Posts Tagged Rationalität
Gibt es eine säkulare und eine religiöse Vernunft?
Posted by Björn in Philosophie allgemein, Philosophiegeschichte, Rationalität, Religion on 2012/03/02
Jürgen Habermas’ Begriff einer “postsäkularen Gesellschaft” findet bei Theologen bekanntlich große Resonanz. Zuletzt hat nun Kardinal Karl Lehmann in seiner Predigt vor der Deutschen Bischofskonferenz über “Das Geheimnis des Glaubens in der Auslegung der Theologie” darauf Bezug genommen (hier auch als PDF erhältlich).
Nach seiner Auffassung hat Vernunft zwei Aspekte, die er anhand des Begriffs “Vernehmen” veranschaulicht.
1. In der Neuzeit wird Vernunft so verstanden, dass “[a]lles, was einen geistigen und moralischen Anspruch erhebt, [...] vor den Gerichtshof der menschlichen Vernunft gebracht [wird], um dort auf Herz und Nieren überprüft zu werden“. Diese Vernunft sei mit einer ständigen Skepsis verbunden und erscheine als “das Maß aller Dinge schlechthin“. Ein Konfilkt zwischen diesem Vernunftbegriff und der Theologie sei unvermeidbar.
2. Der andere Aspekt der Vernunft habe mehr mit dem Vernehmen als Hören zu tun. Dies sei nicht nur passivisch, sondern “aktiv offen“. “Aber dieses Vernehmen ist stärker ein Empfangen.” Diese Vernunft sei bescheidener.
Lehmann stimmt Habermas zu, dass die säkulare Gesellschaft “von wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung abgeschnitten” sei. Dazu zitiert er Habermas: “Die verlorene Hoffnung auf Resurrektion hinterlässt eine spürbare Leere.”
A propos “Sinn in einer säkularen Gesellschaft“: Ich hatte die geneigten Leserinnen hier gefragt, welche konkreten Beispiele für “naturalistischen Enthusiasmus”, den man auch säkularen Enthusiasmus nennen könnte, es gibt.
Was wäre ein selbstbestimmtes Leben? Rezensionen zu Peter Bieris “Wie sollen wir leben?”
Posted by Björn in Analytische Philosophie, Buecher, Ethik, Glück, Philosophie allgemein, Psychologie, Rationalität, rezensionen on 2011/10/22
Nach seiner Reflexion über das “Handwerk der Freiheit“, in der Peter Bieri, statt philosophische Lehren und Positionen aufzuzählen, sich in einer literarisch-philosophischen Weise einem lebensrelevanten Begriff von Freiheit nähert, ist nun mit seinem neuen Buch “Wie sollen wir leben?” ein weiterer solcher Versuch erschienen, in dem es um Selbstbestimmung und Selbsterkenntnis geht.
Bieri entfaltet explizit ein Verständnis von Philosophie, dass sie nicht auf reine “begriffliche Turnübungen” beschränkt, sondern sie bei der Klärung lebenspraktischer Fragen an die Seite der Psychologie stellt.
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Bertrand Russell über Klarheit
Posted by Björn in Antike, Argumentation, Bloggen, Rationalität on 2011/09/16
Aristoteles hat die Suche nach Erkenntnis als eine Frage der Einstellung gesehen (Zweite Analytik, II, 19; 99b17), wobei uns die antiken Philosophen die Rationalität als Ausweg aus dem bloßen Meinen und dem gewaltsamen Übertrumpfen anempfehlen. Rationales, nachvollziehbares Argumentieren ist die demokratische, intersubjektive Methode, die von allen denjenigen, die die Welt mit ihrer Überzeugung beglücken wollen, ohne kritische Fragen zuzulassen – auch besonders heute wieder – verachtet wird.
Für die rationale Einstellung sprach sich der Pazifist, Logiker, Lebensberater, Schriftsteller, Philosoph und Nobelpreisträger Bertrand Russell aus:
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Carnap-Video auf YouTube
Posted by Björn in Analytische Philosophie, Leute, Logik, Logischer Positivismus, Philosophiegeschichte, Rationalität, Wissenschaft on 2011/09/01
Auf YouTube und anderen Videoplattformen gibt es nur wenige deutschsprachige Videos zur Philosophie. Noch weniger Philosophievideos gibt es dort, die nicht der Postmoderne, Heidegger oder Frankfurter Schule gewidmet sind.
Der blinde Hund hat erfreulicherweise bemerkt, dass vor kurzem ein dreiteiliges Video eines Interviews, das Willy Hochkeppel 1964 mit Rudolf Carnap geführt hat, gepostet wurde. So hatte ich zum ersten Mal Gelegenheit, Carnap im Originalton zu hören und zu sehen. Dem Urteil des blinden Hundes kann ich mich anschließen: “sympathisch zurückhaltend”. Unter anderem betont Carnap, dass Wissenschaftlichkeit Kooperation möglich macht, im Unterschied zu einer “monologischen” Philosophie. Weitere Themen sind Fortschritt in der Philosophie, Bedeutung und Entwicklung der Logik, insbesondere der induktiven Logik, und am Ende des letzten Teils gibt es ein paar interessante Bemerkungen zu Tatsachen- und Wertfragen.
Der erste Teil scheint unvollständig zu sein – er läuft nur 36 Sekunden und enthält offenbar nur das Intro. Der zweite und dritte Teil scheinen vollständig zu sein.
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Kurt Baier gestorben
Posted by Björn in Ethik, Leute, Moralphilosophie, Philosophie allgemein, Rationalität on 2010/11/01
Der Moralphilosoph Kurt Baier (1917 – 2010) emigrierte 1938 nach dem Einmarsch der Nazis in Österreich nach Großbritannien, wo er als “friendly enemy alien” interniert und dann nach Australien geschickt wurde (Biografie hier). Dort studierte er Philosophie. 1952 erhielt er seinen DPhil von der Oxford University. Später lehrte er an der Universität Pittsburgh. Er war verheiratet mit Annette Baier. Kurt Baier starb vor Kurzem in Neuseeland.
Sein 1958 veröffentlichtes Buch “The Moral Point of View” dürfte sein bekanntestes sein. 1995 veröffentlichte er “The Rational and the Moral Order: The Social Roots of Reason and Morality”, in dem er eine Begrüdnung für Moral lieferte, ohne auf prekäre Annahmen über Altruismus angewiesen zu sein. Er will zeigen, dass rationale Gründe für Moral existieren. Baier hat dazu beigetragen, den Fokus der Moralphilosophie nach der Phase der eher akademischen sprachphilosophischen Analysen wieder mehr auf konkrete moralische Fragestellungen zu lenken.
Nachrufe beim Standard und Brian Leiter.
Der Nutzen von Rhetorik
Posted by Björn in Antike, Argumentation, Quellen, Rationalität, Worte on 2010/09/02
“before some audiences not even the possession of the exactest knowledge will make it easy for what we say to produce conviction. For argument based on knowledge implies instruction, and there are people whom one cannot instruct. Here, then, we must use, as our modes of persuasion and argument, notions possessed by everybody”
(Aristoteles, Rhetorik, Buch I, Kapitel 1 (Alternativlink), in der Übersetzung von W. Rhys Roberts)
“we must be able to employ persuasion, just as strict reasoning can be employed, on opposite sides of a question, not in order that we may in practice employ it in both ways (for we must not make people believe what is wrong), but in order that we may see clearly what the facts are, and that, if another man argues unfairly, we on our part may be able to confute him.”
(Aristoteles, ebd., m. Hvh.)
Sucht und Selbstkontrolle – Patricia Churchland über Entscheidungen
Posted by Björn in Neuroethik, Philosophie des Geistes, Psychologie, Rationalität on 2010/08/29
Auf einer Konferenz des Oxford Centre for Neuroethics unter dem Titel “Mechanisms of Self-Control: The lessons from Addiction” referiert Patricia Churchland und diskutiert mit George Ainslie. (Das Embedding des Videos funktioniert leider nicht wie angegeben, aber es kann auf der Webseite angesehen werden.)
Gier und die Rationalität nichtoptimaler Strategien
Posted by Björn in Ökonomie, Rationalität, Sozialphilosophie on 2009/12/18
Johannes Koelman hat einen einführenden Artikel zu Gier und spieltheoretischen Strategien gepostet [via Boing Boing], der sehr gut das Nash-Equilibrium veranschaulicht:
“You are in a game show with nineteen other players. You don’t know the other players, you can’t see them, and you can’t communicate with them. The game you are in is called ‘Greed!’, and is straightforward to explain. You are asked to write down a whole dollar amount in the range $1 – $1,000,000 on a piece of paper. You will be paid the amount you asked for if it is deemed to be ‘non-greedy’. Whether your request is indeed ‘non-greedy’ will be decided once all twenty request have been received by the host of the show. Your requested amount will be labeled ‘non-greedy’ if no other player has asked for less, and at least one player has asked for more.
How do you play?” [Weiter]
Rezension von Gatteis “Karl Popper’s Philosophy of Science”
Posted by Björn in Buecher, Logischer Positivismus, Philosophiegeschichte, Rationalität, Wissenschaft, Wissenschaftstheorie on 2009/08/05
Friedrich Stadler und Miles MacLeod rezensieren in den Notre Dame Philosophical Reviews Stefano Gatteis “Karl Popper’s Philosophy of Science: Rationality Without Foundations” (Routledge, 2009):
In sum, Gattei’s Karl Popper’s Philosophy of Science is an important reassertion of the value, novelty, and coherency of Popper’s programme. It is an important historiographical contribution, particularly because it leads us to reevaluate our tradition of painting Kuhn as an epistemological radical, when that title more properly belongs to Popper.
Rationalität und Emotionen
Posted by Björn in Emotionen, Ethik, Psychologie, Rationalität on 2008/07/30
Dieses zeitlose Thema (Descartes, moral sense, Hume, Adam Smith, Kant, Heinrich Heine, Franck, Nussbaum u.v.m.) ist nach wie vor von großem Interesse. Psychologische Fragen, biologische und physiologische Erkenntnisfortschritte, sowie die Fragen der Moral- und Sozialphilosophie machen es weiterhin aktuell.
Marion Ledwig hat 2006 ein Buch mit dem Titel Emotions. Their Rationality and Consistency veröffentlicht: “in the tradition of current emotion theorists, such as Elster, Damasio, de Sousa, Greenspan, Nussbaum, and Solomon, who advance the rationality of the emotions. … Besides discussing whether emotional intelligence and emotional consistency are forms of emotional rationality, this book makes clear how far this view on the rationality of the emotions can be generalized“
Die Relevanz von Wissenschaft und Aufklärung
Posted by Björn in Naturwissenschaft, Religion, Wissenschaft on 2008/07/28
Telepolis: Im August (2006) berichtete das Wissenschaftsmagazin “Science”, dass nur 40 Prozent der amerikanischen Bevölkerung an das Konzept der Evolution glauben.
George Smoot: Das finde ich beunruhigend, geradezu beängstigend. … Zu sagen, es hätte keinen Big Bang gegeben, entspricht der Behauptung, dass die Erde flach ist. Ich denke, dass es sehr wichtig für die Zukunft der Menschheit wäre, dass die Leute wieder aufgeklärter und rationaler werden.
Aus einem Interview mit dem Phyisker George Smoot, der 2006 den Nobelpreis für seine Untersuchung der kosmischen Hintergrundstrahlung, in der es auch um das Echo des Urknalls ging, erhielt. Es erschien in Telepolis special “Kosmologie” 2/2007. Online findet sich das Interview hier.
Ian Hacking (und Philip Kitcher) gegen den Anti-Darwinismus
Posted by Björn in Biologie, Buecher, Naturwissenschaft, Politik on 2007/09/27
Ian Hacking kritisiert Anti-Darwinismus und Intelligent Design:
“Living With Darwin, Philip Kitcher’s brief and cogent manifesto, very rightly disagrees. Anti-Darwinism is, he says, dead science, recapitulating old stuff long abandoned. I prefer to call it degenerating.”
Philip Kitchers Buch “Living with Darwin” erschien im Dezember 2006 bei Oxford University Press. “Kitcher has just the combination of philosophical talent, biological insight, and wonderfully lucid writing needed to address the thorny problem of creationism. In Living With Darwin , he clearly shows that the persistent battle between evolution and creationism in America is part of a wider war–one between superstition and rationality.” (Jerry Coyne)