A propos Geisteswissenschaften, Internet und Computer

Die Behauptung, die Geisteswissenschaften würden sich nach wie vor nicht mit dem Internet und den neuen Technologien beschäftigen, ist ja in den letzten drei, vier Jahren immer wieder mal geeignet, ein wenig Aufmerksamkeit zu erregen. Und wenn man es eben nicht besser weiß, glaubt man gern, dass sie stimmt. Vergeistigte Kopfmenschen haben bestimmt noch nicht vom Internet gehört, und den Goethe würden sie dafür nicht aus der Hand legen. Das weiß doch jeder. Wenn man dann auf das Gegenteil hinweist (bspw. das riesige Gebiet der Technik- und Medienethik), so wird das gern ignoriert.

Heute habe ich mal wieder einige Schulbücher für den Philosophieunterricht durchgesehen. Zwei Bücher davon sind der Praktischen Philosophie gewidmet. Sie sind aus unterschiedlichen Verlagen und behandeln das Thema Mensch, Computer und Internet in einem eigenen Kapitel. Beide aus dem Jahr 2001.

Oldie but goldie – “… und die Behandlung von Krankheiten”

Man liest über einen neuen sozialen Roboter, ein aktuelles Resultat der Hirnforschung, die neueste Wunderkombination aus der Gentechnologie, eine sensationelle Maschinenprothese für Menschen – und das bedeutet, man liest mit ziemlicher Sicherheit auch, dass diese neuen Errungenschaften Anlass sind für vielversprechende Aussichten für die Behandlung von Krankheiten.

Der Neuroskeptiker berichtet von einer Episode der Wissenschaftsgeschichte: Der Neurowissenschaftler Angelo Mosso hat am Ende des 19. Jahrhunderts eine Apparatur zur Messung des Gewichts von Hirnaktivitäten entwickelt. Nette Geschichte, mit einem ironischen Nebenaspekt: eine französische Zeitung feierte 1908 Mossos Entwicklung enthusiastisch und glaubt, sie führe zu einer Verbesserung der Therapie von neurologischen und psychischen Erkrankungen.

“Die Behandlung von Krankheiten” ist der “amerikanische Wissenschaftler” der Wissenschafts-PR. Wenn Boulevardblätter berichten, “amerikanische Wissenschaftler” hätten festgestellt …, so verleiht das der Information die notwendige Autorität sowie eine herausgehobene Relevanz. Der Verweis auf die in Aussicht stehenden Therapiemöglichgkeiten erfüllt mediensoziologisch die gleiche Funktion.

Jalees Rehman hat im Guardian gerade einen Artikel veröffentlicht, in dem er dafür plädiert, dass Wissenschaftsjournalismus mehr sein sollte als bloßes Infotainment – er sollte ein kritischer Wissenschaftsjournalismus sein. Rehman schlägt einige Kriterien dafür vor.