorie des Begehrens zum Opfer.

Da man mit Parfits Theorie Schritt für Schritt zu konkreten Zielen moralischen Handelns – wie dem Verzicht von Reichen auf einige Luxusgüter oder die Bewahrung des Planeten – kommt, “ist «On What Matters» trotz den erwähnten Defiziten ein Werk der Superlative, das die geduldige Lektüre lohnt“.

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