Shit philosophers say

In bestimmten Gegenden der Philosophie verwendet man ja einen Gutteil der Energien darauf, rumzupöbeln. Man hält sich dort auf seine aggressiven Kommunikationsskills etwas zu gute – für Außenstehende ein recht lahmes Schauspiel.

Ein aktuelles Beispiel dieses akademischen Becker/Pocher-Niveaus bietet die recht oft verlinkte Rezension eines Buches von Colin McGinn durch Kerry McKenzie. McGinn ist selbst auch ein Freund des deutlichen Wortes.

Ich rätsel schon lange rum, in welcher Tradition dies steht – vielleicht in der der scholastischen Fehden mittelalterlicher Universitäten? Im Politischen ist Polemik ein unverzichtbares Kampfmittel. Aber in der Philosophie ist diese Form von Schlagfertigkeit und verbalem Aufmotzen überhaupt nicht hilfreich. Zumal im Rückblick viele Polemiker eher wie arme Würstchen dastehen.

Ein solcher offensiver Stil passt natürlich gut in unsere Zeit, und mit diesem Zug muss man nicht einverstanden sein. Viele Philosophen halten die folgende Aufforderung jedenfalls für intellektuell inkompetent:

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“Seid mal netter” – von Nicht-Philosophen im Internet geteilt.

Verwirrt mit Zizek

“Mehr Gewalt statt Budhismus” – das ist das Rezept, das Slavoj Žižek verschreibt. Das Feuilleton ist fasziniert von solcher Frische, und verwirrt.

Hier gibt es einen Auszug aus Žižeks jüngstem Buch. In der Passage, die vom Buddhismus handelt, gewinnt man den Eindruck, als würde er ihn wohlwollend darstellen; – Žižeks Fazit wurde ausgelassen. Vielleicht haben die Redakteure soweit nicht gelesen. So bemerkt denn auch gleich der erste Kommentator, dass der Ausschnitt irreführend sei. Žižeks Punkt sei das genaue Gegenteil.

Unmissverständlicher ist da schon dieser Aufsatz von Žižek im Cabinet Magazine, in dem seine sexualisierte Scheißerhetorik bewundert werden kann.

In der New York Review of Books hat John Gray über die “Violent Visions of Slavoj Žižek” geschrieben.

Wahlkampfniveau

Neueste Attacken im amerikanischen Wahlkampf: Obama ist ein Platoniker (sprich: “wie die Europäer”) und Mitt Romney spricht Französisch! Die philosophische Aufklärung über Obama stammt übrigens von einem ehemaligen Berater für die Privatisierung der Britischen Eisenbahn.

Die Frankophobie-Karte wurde in diesem Wahlkampf allerdings offenbar zuerst von den Demokraten gezogen (nachdem in früheren Jahren die Republikaner dieses Argument darlegten), und jetzt ist Newt Gingrich auf diesen Zug aufgesprungen.

Wenn das Beherrschen einer Fremdsprache zum Vorwurf wird, liegt es nahe, das Schulsystem gründlich zu entrümpeln.

Für eine Kultur respektvoller Debatten – Martha Nussbaum

Martha Nussbaums Buch “Not for Profit” über die Relevanz der Geisteswissenschaften wird in Großbritannien und den USA viel diskutiert. Völlig zu Recht weist sie darauf hin, dass es sich um ein weltweites Problem handelt.

Ende letzten Jahres wurde im Blog “In Socrates’ Wake” in mehreren Beiträgen über “Not for Profit” diskutiert, und am 8. November 2010 antwortete Martha Nussbaum auf die Diskussion. Sie wies auf einige positive Aspekte des amerikanischen Systems hin, die es in dieser Form in Deutschland nicht oder nur ansatzweise gibt.
Außerdem diskutiert sie die Verantwortung der Geisteswissenschaft – und dieser Teil scheint mir in Manchem übertragbar auf die Situation in Deutschland, aber auch von ganz eigener Wichtigkeit zu sein.
Sie hält in den akademischen Disziplinen einen Respekt für ernsthafte Argumente ebenso für erforderlich wie das Ideal, dass widerstreitende Positionen mit Respekt und verständnisvoll untersucht werden müssen. Beides vermisst sie insbesondere in den Literaturwissenschaften (“literature departments”). Sie diskutiert dann einige amerikanische Besonderheiten, und streicht dann noch einmal die Bedeutung des “respektvollen Argumentierens” für die demokratische Kultur heraus.

Sowohl, was ihre Einschätzung dieser Wichtigkeit, als auch was die typischen Symptome des Ignorierens dieses Werts angeht, stimme ich ihr zu. Hiesige Debatten, etwa in der Politik oder im Internet, lassen in ganz erstaunlichem Maß die Fähigkeit und Bereitschaft vermissen, Themen sachgerecht darzustellen und alternative Positionen angemessenen zu diskutieren. Stattdessen werden die eher üblichen, ohnehin schon unverzeihlichen rhetorischen Fouls nicht selten von mehr oder weniger verschleierten ad-hominem-Attacken gekrönt.

Tatsächlich haben die Geisteswissenschaften die Aufgabe, den Studierenden die Fähigkeit zu intellektuellem Respekt beizubringen, und tatsächlich ist es erforderlich, diese Fähigkeit möglichst weit zu verbreiten. Destruktive Machtkämpfe in Debatten sind psychologisch und kulturell krank.
In Martha Nussbaums Worten: “I so often see opposing positions demonized and not engaged with seriously, and I think this is a grave failing of our culture.” Erforderlich ist “a way of putting forward one’s own position (by persuasive argument) that is not insulting but deeply respectful.

Der Nutzen von Rhetorik

“before some audiences not even the possession of the exactest knowledge will make it easy for what we say to produce conviction. For argument based on knowledge implies instruction, and there are people whom one cannot instruct. Here, then, we must use, as our modes of persuasion and argument, notions possessed by everybody”

(Aristoteles, Rhetorik, Buch I, Kapitel 1 (Alternativlink), in der Übersetzung von W. Rhys Roberts)

“we must be able to employ persuasion, just as strict reasoning can be employed, on opposite sides of a question, not in order that we may in practice employ it in both ways (for we must not make people believe what is wrong), but in order that we may see clearly what the facts are, and that, if another man argues unfairly, we on our part may be able to confute him.”

(Aristoteles, ebd., m. Hvh.)