Piketty gegen die “denkfaule Rhetorik des Antikapitalismus”

Im Guardian gibt Owen Jones ein Gespräch mit Thomas Piketty wieder, ergänzt um frühere Äußerungen. Piketty hat den ökonomischen Bestseller des Jahres 2014 geschrieben – der auch in Übersetzungen in zahlreiche Sprachen ein Erfolg ist. Das Buch jedoch ist mächtig, voller Daten und bereits Gegenstand ausgiebiger Diskussionen (siehe bspw. die Beiträge in diesem Blog). Ob es tatsächlich millionenfach gelesen wird, ist eher fraglich. Dem allgemeineren Anliegen Pikettys würde das jedoch durchaus entsprechen, denn – wie er dem Guardian sagt – er wünscht sich eine Demokratisierung ökonomischen Wissens.

Piketty versucht in seinem Buch eine wachsende soziale Ungleichheit zu belegen und wirbt für Maßnahmen, die entschieden dagegen steuern. Das hat aber nichts mit plattem Antikapitalismus zu tun, denn er sei “fürs Leben geimpft gegen die denkfaule Rhetorik des Anti-Kapitalismus”. Er glaubt nicht an den Kommunismus à la Sowjetunion oder DDR, sondern an Eigentum und Marktmechanismen. Der “Religionskrieg” zwischen links und rechts sei längst überholt. Seine Empfehlung gegen die Dynamik der Ungleichheit ist die Vermögenssteuer, die das Gesicht des Kapitalismus entscheidend ändere.

Piketty auf dem Holzweg?

Deirdre McCloskey, die sich selbst als “ex-Marxist, Christian libertarian” beschreibt, hat für das “Erasmus Journal for Philosophy and Economics” eine Rezension zu Thomas Pikettys Buch “Das Kapital im 21. Jahrhundert” geschrieben (Downloadlink bei Marginal Revolution).

Sie reklamiert, dass Piketty schwerwiegende Fehler bei zentralen Annahmen mache, und so von falschen Voraussetzungen ausgehend zu einem falschen Gesamtbild gelange. Eine andere Variante ihrer Kritik ist, dass der notorische linke Pessimismus zu einer Fehldeutung der Ungleicheit und vor allem, so betont sie, zu falschen, wenn nicht sogar verhehrenden Rezepten führt.

Vielleicht kann man das Problem, dass hier bei Piketty gesehen wird, für Laien wie mich durch die Frage veranschaulichen, ob der Reichtum von Steve Jobs und Bill Gates “guter Reichtum” ist, weil er Wohlstand für Viele gebracht hat, oder nicht. Piketty scheint hier widersprüchlich, während McCloskey sagt, dass Innovationen die enormen Wohlstandszuwächse in den letzten Jahrhunderten hervorgebracht haben – so wie sie das jetzt auch in Asien tun.

Evan Davis hatte schon im Mai 2014, bevor Piketty ein Bestseller wurde, die gegensätzlichen Auffassungen von Piketty und McCloskey im Spectator diskutiert.

Mitte November war McCloskey auf dem Podium bei “Policy Exchange“, wo sie Ergebnisse ihrer Rezension vorstellt.

Galbraith rezensiert Piketty: Fragliche Politikempfehlungen

James K. Galbraith rezensiert in Dissent Thomas Pikettys “Capital in the Twenty-First Century” mit eher kritischem Tenor.

Die Bedeutung einer sorgfältigen Untersuchung der Fakten schätze Piketty zwar korrekt ein, und das Buch enthalte reichlich gute Informationen zur Verteilung finanzieller Ressourcen, doch seien seine Politikempfehlungen nicht plausibel. In theoretischer Hinsicht könne es die an der bisherigen Rezeption abzulesenden Erwartungen nicht erfüllen.

Krugman und Bertram über Piketty: Die neue Belle Epoque

Paul Krugman hat in der “New York Review of Books” eine Rezension zu Thomas Pikettys “Capital in the 21st century” veröffentlicht (wie bereits im März angekündigt).

Piketty untersucht ausgiebig das Anwachsen der sozialen Ungleicheit in den letzten Jahrzehnten, und kommt zu dem Schluss, dass Vermögen – und Einfluss – zunehmend wieder vererbt werden. Auffällig sei insbesondere auch das Abschmelzen der Mittelschicht. Eine Ursache ist die sinkende Besteuerung von Vermögen und Erbschaften. Krugman hält Pikettys Buch für wichtig – es habe den Diskurs über Vermögen und Ungleichheit verändert.

(Update: Hier wird die Krugman-Rezension ganz anders verstanden, und Pikettys Vererbungsthese kritisch gesehen.)

In einem Posting bei Crooked Timber meint Chris Bertram, dass Pikettys Buch ein ganz neues Licht auf John Rawls’ “Theorie der Gerechtigkeit” werfe. Rawls Konzeption einer gerechten Gesellschaft sieht er als eine wieder aktuelle Philosophie, die dazu beitragen kann, dass “citizenship and democracy are not sucked of their meaning by the super-rich“.

Umverteilung galore

Der Bedarf und die Notwendigkeit für Umverteilung von Einkommen und Vermögen wird in naher Zukunft aufgrund massiver Roboterisierung drastisch ansteigen – schreibt der Economist. Dies erfordert (natürlich) institutionelle Rahmenbedingungen, die dies gewährleisten.