Säkularer Humanismus

Die Veröffentlichungen zum säkularen Humanismus umspannen ein weites Feld. (In gewisser Hinsicht könnte man selbst “Geist und Kosmos” als Thomas Nagels persönlichen Versuch zu diesem Thema betrachten.) Der Humanismus ist ja eine positive, konstruktive Position, und unterscheidet sich damit von der vorherrschenden giftigen Polemik aus den unterschiedlichen Lagern, die prominent zur Frage eines religiösen oder nicht-religiösen Weltbildes Stellung nehmen.

Verschiedene Autoren mit ganz unterschiedlichen Positionen haben in den letzten Jahren ihre Version eines säkularen Humanismus vorgestellt. Eine gewisse Popularität beim Lesepublikum hat Alain de Botton mit seinen Büchern “Trost der Philosophie” (2000) und “Religion für Atheisten” (2012) erlangt. Greg Epstein hat 2006 “Good without God” veröffentlicht. Wenn man, wie ich oben bei Nagel getan habe, das Feld etwas weiter aufspannt, könnte man möglicherweise auch Ronald Dworkins “Religion without God” (2012) hier hinzu rechnen. Oder Julian Bagginis “Atheism. A very short introduction“. Ebenso gibt es ein großes Interesse an einem säkularen Buddhismus, der von vielen Autoren vertreten wird wie beispielsweise Stephen Batchelor und zuletzt von dem Naturalisten Owen Flanagan. (Schopenhauer könnte man hier als einen Vorläufer nennen. Und selbst der Dalai Lama hat im letzten Jahr in der Frankfurter Paulskirche mit Rainer Forst über eine säkulare Ethik diskutiert.)

Philip Kitchers “Life After Faith: The Case for Secular Humanism” (Yale University Press, 2014) ist der jüngste Beitrag eines renommierten, wissenschaftlich orientierten Philosophen, in dem er zeigen will, wie eine vollständig säkulare Perspektive die Funktionen der Weltbildorientierung erfüllen kann, die für die Religion reklamiert werden. Matthew Engelke hat unter dem Titel “Soft Atheism” eine Rezension von Kitchers Buch bei Public Book veröffentlicht. Bereits im Januar erschien eine Rezension von “Life after Faith bei NDPR durch den Religionsphilosophen Alvin Plantinga, der – was bei ihm kein Wunder ist – nicht überzeugt war.

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Gibt es eine säkulare und eine religiöse Vernunft?

Jürgen Habermas’ Begriff einer “postsäkularen Gesellschaft” findet bei Theologen bekanntlich große Resonanz. Zuletzt hat nun Kardinal Karl Lehmann in seiner Predigt vor der Deutschen Bischofskonferenz über “Das Geheimnis des Glaubens in der Auslegung der Theologie” darauf Bezug genommen (hier auch als PDF erhältlich).

Nach seiner Auffassung hat Vernunft zwei Aspekte, die er anhand des Begriffs “Vernehmen” veranschaulicht.

1. In der Neuzeit wird Vernunft so verstanden, dass “[a]lles, was einen geistigen und moralischen Anspruch erhebt, […] vor den Gerichtshof der menschlichen Vernunft gebracht [wird], um dort auf Herz und Nieren überprüft zu werden“. Diese Vernunft sei mit einer ständigen Skepsis verbunden und erscheine als “das Maß aller Dinge schlechthin“. Ein Konfilkt zwischen diesem Vernunftbegriff und der Theologie sei unvermeidbar.

2. Der andere Aspekt der Vernunft habe mehr mit dem Vernehmen als Hören zu tun. Dies sei nicht nur passivisch, sondern “aktiv offen“. “Aber dieses Vernehmen ist stärker ein Empfangen.” Diese Vernunft sei bescheidener.

Lehmann stimmt Habermas zu, dass die säkulare Gesellschaft “von wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung abgeschnitten” sei. Dazu zitiert er Habermas: “Die verlorene Hoffnung auf Resurrektion hinterlässt eine spürbare Leere.

A propos “Sinn in einer säkularen Gesellschaft“: Ich hatte die geneigten Leserinnen hier gefragt, welche konkreten Beispiele für “naturalistischen Enthusiasmus”, den man auch säkularen Enthusiasmus nennen könnte, es gibt.