Jaron Lanier – Kritik und Konzeption

Jaron Lanier ist deshalb einer der interessanten Autoren in Fragen der digitalen Kultur, weil er in seinen Texten philosophische Reflexionen mit Kritik verbindet, die sich aus einem phänomenologischen Gespür für wahrnehmungsästhetische, techniksoziologische, kulturelle und ethische Fragen ergibt. Und diese Kritik geht sodann einher mit einer positiven Konzeption einer humanen Technologie.

Lanier reflektiert über neue und alte Selbstverständlichkeiten und zeigt eine deutliche ideologiekritische Skepsis bezüglich quasireligiöser Aufladungen technologischer Weltbilder. Gerade die seit den 50er-Jahren etablierte Ideologiekritik (in Deutschland z.B. Frankfurter Schule, Topitsch, Kritischer Rationalismus) scheint im Bereich der Digitalen Technikutopien noch gar nicht verfangen zu haben, und daher ein ergiebiges Betätigungsfeld zu sein. Jaron Lanier gehört zu den Autoren, die diese Notwendigkeit bereits seit einigen Jahren ansprechen.

Gegenwart

Wem so ein bisschen die Vorstellungskraft fehlt bezüglich der technologischen Entwicklung, dem vermittelt dieses Filmchen über den praktischen Nutzen von Drohnen vielleicht einen Einblick – auch wenn er deshalb nicht gleich idiotischer Dramatisierungen bedarf (aber die sind als solche ja auch wieder vielsagend mit Blick auf den Stand der Dinge).

Colin McGinn rezensiert Ray Kurzweil

Colin McGinn rezensiert in der ‘New York Review of Books’ Ray Kurzweils Buch “How to Create a Mind: The Secret of Human Thought Revealed“. Kurzweil ist bekannt als Verfechter des Transhumanismus und Star des Singularitäts-Kults.

McGinn stellt Kurzweil vor als Computeringenieur “with a side interest in bold predictions about future machines“. Man könne folglich nur begierig sein zu erfahren, wie seine Theorie des menschlichen Geistes laute, “hoping the book will justify the hype so blatantly brandished in its title“. Kurzweil hat einige Beiträge zur maschinellen Mustererkennung geleistet. Und auch das “Geheimnis des Denkens” soll auf Mustererkennung beruhen – was McGinn allerdings (plausiblerweise) bezweifelt.

So gehe Kurzweil stillschweigend von externen Stimuli (patterns) zu mentalen Entitäten über, wenn er das ganze mentale Geschehen nach Art der Sinneswahrnehmung erklären wolle. Dabei sei schon fraglich, ob beispielsweise Farbwahrnehmung auf Mustererkennung beruhe. Seine grandiose Ankündigung breche angesichts der Vielfalt mentaler Phänomene – Emotionen, Intentionen, Kalkulationen, Stimmungen usw. – in sich zusammen.

Anschließend kommt McGinn auf das gravierende Problem des “homunculus talk” in den Neurowissenschaften zu sprechen. Wenn man sagt, “Neuronen senden Informationen”, weiß man tatsächlich nur, dass ein Geschehen auf chemischer oder elektrischer Ebene vorliegt, nicht aber, dass Informationen vorliegen und wie diese beschaffen sind. Es sei ein seit Jahrzehnten vieldiskutiertes Rätsel, wie man Informationen (mentale Zustände) eindeutig mit elektrochemischen Prozessen im Gehirn in Verbindung bringen könne. (McGinn verweist beispielsweise auf John Searles Beiträge hierzu.) Der “homunculus talk” erzeugt also die Illusion, wir wüssten, wie der Geist im Gehirn funktioniert, während wir in Wirklichkeit ratlos sind. In seiner Antwort auf die Antwort des Neurowissenschaftlers Joe Herbert macht McGinn diesen Punkt noch einmal deutlich:
All information is information — to some conscious agent. Accordingly, neurons do not, considered in themselves, process information or send signs or receive messages“.

Am Ende bringe Kurzweil dann noch Zitate von Ludwig Wittgenstein, ohne allerdings einen nachvollziehbaren Zusammenhang zu seiner Theorie herstellen zu können, so McGinn. Sein Fazit: das Buch sei gelegentlich interessant, aber völlig übertrieben.

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A propos Geisteswissenschaften, Internet und Computer

Die Behauptung, die Geisteswissenschaften würden sich nach wie vor nicht mit dem Internet und den neuen Technologien beschäftigen, ist ja in den letzten drei, vier Jahren immer wieder mal geeignet, ein wenig Aufmerksamkeit zu erregen. Und wenn man es eben nicht besser weiß, glaubt man gern, dass sie stimmt. Vergeistigte Kopfmenschen haben bestimmt noch nicht vom Internet gehört, und den Goethe würden sie dafür nicht aus der Hand legen. Das weiß doch jeder. Wenn man dann auf das Gegenteil hinweist (bspw. das riesige Gebiet der Technik- und Medienethik), so wird das gern ignoriert.

Heute habe ich mal wieder einige Schulbücher für den Philosophieunterricht durchgesehen. Zwei Bücher davon sind der Praktischen Philosophie gewidmet. Sie sind aus unterschiedlichen Verlagen und behandeln das Thema Mensch, Computer und Internet in einem eigenen Kapitel. Beide aus dem Jahr 2001.

Nicht allein sein

Ein Streiflicht von Jonathan Safran Foer über die emotionalen Bedürfnisse, die Menschen auch im 21. Jahrhundert noch haben:

“There is no better use of a life than to be attentive to such needs. …

My daily use of technological communication has been shaping me into someone more likely to forget others.”

Der letzte unabhängige Mensch wird der mit dem größten Computer sein (Interview mit Jaron Lanier)

Beim Spectator gibt es ein Interview mit Jaron Lanier über unsere technologische Zukunft, die Notwendigkeit von Kritik und Humanismus, und Hackkerarroganz.

Konferenz zu Computing and Philosophy

Vom 4. bis 6. Oktober findet an der TU München die Konferenz “ecap10” zu Computing and Philosophy statt. ECAP ist die europäische Sektion der International Association for Computing and Philosophy (IACAP). In 10 verschiedenen Tracks widmet man sich der Frage, was die Herausforderungen der Informations- und Robotiksysteme sind.
Die Programmübersicht von ecap10 ist hier zu finden, die inhaltliche Beschreibung der einzelnen Tracks ist dort jeweils verlinkt. Das Vortragsprogramm ist hier als PDF erhältlich