Xenophanes und Popper über Wahrheit und Vermutungswissen

Die sokratische Einsicht, dass wir uns unseres Wissens nie ganz sicher sein können, verband Karl Popper mit dem von Xenophanes bekannten Motiv, “suchend das Bessere zu finden”. Das Paideia-Blog hat einen guten Artikel dazu geschrieben.

Sokrates über die Debattenkultur im Internet

Die sozialpsychologischen Mechanismen der Internetkultur sind einigermaßen trivial. Um hierzu dennoch große “Netzphilosophien” und “Systemtheorien” anzubieten, muss man denn schon die schlichten Sachverhalte möglichst obskur und getragen von religiösem Bekehrungseifer darstellen.

Einen der zentralen Mechanismen der “Netzdebatten” hat Sokrates beschrieben: “Denn was nach seinem eigenen Sinn gesprochen wird, daran freut sich ein jeder, was aber aus einem fremden, das ist ihm zuwider.” (Platon: Gorgias, 512b) Und wegen dieser nüchtern-realistischen Einschätzung empfiehlt Sokrates Vernunft und Moral als einzige intelligente Option.

Ignoranz

Ignoranz ist ein großes Problem für die Menschheit – nicht nur theoretisch, sondern auch moralisch. Philosophie als sokratisches Unternehmen ist die Auseinandersetzung mit dieser Herausforderung. Wie alle ethischen Probleme bleibt die Ignoranz eine ständige Herausforderung, die nicht irgendwann einmal überwunden wäre.

Es ist nicht immer leicht, das Problem zu identifizieren, weil es psychologische Schutzmechanismen gibt, sich gegen die Kritik der Ignoranz zu immunisieren. Entsprechend stellte Bertrand Russell fest: “The trouble with the world is that the stupid are cocksure and the intelligent are full of doubt.” Die philosophische Haltung ist daher eine, die eine gewisse Bescheidenheit und Offenheit praktiziert. Ignoranz ist unvermeidlich, Arroganz dagegen schon. Oder wie Alfred North Whitehead sagte: “Not ignorance, but ignorance of ignorance, is the death of knowledge.

Schon vor Russell formulierte der amerikanische Schriftsteller Josh Billings: “The trouble with people is not that they don’t know but that they know so much that ain’t so.” Er scheint das sokratische Problem verstanden zu haben, denn von ihm sind auch die Worte überliefert: “Wisdom don’t consist in knowing more that is new, but in knowing less that is false.

Aber das muss man erst einmal wissen. Warum das nicht immer der Fall ist, zeigt uns auch die Psychologie. Im Jahr 2000 erhielten Justin Kruger und David Dunning den Ig-Nobel-Prize für die Entdeckung des nach ihnen benannten Dunning-Kruger-Effekts: eine kognitive Verzerrung, “nämlich die Tendenz inkompetenter Menschen, das eigene Können zu überschätzen und die Leistungen kompetenterer Personen zu unterschätzen” (Wikipedia). Oder, wie David Dunning sagt: “Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist.” Und deshalb kommt es eben auf eine Haltung an, die respektvoll und offen ist. Es ist sowohl aus theoretischer als auch aus psychologischer Sicht besser, eine ethische Einstellung zu eigenem Wissen und Argumenten zu haben.

Sokrates knapp freigeprochen

Die griechische Onassis Foundation hat am 25. Mai 2012 den Prozess “Stadt Athen gegen Sokrates” mit einer internationalen Jury von Juristen neu inszeniert. In der Frage, ob Sokrates nach athenischem Recht die Jugend korrumpiere und neue Götter einführe, stimmten 5 Richter für und 5 gegen Sokrates – was einen knappen Freispruch bedeutet.

Die Anklage- und die Verteidigungsschriften können hier gelesen werden (auf Englisch). Auch die ganze Veranstaltung im Onassis Kulturzentrum in Athen kann im Video angesehen werden. Mit 4 Stunden Dauer lassen sich so locker zwei Spiele der Fußball-EM ersetzen.

John Coopers Locke-Lectures über Philosophie als Lebensweise

Neben der anspruchsvollen akademischen Philosophie, die sich damit beschäftigt, was anspruchsvolle akademische Philosophie ist und welche Denkschulen nicht als richtige Philosophie akzeptiert werden können, hat es immer – prominent besonders in der antiken griechischen und römischen Philosophie – eine zweite, zusätzliche Auffassung von Philosophie als Lebensweise oder als Methode für einen gelingendes Leben gegeben. Diese Auffassung ist für Autoren wie Platon, Epikur, Chrysippos, Cicero oder Seneca integraler Bestandteil der Philosophie.

John M. Cooper (Harvard) hat 2011 die John Locke Lectures in Oxford gehalten – unter dem Titel “Ancient Greek Philosophies as a Way of Life“. Er spricht darüber, dass für antike griechische Philosophen die philosophisch gebildetete Vernunft, und nicht etwa Religion oder Tradition, die einzige Autorität in der Frage des richtigen Lebens und des richtigen Handelns ist. Diese pagane Konzeption verfolgt Cooper von Sokrates, Platon und Aristoteles, über die Stoiker, Epikur, die Pyrrhonische Skepsis bis zu Plotin und den spätantiken Platonismus.

Es hat den Anschein, dass diese Locke-Lectures die Grundlage für Coopers neues Buch “Pursuits of Wisdom: Six Ways of Life in Ancient Philosophy from Socrates to Plotinus” sind, das im April bei Princeton University Press erscheinen wird.

John Cooper ist Herausgeber einer vielbeachteten neueren Platongesamtausgabe (siehe dazu diesen informierten Kommentar eines Amazon-Users) und Übersetzer einiger Schriften Senecas. Einige seiner Aufsätze zur antiken Philosophie sind 1986 in “Reason and Human Good in Aristotle” und 1998 in “Reason and Emotion: Essays on Ancient Moral Psychology and Ethical Theory” erschienen.

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Öffentlich oder privat? Was Sokrates uns heute sagt

Angus Kennedy rezensiert bei Spiked das neue Buch von Bettany Hughes – “The Hemlock Cup”. Kennedy beschreibt zunächst Sokrates’ Einstellung zur Rolle der philosophischen Diskussion in der öffentlichen Debatte. Sokrates’ Fragen konnten seine Gesprächspartner nerven. Zwar sagt er in der “Apologie”, für die Gesundheit ist es klüger, im Privaten zu philosophieren und der Politik fern zu bleiben. Allerdings spielte die Politik und die politische Diskussion in der Öffentlichkeit des antiken Athens eine ungleich größere Rolle als heute bei uns. Sokrates hätte die Art, wie heute Sprache in Politik und Wirtschaft verbogen wird, scharf kritisiert. Deshalb, so Kennedy und Hughes, brauchen wir ihn heute als Vorbild, um Werte, Sinn und Wissen wieder zu verstehen.

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