Neuausgabe der Briefe Senecas

Bei Reclam ist eine neue vollständige, übersetzte Ausgabe der Briefe Senecas an Lucilius (der epistulae morales) erschienen. Herausgegeben wurde das 780 Seiten umfassende Werk von Marion Giebel, die schon zahlreiche Werke der antiken Philosophie und Literatur übersetzt und herausgegeben hat. Auch eine Biografie zu Seneca hat sie im Rowohlt-Verlag veröffentlicht. Ob die Übersetzungen für diese Ausgabe neu angefertigt wurden oder aus den zahlreichen deutsch-lateinischen Einzelausgaben der Briefe bei Reclam stammen, kann ich nicht sagen, da ich noch keinen Blick ins Buch werfen konnte und die Reclam-Webseite dazu nichts sagt. Ergänzt wird diese Ausgabe um Zugaben wie Anmerkungen, eine Übersicht über die stoische Philosophie, ein Literaturverzeichnis und ein Nachwort.

Damit liegen die Briefe Senecas in ihrer erschwinglichsten deutschsprachigen Version vor (39,95 Euro). Soweit ich weiß, gibt es dann noch derzeit auf dem Buchmarkt die zweisprachige und zweibändige Ausgabe in der Reihe “Tusculum”, die aber Einiges mehr kostet, sowie die zweisprachige Studienausgabe der Philosophischen Schriften Senecas von Manfred Rosenbach in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, deren Übersetzung sich bewusst eng an das Lateinische anlehnt und damit für heutige deutschsprachige Ohren manchmal ungewohnt ist.

Seneca hat diese Briefe in den letzten Lebensjahren geschrieben. Sie enthalten einige markante Passagen, die oft zur Erläuterung der stoischen Philosophie herangezogen werden, aber auch interessante, manchmal kuriose Details über das Leben zu Senecas Zeiten, wie etwa die Schilderung des übermäßigen Luxuslebens der Begüterten, das der Stoiker Seneca naturgemäß weder für vertretbar noch für heilsam hält.

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Philosophie der Neuen Medien

“Nichts ist eindeutig, wenn man sich der unbeständigsten Leitung anvertraut – der öffentlichen Meinung.” (Seneca, Ad. Luc., 95.58)

Gut, das ist natürlich Quatsch, weil es ist ja von Seneca, und von ca. 64 u.Z. So simpel sind wir nicht mehr gestrickt, denn wir haben Unternehmensberater, Logik und das Internet.

Die Zukunft ist da, und man sagt ja nichts Neues, wenn man sagt, dass sie so aussieht:

Videoeinführung in den Stoizismus

Die stoische Philosophie ist in den USA einigermaßen populär. Und so findet man immer wieder Beiträge über die Stoiker im Internet.

Philip Hansten, emeritierter Pharmazie-Professor, hat eine Videoeinführung zur stoischen Philosophie auf YouTube eingestellt, die dort in drei Teilen zu sehen ist.

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John Coopers Locke-Lectures über Philosophie als Lebensweise

Neben der anspruchsvollen akademischen Philosophie, die sich damit beschäftigt, was anspruchsvolle akademische Philosophie ist und welche Denkschulen nicht als richtige Philosophie akzeptiert werden können, hat es immer – prominent besonders in der antiken griechischen und römischen Philosophie – eine zweite, zusätzliche Auffassung von Philosophie als Lebensweise oder als Methode für einen gelingendes Leben gegeben. Diese Auffassung ist für Autoren wie Platon, Epikur, Chrysippos, Cicero oder Seneca integraler Bestandteil der Philosophie.

John M. Cooper (Harvard) hat 2011 die John Locke Lectures in Oxford gehalten – unter dem Titel “Ancient Greek Philosophies as a Way of Life“. Er spricht darüber, dass für antike griechische Philosophen die philosophisch gebildetete Vernunft, und nicht etwa Religion oder Tradition, die einzige Autorität in der Frage des richtigen Lebens und des richtigen Handelns ist. Diese pagane Konzeption verfolgt Cooper von Sokrates, Platon und Aristoteles, über die Stoiker, Epikur, die Pyrrhonische Skepsis bis zu Plotin und den spätantiken Platonismus.

Es hat den Anschein, dass diese Locke-Lectures die Grundlage für Coopers neues Buch “Pursuits of Wisdom: Six Ways of Life in Ancient Philosophy from Socrates to Plotinus” sind, das im April bei Princeton University Press erscheinen wird.

John Cooper ist Herausgeber einer vielbeachteten neueren Platongesamtausgabe (siehe dazu diesen informierten Kommentar eines Amazon-Users) und Übersetzer einiger Schriften Senecas. Einige seiner Aufsätze zur antiken Philosophie sind 1986 in “Reason and Human Good in Aristotle” und 1998 in “Reason and Emotion: Essays on Ancient Moral Psychology and Ethical Theory” erschienen.

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Oikeiosis: Vernunft oder Natur?

Robert Bees hat 2004 den ersten Band seiner Untersuchungen zur Oikeiosis-Lehre der Stoa, die in den letzten Jahren zunehmendes Interesse findet, veröffentlicht: “Die Oikeiosislehre der Stoa I: Rekonstruktion ihres Inhaltes“. Bees schlägt aufgrund seiner korrigierenden philologischen Studie eine Neuinterpretation vor: oikeiosis sei nicht wie in der bislang gängigen Interpretation ein vernunftgesteuerter sondern vielmehr ein naturgesteuerter Prozess. Und diesbezüglich sieht Bees zudem Parallelen zur modernen Soziobiologie.
Bei “sehepunkte” hat Claudia Horst dieses Buch rezensiert. Sie begrüßt die erste, und kritisiert die zweite These.
In seinem Buch “The Stoic Life” widmet Tad Brennan das 10. Kapitel dieser Theorie: “Oikeiosis and Others.”

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Seneca fürs 21. Jahrhundert

Seneca und Stoizismus waren immer schon vergleichsweise populär. Das Interesse an Seneca nimmt in den letzten Jahren wieder zu. Die Popmusiker von “Get Well Soon” setzen sich auf ihrem jüngsten Album “Vexations” (Affiliate-Link) mit Seneca und stoischen Auffassungen auseinander. Warum, wie das MTV-Blog berichtet, das “ein bisschen zu viel des Guten” sein soll und Konstantin Gopper, der für die Kompositionen verantwortlich zeichnet, “aus der Kritik angesichts des intellektuellen Überbaus sicher lernen und beim dritten Album nicht ungefragt vorchristliche Theorien in die Runde pfeffern” wird, ist völlig unklar. In der Popmusik kann man jeden Scheiß machen, je bescheuerter desto publikumswirksamer, da sind Inhalte, die sich seit über 2000 Jahren in verschiedensten Situationen bewährt haben, definitiv nicht verboten.

Auch Mark Frauenfelder auf Boing Boing sieht das so, und rezensiert zustimmend das neue Buch von William B. Irvine, “A Guide to the Good Life: The Ancient Art of Stoic Joy“, (Affiliate-Link) erschienen bei OUP. Anschließend schrieb Irvine auf Boing Boing eine dreiteilige Serie über seine stoische Alltagspraxis.
Als Philosoph mag man Details von Irvines Stoainterpretation prüfen, oder fragen, wo die stoische Philosophie ergänzungsbedürftig ist, wie dies bspw. Martha Nussbaum in ihren Büchern in fairer Weise tut. Als Einstieg in eine solche philosophische Haltung, und als lebenspraktische Reflexion, sind die Beiträge jedenfalls gut geeignet. Deshalb: mehr davon!

Hier die Beiträge von William Irvine auf Boing Boing: Stoizismus für das 21. Jahrhundert:
Teil 1: Twenty-First Century Stoic — From Zen to Zeno: How I Became a Stoic
Teil 2: Twenty-First Century Stoic — Insult Pacifism
Teil 3: Twenty-First Century Stoic — Stoic Transformation

Update: Auf der Webseite von Get Well Soon gibt es 6 Stücke des neuen Albums als Konzertmitschnitt kostenlos zum Download. [via Spreeblick]

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Intelligentes Leben

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