Neurophilosophie und die Sucht nach Gruselmärchen

Stephan Schleim schreibt auf seinem Blog über die kritische Rezension, die Chris Frith in “Nature” über Patricia Churchlands neuestes Buch “Touching a Nerve” veröffentlicht hat. Frith ist genervt von den Strohmannpositionen (Dualismus / immaterielle Seele), die herangezogen werden, um neurodeterministische Gruselstories von genetisch determinierter Moral und Nichtexistenz von Willensfreiheit zu erzählen.
Der Neurohype wird angesichts der Megaforschungsprojekte der EU und der USA, von denen Schleim zu Beginn seines Artikels auch berichtet, in den nächsten Jahren sicherlich noch einen Gang zu legen.

Aktuelle Diskussionen in der Psychiatrie

Stephan Schleim berichtet von den 8. Berliner Psychiatrietagen, die unter dem Titel “Psychiatrie der Zukunft” liefen. Die große Zahl der psychischen Störungen ist offenkundig nicht allein auf Veranlagung, sondern in gravierenden Ausmaß auch auf soziale Faktoren zurückzuführen. Insofern ist ein wachsender Neuroskeptizismus die logische Konsequenz eines einseitigen Erklärungsansatzes. Schleim selbst diskutiert in seinem Vortrag den “Imperativ der Anpassung” in der Psychiatrie, und stellt ihm einen “Imperativ der Autonomie” entgegen. (Das erinnert mich an Fromms Charakterisierung von Freuds Therapieziel als “autoritär”.)

Erfahrungen mit Naturalisten

Stephan Schleim hat mir per E-Mail eine Antwort auf diesen Beitrag zum Naturalismus geschickt, bei dem die Kommentarfunktion schon geschlossen ist. Gerne gebe ich seine Antwort hier wieder.

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Stephan Schleim:
“Sie haben Recht, dass sich meine Kritik vor allem gegen Schmidt-Salomon und ähnlich auftretenden Vertreter eines sognenannten wissenschaftlichen Humanismus richtet. Ich verstehe jedoch nicht das von Ihnen ausgedrückte Befremden darüber, dass ich in diesem Beitrag auch Gerhard Vollmer erwähne.

Dass ich Vollmers Text besprach, war ein vor langem geäußerter Wunsch mancher meiner Leser (Ist Naturalismus widerspruchsfrei vertretbar? Ein philosophisches Gedankenexperiment, 15. September 2009). Vollmer scheint von manchen sozusagen als deutscher Vorzeigenaturalist verstanden zu werden und ich stimme dem auch insoweit zu, als sein Text zu dem deutlichsten gehört, das ich bisher zum Thema gelesen habe.

Die Frage scheint dann also zu sein, warum ich Schmidt-Salomon und Vollmer zusammen in einem Beitrag bespreche. Liegt das nicht auf der Hand, dass das naturalistische Programm in Deutschland vor allem auch von der Giordano-Bruno-Stiftung in der Öffentlichkeit dargestellt wird, deren Sprecher nun einmal Schmidt-Salomon ist?

Gegen Vollmer und seinen Text habe ich gar nichts – ist das nicht auch im Blog deutlich? Vollmer weist sehr deutlich auf die philosophische Versprechenskomponente des naturalistischen Programms hin; und fügt dem Text am Ende sogar noch ein deutlich abgegrenztes persönliches Glaubensbekenntnis bei. Diese Freiheit räume ich nicht nur persönlich jedem ein, sondern ich fordere sie auch politisch für jeden.

Wenn Sie hingegen noch keine Erfahrungen mit deutschen Naturalisten gemacht haben, die ihr Programm als rein wissenschaftlich und alternativlos darstellen, dann will ich Sie bei Gelegenheit auf entsprechende Beispiele hinweisen. Wenn ich Zeit habe, werde ich vielleicht einmal eine Auslese für meinen Blog zusammenstellen.”

Stephan Schleim hat Probleme mit dem Naturalismus

Stephan Schleim diskutiert in seinem Blogbeitrag “Deutungshoheit: Brights, Vollmer und die ‘rechten Dinge’” den Naturalismus. Dazu beschäftigt er sich mit Gerhard Vollmers Aufsatz “Geht es überall in der Welt mit rechten Dingen zu?“, der bei den Brights veröffentlicht wurde.
Schleim möchte einen “intoleranten Humanismus und Denkverbote” demaskieren: “Den selbsternannten Verfechtern der Wissenschaft, die sich gern ins aufklärerische Gewand kleiden, stünde etwas mehr Bescheidenheit und Toleranz gut zu Gesicht. Anstatt sich über Menschen mit anderer Meinung lustig zu machen, sich selbst als die Gescheiten und die anderen für die Hinterwäldler zu halten, anstatt vorauseilenden scheinwissenschaftlichen Erklärungen zum Opfer zu fallen, könnten auch sie vom kritischen Dialog miteinander und der Reflexion ihrer eigenen Ansichten lernen.

Man gewinnt den Eindruck, dass sich diese Kritik besonders gegen Michael Schmidt-Salomon richtet, dem er den von ihm beanspruchten Humanismus nicht recht glauben zu wollen scheint. Die Vorwürfe jedenfalls, “blind dafür [zu sein], dass sie mit ihrer oberflächlichen Scheinwissenschaft Denkverbote verhängen“, “Andersdenkende ins Abseits der Lächerlichkeit drängen” und nicht zuletzt der Vorwurf der “gelebten Intoleranz” ist im Zusammenhang mit Gerhard Vollmer allerdings befremdlich.

Offenkundig werden hier Probleme des sachlichen und fairen Diskussionsverhaltens mit der fraglichen Sache selbst (hier: Naturalismus) vermischt. In der Tat – Menschen mit ungebührlichem Sozial- und Diskussionsverhalten sind leider viel zu häufig anzutreffen, unabhängig vom verhandelten Thema. Beispielsweise konnte man in den letzten Tagen Einlassungen von katholischer Seite zu Moral- und Weltanschauungsfragen lesen, die parteilich und polemisch waren. Auf diese Weise werden die in Frage stehenden Sachverhalte verzerrt. Polemik taugt nur als politisches, nicht als wissenschaftliches Werkzeug.

Update: Hier eine Antwort von Stephan Schleim.

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Wird die Hirnforschung Psychologie und Philosophie überflüssig machen?

In Amsterdam findet vom 1. bis 3. April 2011 die Konferenz “Imaging the mind” statt. Sie soll, so Stephan Schleim, einer der Organisatoren, den aktuellen Stand der Hirnforschung ermitteln und einen Ausblick auf die Entwicklung von Psychologie, Philosophie und Hirnforschung werfen.
Die bildgebende Hirnforschung hat manche in dem Optimismus bestärkt, die letzten Fragen des menschlichen Bewusstseins klären zu können – und eventuell sogar Psychologie und Philosophie überflüssig zu machen. “Doch es häufen sich auch kritische Stimmen, welche die Erklärungskraft dieser Methoden für das Verständnis des menschlichen Geistes infrage stellen”, wie Stephan Schleim in seinem Blogeintrag berichtet.

Starke Zweifel haben beispielsweise Philosophen wie Julian-Nida Rümelin oder Ansgar Beckermann in ihren Büchern formuliert. (Links zu Amazon)

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Von der Neuroethik zum Neurorecht?

Bei Vandenhoeck & Ruprecht ist eine Aufsatzsammlung mit dem Titel “Von der Neuroethik zum Neurorecht?” erschienen, herausgegeben von Stephan Schleim, Tade Matthias Spranger und Henrik Walter. Er befasst sich mit den philosophischen, psychologischen und rechtswissenschaftlichen Fragen, die der Fortschritt der modernen Neurowissenschaften aufwirft. Wie sind die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung zu verstehen, und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die genannten Disziplinen? Das Buch enthält elf Beiträge, unter anderem von Dieter Birnbacher, Stephan Schleim, Henrik Walter und Klaus Günther.

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Zweiter Teil des Videointerviews mit Stephan Schleim zu Neuro-Enhancement

Der zweite Teil des Videointerviews, das Arvid Leyh mit dem Philosophen Stephan Schleim zum Thema Neuro-Enhancement geführt hat, ist jetzt auch veröffentlicht (hier, oder direkt bei Vimeo hier). Darin geht es, wie Stephan Schleim hier im Blog kommentiert hat, “aus ethisch-philosophischer Sicht … um die wesentlich interessanteren Fragen.” Sehenswert!

Interview mit Stephan Schleim zum Neuro-Enhancement

Arvid Leyh hat mit dem Philosophen Stephan Schleim ein Videointerview zum Thema Neuro-Enhancement geführt, dessen erster Teil jetzt auf seinem Weblog Braincasts erschienen ist.
Stephan Schleim hat auch eine Webseite zu Neuro-Enhancement.

Braincast 165 – Neuro-Enhancement 1 from Anita Leyh on Vimeo.

Demnächst wird dann wohl der zweite Teil des Videos bei Braincasts erscheinen.

Weitere Philoblog-Beiträge zum Enhancement finden sich hier und hier.

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