Oliver Sacks über das mentale Leben von Würmern

Charles Darwin hat aufgrund seiner Untersuchung des Verhaltens von Würmern bei ihnen “the presence of a mind of some kind” vermutet. Auch andere Wissenschaftler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren fasziniert vom Verhalten und dem Nervensystem verschiedener Arten. Der junge Sigmund Freud dokumentierte die Ähnlichkeit der Nervenzellen von niederen und höheren Arten. Die Fähigkeiten von Pflanzen und Insekten sind erstaunlicher, als gemeinhin angenommen.

In einem sehr gut lesbaren Artikel berichtet Oliver Sacks in der New York Review of Books über diese interessanten Forschungen: “The Mental Life of Plants and Worms, Among Others“.

Aktuelle Diskussionen in der Psychiatrie

Stephan Schleim berichtet von den 8. Berliner Psychiatrietagen, die unter dem Titel “Psychiatrie der Zukunft” liefen. Die große Zahl der psychischen Störungen ist offenkundig nicht allein auf Veranlagung, sondern in gravierenden Ausmaß auch auf soziale Faktoren zurückzuführen. Insofern ist ein wachsender Neuroskeptizismus die logische Konsequenz eines einseitigen Erklärungsansatzes. Schleim selbst diskutiert in seinem Vortrag den “Imperativ der Anpassung” in der Psychiatrie, und stellt ihm einen “Imperativ der Autonomie” entgegen. (Das erinnert mich an Fromms Charakterisierung von Freuds Therapieziel als “autoritär”.)

Die professionelle Unfähigkeit zu schreiben

John Gray rezensiert in der Literary Review ein Buch von Mikkel Borch-Jacobsen und Sonu Shamdasani über Sigmund Freud und die frühen Jahre der Psychoanalyse: “The Freud Files: An Inquiry into the History of Psychoanalysis“. Er geht auf bekannte Streitpunkte der “Freud Wars” ein, gibt seine eigene Einschätzung dazu ab und ergänzt ein paar interessante Details. So soll Karl Popper seine Kritik, dass Freuds Psychoanalyse unfalsifizierbar und deshalb nicht wissenschaftlich sei, nicht erst in der “Offenen Gesellschaft” und in “Conjectures and Refutations”, sondern bereits um 1919 formuliert haben.

Aber ein anderer Aspekt der Rezension von John Gray beschäftigt mich hier: Freud sei ein deutlicher und direkter Autor gewesen, wohingegen das besprochene Buch von Borch-Jacobsen und Shamdasani oft unverständlich sei (als Gegenbeispiel lobt er Janet Malcolms “Psychoanalysis: The Impossible Profession” und “In the Freud Archives“). Gray bezeichnet dies als “the professional inability to write, which has become a requirement of academic life” – also die professionelle Unfähigkeit zu schreiben, die eine Anforderung des akademischen Lebens geworden sei.

Schaut man sich die im akademischen Betrieb jeweils vorherrschende Scholastik an – Analytische Philosophie, Postmoderne, “Kontinentale” Philosophie oder welche Geschmacksrichtung auch immer – so fällt die fehlende Bereitschaft, und möglicherweise ja auch Unfähigkeit, auf, den einen oder anderen allgemein verständlichen Text zustande zu bringen. Nun kann man über die Kriterien für Verständlichkeit geteilter Meinung sein. Ich würde hier zwei Anforderungen in Anschlag bringen: Nachvollziehbarkeit der Position für Interessenten mit anderen Hobbies, sowie einen Informationsgehalt, der über die 5 oder 6 Jahre, nach denen eine heiße Spezialistenthese wieder für alle Zeiten vergessen wird, erhalten bleibt.

Ich will damit nicht sagen, dass dies Standards für akademische Forschung sind. Es sind ausreichend Megabytes vorhanden, um kurioses Vokabular, interessante Formeln und kreative Schlussfolgerungen zu veröffentlichen. Verständlichkeit, Klarheit, Nachvollziehbarkeit sind vielleicht keine Kriterien, oder keine wichtigen, für wissenschaftliche Forschung. Aber zur Darstellung für ein interessiertes Publikum, dass über die drei Dutzend Fachkollegen hinausgeht, sind sie es. Die Fähigkeit, diese Kriterien anzuwenden, wird nur selten unter Beweis gestellt. Vielleicht ja auch, weil es mit dem Kult von Superhelden nicht vereinbar wäre.