Peter Thiel – eher banal als genial?

Auf Deutschlandradio Kultur bespricht Johannes Kaiser das neue Buch “Zero to One” von Peter Thiel kritisch: “Banale Start-Up-Philosophie“.

Peter Thiel ist ein erfolgreicher Silicon-Valley-Unternehmer, der in den USA und den üblichen Internetforen begeisterte Anhänger hat. Er ist eloquent, und selbstbewusst. An der Stanford University hat er ein Seminar gegeben, aus dem nun dieses Buch über Start-Up-Philosophie hervorgegangen ist. Johannes Kaiser bewertet es als schlichte Küchenphilosophie.

Thiels eindimensionale Innovationsgläubigkeit vermenge sich mit banalen Weisheiten über Anzugträger und pessimistische Europäer und den üblichen politischen und ökonomischen Lehrsätzen amerikanischer Konservativer. Entgegen seinem Image entlarve sich Thiel in seinem Buch gerade nicht als Querdenker.

Weitere Artikel über Peter Thiel gab es in den letzten Tagen bei Spiegel und FAZ.

Krugman und Bertram über Piketty: Die neue Belle Epoque

Paul Krugman hat in der “New York Review of Books” eine Rezension zu Thomas Pikettys “Capital in the 21st century” veröffentlicht (wie bereits im März angekündigt).

Piketty untersucht ausgiebig das Anwachsen der sozialen Ungleicheit in den letzten Jahrzehnten, und kommt zu dem Schluss, dass Vermögen – und Einfluss – zunehmend wieder vererbt werden. Auffällig sei insbesondere auch das Abschmelzen der Mittelschicht. Eine Ursache ist die sinkende Besteuerung von Vermögen und Erbschaften. Krugman hält Pikettys Buch für wichtig – es habe den Diskurs über Vermögen und Ungleichheit verändert.

(Update: Hier wird die Krugman-Rezension ganz anders verstanden, und Pikettys Vererbungsthese kritisch gesehen.)

In einem Posting bei Crooked Timber meint Chris Bertram, dass Pikettys Buch ein ganz neues Licht auf John Rawls’ “Theorie der Gerechtigkeit” werfe. Rawls Konzeption einer gerechten Gesellschaft sieht er als eine wieder aktuelle Philosophie, die dazu beitragen kann, dass “citizenship and democracy are not sucked of their meaning by the super-rich“.

Höffes neue Einführung in die Ethik

Bei Beck ist von Otfried Höffe “Ethik. Eine Einführung” erschienen. In dem schmalen Band führt Höffe den Leser von den anthropologischen Grundlagen zu den Grundmodellen der Ethik. Der Mensch ist ein zur Moral fähiges Wesen, wie er ja auch ein zur Vernunft fähiges Wesen ist – ein “animal rationabile” und ein “animal morabile”. Es liegt an ihm selbst, diese Potenziale durch Bildung und Selbstbildung zu aktualisieren. Ein Rezension von Höffes Buch hat Uwe Justus Wenzel in der NZZ veröffentlicht.

Gehirnwäsche – Was die Hirnforschung alles (nicht) kann

Beim Neuroskeptiker gibt es eine Rezension des Buches “Brainwashed” von Sally Satel und Scott O. Lilienfeld. Das Buch hat den Untertitel “The seductive appeal of mindless neuroscience”.

Das Buch verdeutliche, wie im Zuge des Neurohypes die Ergebnisse der Hirnforschung in vielen Bereichen überzogen und fehlerhaft interpretiert werden, und dass dies zu gravierenden schädlichen Konsequenzen führt – wie beispielsweise im Justizwesen, der Medizin und der Wirtschaft.

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Texte zur Philosophie der Bildung – Rezension von „Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …“

Hans-Ulrich Lessing und Volker Steenblock haben im Verlag Karl Alber eine Sammlung klassischer Texte zur Philosophie der Bildung mit dem Titel „Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …“ (Link zur Verlagsseite) herausgebracht. Die Textsammlung ist aus Lehrveranstaltungen an der Ruhr-Universität Bochum hervorgegangen und liegt 2013 bereits in 2. Auflage vor. Sie enthält Auszüge aus klassischen Bildungstexten von Platon über Pico und Comenius, Schiller, Humboldt und Herder bis zu Adorno, Gadamer und Bieri.

Den Schwerpunkt haben die Herausgeber auf das Bildungsideal der Deutschen Klassik gelegt, weil sie diese Tradition für besonders relevant halten, insbesondere in Auseinandersetzung mit der heutigen Situation in der Bildungspolitik, die von Ökonomisierungsgesichtspunkten gerade auch in der Definition der Aufgabe von Bildung geprägt ist. (Dazu haben sich in jüngster Zeit auch Philosophen wie Martha Nussbaum, Julian Nida-Rümelin oder Reinhard Brandt geäußert.) In der Tat sind demgegenüber solche Bildungskonzeptionen ein notwendiger und höchstaktueller Beitrag zur Verständigung über Bildungsaufgaben, die a) die Ausbildung der individuellen Persönlichkeit zur Bewältigung einer komplexen Zivilisation und b) die kulturellen Grundlagen einer demokratischen und kritischen Zivilgesellschaft in den Blick nehmen.

Die Auswahl dieser Klassiker ist also durchaus aktuell. Vollständigkeit würde den Rahmen jeder handlichen Textsammlung sprengen – auch wenn hier beispielsweise Beiträge von Mill, Dewey, Russell, oder Martha Nussbaum das Spektrum gut ergänzen würden. So haben Lessing und Steenblock einen handhabbaren Textband mit einem klaren Fokus und einer fundierten Auswahl vorgelegt.

An der zentralen Bedeutung von Schiller und Humboldt für die Bildungsphilosophie besteht kein Zweifel, zumal sie auch in der angelsächsischen Philosophie zu diesem Thema ihre Spuren hinterlassen haben (Humboldt z.B. in Mills „On Liberty“, Schiller bspw. über Moritz Schlick, einem der Begründer der Analytischen Philosophie).

Ein für mich noch blinder Fleck war die Auffassung Droysens, der eine auch heute noch informative Theorie der historisch geprägten individuellen Entwicklung der Persönlichkeit vorträgt, die er aber mit einer nicht ganz unproblematischen, an Hegel angelehnten Geschichtsphilosophie verbindet. Ein weltgeschichtlicher Bildungsbegriff läuft Gefahr, Imperative des “Systems” oder des “Ganzen” – und dazu gehören eben auch die heutigen angeblichen „Sachzwänge“ – über das Individuum zu stellen. Es ist ja nicht a priori ausgemacht, wer befugt ist, die relevanten Imperative oder Sachzwänge auf die Agenda zu heben und andere dafür zu streichen, und zudem – so stellt Droysen gleich zu Beginn des ausgewählten Textes fest, darf das Individuum nicht „Opfer der Mittel“ werden.

Dazu passt dann gut Nietzsches Klage – wenn auch auf das wilhelminische Gymnasium bezogen – über das uninspirierte Pauken der Klassiker sowie von Mathematik und Naturwissenschaften. Es gehe eben nur um eine “Abrichtung”, um das hastige “Fertig”-werden für den Beruf und den Staat – was Nietzsche “unanständig” findet, weshalb er an den Schulen und Universitäten auch nur “gelehrte Rüpel” als Lehrer ausmacht – von Ausnahmen abgesehen. Was ihm demgegenüber fehlt, das ist mit und in den Bildungsinhalten auch zu leben, sie als ein Vermögen zu erwerben, so dass man von einem “wirklichen Können” sprechen kann.

Dass diese Mängel nicht geringer geworden sind, und wie relevant das heute schon kaum noch vernehmbare Bewusstsein der Notwendigkeit von auf die Person bezogener, also humanistischer Bildung ist, stellen zum Schluss der Sammlung Texte von Adorno, Jörg Ruhloff und Peter Bieri dar.

Die Textsammlung “Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …” ist als Übersicht klassischer Positionen zur Bildungsphilosophie, für Einführungsseminare und zum Nachschlagen einiger der zentralen Textstellen von Platon, Schiller, Humboldt oder Bieri sehr gut geeignet. Eine Literaturliste enthält weitere Hinweise zur Lektüre – so z.B. auf den Sammelband von Cahn, “Philosophy of Education”, der klassische Texte aus angloamerikanischer Perspektive enthält.

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Darwinistische Ästhetik und Neuroästhetik

Adam Kirsch bespricht in “New Republic” drei Bücher, die sich aus einer darwinschen biologischen oder einer neurowissenschaftlichen Perspektive mit dem Phänomen der Ästhetik beschäftigen:
“Why Lyrics Last: Evolution, Cognition, and Shakespeare’s Sonnets”, von Brian Boyd
“Wired for Culture: Origins of the Human Social Mind”, von Mark Pagel
“The Age of Insight: The Quest to Understand the Unconscious in Art, Mind, and Brain, from Vienna 1900 to the Present”, von Eric R. Kandel

Im Raum stehen Fragen wie, ob das menschliche Kunstbedürfnis genetisch erklärbar ist, ob es etwas zur Fitness der Gene beiträgt, oder ob, wie Darwin schon angemerkt hat, der Schönheitssinn der Tiere gar nicht mit dem eines kultivierten Menschen vergleichbar sei. Analog für die – so Kirsch – verwandte neuere Neuroästhetik fragt man, wie Ästhetik als Funktion des Gehirns erklärt werden könne.

Kirsch wendet dagegen ein, Shakespeare habe in dritter Generation keine Nachfahren mehr gehabt. Nicht seine Gene, wohl aber seine Werke seien bis heute überliefert. Unter anderem dies zeige, dass die Möglichkeit, Kunst und überhaupt menschliche Unternehmungen rein darwinistisch zu erklären, einfach verschwinde, meint Kirsch. Ähnlich beurteilt er den Ertrag eines Buches des Nobelpreisträgers Eric Kandel. Auch der Neurowissenschaftler habe mit Blick auf die Erklärung lediglich Banalitäten vorzuweisen. Darwinistische und Neuroästhetik könnten, wenn sie denn mal die Mechanismen unserer ästhetischen Erfahrung erklärt haben werden, an der Art, wie wir Kunst erleben, nichts ändern.

Insgesamt ist Kirschs Kritik durchaus nicht destruktiv. Insoweit überzogene Ansprüche naturalistischer Erklärungen von Kultur bestehen, hält er sie für unbegründet.

Sartre und Camus – keine einfache Freundschaft

Tim Black rezensiert bei “Spiked” Andy Martins neues Buch “The Boxer and the Goalkeeper: Sartre Vs Camus“. So lesenwert wie die Rezension scheint auch das Buch über die beiden antagonistischen Existenzialisten zu sein.

Sartres Unterstützung des Kommunismus war in Camus’ Augen Verrat der menschlichen Freiheit, während Sartre Camus den Verlust des Sinns für notwendiges Engagement vorwarf. Wie sich die beiden lasen, rezensierten und begegneten scheint der Rezension zufolge in Martins Biografie detailreich und informativ beschrieben zu sein. Lediglich eine gelegentliche Tendenz zur Reduktion der philosophischen Ideen von Camus und Sartre auf beispielsweise sexuelle Hintergundmotive bemängelt, aber verzeiht der Rezensent.

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Henry E. Allisons Kommentar zu Kants “Grundlegung”

In der “Notre Dame Philosophical Review” rezensiert Dieter Schönecker den Kommentar des amerikanischen Kantexperten Henry E. Allison zu Kants “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten”: “Kant’s Groundwork for the Metaphysics of Morals: A Commentary” (Oxford University Press).

Schönecker hat selbst, zusammen mit Allen Wood, einen “einführenden Kommentar” in deutscher Sprache zu Kants “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten” verfasst, der innerhalb weniger Jahre bereits in der vierten Auflage erscheint, sowie die jüngste Ausgabe der “Grundlegung” im Meiner-Verlag besorgt.
Henry E. Allison hat 2005 den Kant-Preis erhalten.

Zu dessen neuem Kommentar meint Schönecker nun, dass Vieles, was Allison zu Kants “Grundlegung” sage, zweifelhaft sei, während es gleichzeitig der beste Kommentar sei, der jemals dazu geschrieben wurde. Er geht detailliert auf einige Details ein und schließt: “Allison’s commentary is a masterpiece.

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Das Wall Street Journal schreibt über Pascal Mercier (Peter Bieri)

Nachtzug nach Lissabon” von Pascal Mercier (aka Peter Bieri) ist in zahlreiche Sprachen übersetzt worden und war auch international ein großer Erfolg. “This was a novel that changed you”, wie Sam Sacks im Wall Street Journal berichtet. Auch wenn man dem Buch an manchen Stellen den Akademiker im Autoren anmerke (“instructing without entertaining“), habe es seine feinen, belebenden Stellen, die die Leidenschaft des Publikums für das Buch erkläre.

Nun ist auch Merciers älterer Roman “Perlmanns Schweigen” in den USA erschienen. Doch es sei in Vielem das Gegenteil von “Night train to Lisbon“, so der Rezensent Sacks. Mercier allerdings sei gut darin, die Agonie des Wissenschaftlers Perlmann zu beschreiben, doch sei das mit 600 Seiten zu lange Buch über die Lebenskrise des Romanhelden schmerzhaft zu lesen.

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Auszeichnung für Ursula Renz

Ursula Renz hat für ihr Buch “Die Erklärbarkeit von Erfahrung: Realismus und Subjektivität in Spinozas Theorie des menschlichen Geistes”, erschienen bei Klostermann, den Preis des Journal of the History of Philosophy für die beste Veröffentlichung zur Philosophiegeschichte im Jahr 2010 erhalten.

Eine Rezension des Buches hat Martin Saar im September bei NDPR veröffentlicht.

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