Der ‘Neue Realismus’ ist jedenfalls keine Avantgarde

Martin Seel schreibt in der ZEIT über den ‘Neuen Realismus’, der von Maurizio Ferraris und Markus Gabriel vertreten wird: Die postmoderne Feier des Wirklichkeitsverlusts ist längst schon ermüdend geworden – den betagten DJ muss man nur noch vom Stuhl kippen.

Seel kann nichts Neues am ‘Neuen Realismus’ erkennen und sieht einen Mangel in der Berufung auf heterogene Vordenker. Versuche, “den Exzessen eines irre gewordenen Konstruktivismus und eines entfesselten Szientismus gleichermaßen” Paroli zu bieten würden schon länger unternommen und diskutiert, und deshalb sei diese neueste Denkrichtung eine Art nachholende Revolution. Von ihr erwartet sich Seel keine nennenswerten Erfolge. Einer wachsenden Popularität steht das natürlich nicht im Wege – Künstler, Theaterleute, Literaturwissenschaftler und Medienexperten haben immer Bedarf an einer geistigen Mode, die man sich zur Orientierung zu eigen machen kann.

Chomsky über Postmoderne und Irrationalismus

In diesem Video gibt Noam Chomsky einen kritischen Überblick über die Geschichte der Intellektuellen-Kultur Frankreichs der letzten Jahrzehnte. In Paris habe man viel zulange dem Stalinismus oder Maoismus angehangen, der erst nach dem Erscheinen der französischen Übersetzung von Solschenizyns “Archipel Gulag” untragbar erschien, woraufhin irrationalistische Modeströmungen en vogue kamen. “Out of this comes the irrational tendency which was very welcome in many areas because it did undermine dedicated activism”, so Chomsky. Sein Fazit: wenn man die Rationalität aufgibt, sei man ein leichtes Opfer für externe Mächte. Das sei vergleichbar mit der Konsumideologie, die die Leute davon ablenkt, etwas gegen die realen Probleme zu tun.

Chomsky hat sich seit den 1960er-Jahren für die Verantwortung von Intellektuellen ausgesprochen. Der Pariser “Kult” ist demgegenüber erst später auf den Plan getreten, erhält seitdem aber von Chomsky regelmäßig eine dezidierte Abfuhr. Hier ein Text von ihm aus dem Jahr 1995.

Versagt die Bioethik?

Tom Koch schreibt in der Huffington Post, dass die Bioethik keine robuste Ethik sei, sondern sich der neoliberalen, postmodernen ökonomischen Betrachtungsweise von Gesundheit als Ware angedient habe. Deshalb habe Bioethik weniger mit Ethik oder Philosophie zu tun, sondern vielmehr mit Geld und Macht. Moralphilosophen von Platon bis Kant seien aber keine Cheerleader, sondern Kritiker.
Tom Kochs Abrechnung mit der Bioethik ist als Buch unter dem Titel “Thieves of Virtue: When Bioethics Stole Medicine” gerade bei MIT Press erschienen.

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Die professionelle Unfähigkeit zu schreiben

John Gray rezensiert in der Literary Review ein Buch von Mikkel Borch-Jacobsen und Sonu Shamdasani über Sigmund Freud und die frühen Jahre der Psychoanalyse: “The Freud Files: An Inquiry into the History of Psychoanalysis“. Er geht auf bekannte Streitpunkte der “Freud Wars” ein, gibt seine eigene Einschätzung dazu ab und ergänzt ein paar interessante Details. So soll Karl Popper seine Kritik, dass Freuds Psychoanalyse unfalsifizierbar und deshalb nicht wissenschaftlich sei, nicht erst in der “Offenen Gesellschaft” und in “Conjectures and Refutations”, sondern bereits um 1919 formuliert haben.

Aber ein anderer Aspekt der Rezension von John Gray beschäftigt mich hier: Freud sei ein deutlicher und direkter Autor gewesen, wohingegen das besprochene Buch von Borch-Jacobsen und Shamdasani oft unverständlich sei (als Gegenbeispiel lobt er Janet Malcolms “Psychoanalysis: The Impossible Profession” und “In the Freud Archives“). Gray bezeichnet dies als “the professional inability to write, which has become a requirement of academic life” – also die professionelle Unfähigkeit zu schreiben, die eine Anforderung des akademischen Lebens geworden sei.

Schaut man sich die im akademischen Betrieb jeweils vorherrschende Scholastik an – Analytische Philosophie, Postmoderne, “Kontinentale” Philosophie oder welche Geschmacksrichtung auch immer – so fällt die fehlende Bereitschaft, und möglicherweise ja auch Unfähigkeit, auf, den einen oder anderen allgemein verständlichen Text zustande zu bringen. Nun kann man über die Kriterien für Verständlichkeit geteilter Meinung sein. Ich würde hier zwei Anforderungen in Anschlag bringen: Nachvollziehbarkeit der Position für Interessenten mit anderen Hobbies, sowie einen Informationsgehalt, der über die 5 oder 6 Jahre, nach denen eine heiße Spezialistenthese wieder für alle Zeiten vergessen wird, erhalten bleibt.

Ich will damit nicht sagen, dass dies Standards für akademische Forschung sind. Es sind ausreichend Megabytes vorhanden, um kurioses Vokabular, interessante Formeln und kreative Schlussfolgerungen zu veröffentlichen. Verständlichkeit, Klarheit, Nachvollziehbarkeit sind vielleicht keine Kriterien, oder keine wichtigen, für wissenschaftliche Forschung. Aber zur Darstellung für ein interessiertes Publikum, dass über die drei Dutzend Fachkollegen hinausgeht, sind sie es. Die Fähigkeit, diese Kriterien anzuwenden, wird nur selten unter Beweis gestellt. Vielleicht ja auch, weil es mit dem Kult von Superhelden nicht vereinbar wäre.

Philosophischer Humor

Sind Philosophen ein Haufen humorloser Misanthropen? Nicht notwendig.

Auch wenn ein beachtlicher Teil philosophischer Theorien, Vertreter und Texte ziemlich “unspirited” ist, so gibt es doch auch Ausnahmen. (Schopenhauer ist ein interessantes Beispiel eines Philosophen, dem man sowohl Humorlosigkeit als auch feinste Beiträge zum philosophischen Humor attestieren kann.)

Die klassische Sammlung philosophischen Humors im Internet findet man auf der Webseite “Philosophical Humor” von David Chalmers (dem David Chalmers), die seit den 90er Jahren besteht (und die sich seitdem ihren “ästhetischen Charme” bewahrt hat). Es hat den Eindruck, als wenn sie nicht mehr auf dem Laufenden gehalten wird. So sind einige Links obsolet. Aber Klassiker wie die “Philosophical lightbulb jokes” oder den über 10 Jahre alten “Postmodernism Generator” (angesichts der deutschen Internetdebatten topaktuell) sollte man kennen.

Im englischsprachigen Bereich ist der leichtfüßige Zugang zu tiefschürfenden philosophischen Reflexionen gebräuchlicher. Ein Meilenstein ist da der Bluffer’s Guide to Philosophy, der eine Weile vergriffen war, aber neuerdings wieder aufgelegt wird. Hier gewinnt man so essentielle Erkenntnisse wie die, dass englische Veröffentlichungen in Philosophie drei Substantive im Buchtitel aufzählen (“Language, Truth, and Logic” etc.), während es in der kontinentaleuropäischen Philosophie zwei sein müssen (“Sein und Zeit”, “Das Sein und das Nichts”). Mit solchen Weisheiten ausgestattet, steht dem Selbstdenken quasi nichts mehr im Wege.

Einen interessanten Hinweis hat der Blinde Hund in den Kommentaren hinterlassen: Thomas Cathcart und Daniel Klein erklären Philosophie (hier auf deutsch) und philosophisch gefärbten Politsprech anhand von Witzen – das Publikum ist offenbar begeistert.

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