Ist die Vermögenssteuer oder eine andere Steuer die richtige Maßnahme?

Die Steuerdiskussionen sind für Laien nur schwer nachvollziehbar, insbesondere weil man schnell den Eindruck gewinnt, dass dabei Dinge als ausgemacht postuliert werden, deren Für und Wider man als Rezipient der Rhetorik nicht einmal ansatzweise kennt.

Durch Thomas Piketty ist die Diskussion um die Vermögenssteuer wieder in den Blickpunkt gerückt. Kenneth Arrow denkt bei Crooked Timber darüber nach, ob sie das Ungleichheitsproblem zu lösen in der Lage wäre, welche nachteiligen Effekte sie hätte und ob man nicht eine andere Alternative erwägen sollte.

Lisa Herzog über Märkte: Das Kriterium ist die Freiheit

3AM interviewt Lisa Herzog. Dabei geht es vor allem um die Überlegungen von Adam Smith und Hegel zu Märkten und wie diese heute noch relevant sind.

2014 hat Lisa Herzog zusammen mit Axel Honneth bei Suhrkamp eine Textsammlung zu Marktansichten vom 18. Jahrhundert bis heute veröffentlicht: “Der Wert des Marktes: Ein ökonomisch-philosophischer Diskurs vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart“. Dazu hat es einige Rezensionen gegeben – die informativste ist wohl die im Blog “Wirtschaftliche Freiheit“.

Elisabeth von Tadden hat Lisa Herzog im März 2014 interviewt. Ein Interview eher auf Internet-Niveau ist bei ZEIT-Campus Anfang 2015 erschienen.

Auf YouTube gibt es ein Interview mit ihr sowie eine Vorlesung über Schädigungen im Markt:

Piketty gegen die “denkfaule Rhetorik des Antikapitalismus”

Im Guardian gibt Owen Jones ein Gespräch mit Thomas Piketty wieder, ergänzt um frühere Äußerungen. Piketty hat den ökonomischen Bestseller des Jahres 2014 geschrieben – der auch in Übersetzungen in zahlreiche Sprachen ein Erfolg ist. Das Buch jedoch ist mächtig, voller Daten und bereits Gegenstand ausgiebiger Diskussionen (siehe bspw. die Beiträge in diesem Blog). Ob es tatsächlich millionenfach gelesen wird, ist eher fraglich. Dem allgemeineren Anliegen Pikettys würde das jedoch durchaus entsprechen, denn – wie er dem Guardian sagt – er wünscht sich eine Demokratisierung ökonomischen Wissens.

Piketty versucht in seinem Buch eine wachsende soziale Ungleichheit zu belegen und wirbt für Maßnahmen, die entschieden dagegen steuern. Das hat aber nichts mit plattem Antikapitalismus zu tun, denn er sei “fürs Leben geimpft gegen die denkfaule Rhetorik des Anti-Kapitalismus”. Er glaubt nicht an den Kommunismus à la Sowjetunion oder DDR, sondern an Eigentum und Marktmechanismen. Der “Religionskrieg” zwischen links und rechts sei längst überholt. Seine Empfehlung gegen die Dynamik der Ungleichheit ist die Vermögenssteuer, die das Gesicht des Kapitalismus entscheidend ändere.

Piketty auf dem Holzweg?

Deirdre McCloskey, die sich selbst als “ex-Marxist, Christian libertarian” beschreibt, hat für das “Erasmus Journal for Philosophy and Economics” eine Rezension zu Thomas Pikettys Buch “Das Kapital im 21. Jahrhundert” geschrieben (Downloadlink bei Marginal Revolution).

Sie reklamiert, dass Piketty schwerwiegende Fehler bei zentralen Annahmen mache, und so von falschen Voraussetzungen ausgehend zu einem falschen Gesamtbild gelange. Eine andere Variante ihrer Kritik ist, dass der notorische linke Pessimismus zu einer Fehldeutung der Ungleicheit und vor allem, so betont sie, zu falschen, wenn nicht sogar verhehrenden Rezepten führt.

Vielleicht kann man das Problem, dass hier bei Piketty gesehen wird, für Laien wie mich durch die Frage veranschaulichen, ob der Reichtum von Steve Jobs und Bill Gates “guter Reichtum” ist, weil er Wohlstand für Viele gebracht hat, oder nicht. Piketty scheint hier widersprüchlich, während McCloskey sagt, dass Innovationen die enormen Wohlstandszuwächse in den letzten Jahrhunderten hervorgebracht haben – so wie sie das jetzt auch in Asien tun.

Evan Davis hatte schon im Mai 2014, bevor Piketty ein Bestseller wurde, die gegensätzlichen Auffassungen von Piketty und McCloskey im Spectator diskutiert.

Mitte November war McCloskey auf dem Podium bei “Policy Exchange“, wo sie Ergebnisse ihrer Rezension vorstellt.

Krugman und Bertram über Piketty: Die neue Belle Epoque

Paul Krugman hat in der “New York Review of Books” eine Rezension zu Thomas Pikettys “Capital in the 21st century” veröffentlicht (wie bereits im März angekündigt).

Piketty untersucht ausgiebig das Anwachsen der sozialen Ungleicheit in den letzten Jahrzehnten, und kommt zu dem Schluss, dass Vermögen – und Einfluss – zunehmend wieder vererbt werden. Auffällig sei insbesondere auch das Abschmelzen der Mittelschicht. Eine Ursache ist die sinkende Besteuerung von Vermögen und Erbschaften. Krugman hält Pikettys Buch für wichtig – es habe den Diskurs über Vermögen und Ungleichheit verändert.

(Update: Hier wird die Krugman-Rezension ganz anders verstanden, und Pikettys Vererbungsthese kritisch gesehen.)

In einem Posting bei Crooked Timber meint Chris Bertram, dass Pikettys Buch ein ganz neues Licht auf John Rawls’ “Theorie der Gerechtigkeit” werfe. Rawls Konzeption einer gerechten Gesellschaft sieht er als eine wieder aktuelle Philosophie, die dazu beitragen kann, dass “citizenship and democracy are not sucked of their meaning by the super-rich“.

Zunahme von Depressionen bei jungen Menschen

Depressionen nehmen auch unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu. John Grohol berichtet über dieses Phänomen und stellt Überlegungen zu den Ursachen an. Mangels ausreichender Studien vermutet er, dass die Fähigkeit, Frustrationen gesund zu verarbeiten, bei jungen Leuten immer weniger ausgeprägt ist, so dass die Gründe hierfür untersucht werden müssten.

Therese Borchard gibt 4 kurze Tipps, wie man Menschen mit Depressionen am hilfreichsten begegnet.

Raymond Boudon gestorben

Der französische Soziologe und Philosoph Raymond Boudon ist am 10. April 2013 verstorben.

Raymond Boudon ist insbesondere durch seine Arbeiten zur Methodologie der Sozialwissenschaften, zur Kritik der Rational Choice Theory, Ideologiekritik, zu soziologischen Klassikern, zur Rationalität und zur Demokratie bekannt. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht – darunter in seinen letzten Lebensjahren engagierte Beiträge zu öffentlichen Debatten. Einen Überblick gibt der französische Wikipedia-Artikel zu Boudon.

Kurze englische Nachrufe finden sich beim Blog “Oxford Sociology” und auf der Seite des Oxforder Nuffield College.

Einen interessanten Aufsatz, in dem Boudon die Frage diskutiert, ob die Soziologie Wissenschaft oder Literatur sei, findet man hier: Sociology that really matters.

In den französischen Medien findet Boudon nicht ein so großes Echo wie seine Kontrahenten Bourdieu oder Foucault. (Boudon hat es bedauert, dass es in der akademischen Landschaft der französischen Geistes- und Sozialwissenschaften keine Debatte zwischen gegensätzlichen Schulen gegeben habe.) Dennoch ergibt die Suche einige Ergebnisse zu Nachrufen in französischer Sprache (einen deutschen Nachruf habe ich nicht gefunden).
Der Figaro hat hier, hier und hier jeweils einen Nachruf.

Bei Contrepoints wurden vier Nachrufe veröffentlicht: hier, hier, hier und hier.

“Enquete & Debat” bringt einen Nachruf in Form einer Kurzdarstellung von Boudons Buch “L’art de se persuader”.

Einen englischen Nachruf bringt das Blog des French Economic Observatory.

Intelligenz und harte Arbeit

Robert Paul Wolff erzählt eine Geschichte (die Carl Sandburg erzählt hat) von zwei Küchenschaben, die von einem Karren fallen. Die eine fällt auf einen wunderschönen Misthaufen, die andere in die Kanalisation. Die erste wird dick und glücklich, die zweite müht sich zäh, aus der Kanalisation herauszukommen. Als es ihr endlich halb verhungert gelingt, sieht sie die fette und glückliche Schabe auf dem Misthaufen und fragt, wie sie so fett und glücklich geworden ist. “Intelligenz und harte Arbeit” antwortet die selbstzufriedene glückliche Schabe auf dem Mist.

Kooperation statt Korruption

Die Bestrafung unkooperativen Verhaltens ist aus spieltheoretischer Sicht ein Problem, weil dieses Verhalten für den Bestrafer kostspielig ist und er mit Vergeltung rechnen muss. In einer korrupten Umgebung scheint es daher ratsam zu sein, nicht selbst ein Bestrafer zu sein.

Wie ist es dann aber möglich, dass sich Gesellschaften entwickeln, in denen Kooperation herrscht und die Korruption zurückgedrängt wurde? Boyd, Gintis, Bowles und Richerson haben 2003 beschrieben, wie altruistisches Bestrafen von Nicht-Kooperativen auch in größeren Gesellschaften möglich ist.

Edgar A. Duéñez-Guzmán und Suzanne Sadedin zeigen nun, wie durch Bestrafung der Korrupten und Belohnung der Bestrafer die Korruption zurückgedrängt werden kann und die Gesellschaft dabei Stabilität und ein höheres Maß an Lebensqualität erzielt.

Laurin, Shariff, Henrich und Kay zeigen in ihrer aktuellen Studie, dass die Überzeugung, eine göttliche Instanz würde Normverletzer bestrafen, dazu führt, dass reale Bestrafung reduziert und Korruption weniger bekämpft wird.

Der Sozialdemokrat Adam Smith

Wieder ein interessantes Stück über Adam Smith, das gängige Fehlinterpretationen sowie die üblichen Auswüchse der Ökonomie ins richtige Licht rückt, diesmal beim American Conservative:

“For one thing, Smith roundly mistrusted businessmen. In addition to the sallies already quoted, he insisted that businessmen, for all they may talk of freedom and fairness, ‘generally have an interest to deceive and even oppress the public.‘ One example out of many from The Wealth of Nations:

Our merchants and master-manufacturers complain much of the bad effects of high wages in raising the price, and thereby lessening the sale of their goods both at home and abroad. They say nothing concerning the bad effects of high profits. They are silent with regard to the pernicious effects of their own gains. They complain only of those of other people.'”

Tyler Cowen interviewt Peter Singer

Tyler Cowen (Marginal Revolution) interviewt Peter Singer zu seinem Buch “The life you can save”. Erschienen ist das Videointerview bei Bloggingheads.tv. Singer geht es um nichts Geringeres als die Beendigung von Armut. Die im Interview angesprochenen Themen sind:

Peter’s new book, “The Life You Can Save” (03:08)
What is the most effective way to end poverty? (06:45)
Genetically reprogramming humans to be more generous (05:35)
What charities does Peter give to? (06:27)
Advice for a young utilitarian (04:49)
How to achieve a higher happiness (03:17)

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