Fundamentaltranszendental unterschätzt

A propos Popmusik – wir sagen gerne mal, dass Künstler oder eine Stilrichtung unterschätzt seien, was eine ganz vernünftige Aussage sein kann, die man aber im Streitfall nicht so richtig hundertprozentig wasserdicht bekommt. Denn über Vieles lässt sich streiten, und woran will man den angemessenen Grad von Wertschätzung bemessen? An der Zahl der verkauften Tonträger / Downloads, den YouTube-Aufrufen, Likes und Retweets? Oder ist es dann Wertschätzung, wenn Produkt oder Produzent aus den richtigen Gründen von den richtigen Leuten geschätzt werden, wobei Zahlen sekundär sind? Irgendwie ja und irgendwie nein. Einerseits hat Qualität, auch die der Wertschätzung, nichts mit Zahlen zu tun, denken wir. Andererseits stellen wir uns schon vor, dass sich objektive Qualität (was immer sie denn sein mag) eben auch objektiv in Zahlen ausdrückt, jedenfalls ungefähr so, dass richtig gute Musik zwei, drei Hörer mehr hat als nicht so gute.

Und da es in der Realität nicht immer so ist, hat man mit “völlig unterschätzte Musik” ein prima unerschöpfliches Thema, bei dem man seine Beschlagenheit, Coolness, Gleichgültigkeit, elitäre Versnobtheit oder sonstige Ausgeflipptheit zur Schau stellen kann.

Unterschätzte Popmusik – ein gutes Beispiel dafür sind New Musik in den frühen 80ern, die es mittlerweile sogar wieder, lang genug hat es gedauert, auf CD gibt. Ebenfalls nicht ausreichend gewürdigt sind The Bird and the Bee, von denen man keine großen Operetten erzählen muss, kann man doch auf dieses Video aus der Internetsteinzeit verweisen, das der Filmstudent Dennis Liu zu Demozwecken von einem Stück seiner Lieblingsband gemacht hat:


(Nein, das in dem Video ist nicht die Band, aber die Musik.)

Und ganz ähnlich verhält es sich topaktuell mit der Gruppe “Tennis” – zwei ehemalige Musik- und Philosophiestudenten, die nach einer einjährigen Low-Budget-Segelreise damit begonnen haben, die Welt mit zauberhafter Popmusik zu beglücken. Das erste Stück ihrer jüngsten CD “Ritual in Repeat” haben sie bei Soundcloud abgeladen. Doch wo immer man das ganze Werk hören kann, möge man dies tun, wenn man sich die Ohren mit ätherischer Popmusik von irgendwo ganz weit draußen im Sonnenuntergang und mit betörender Stimme transzendental belegen lassen möchte.

Mary und das Farbensehen

Frank Jackson beschreibt 1986 ein berühmt gewordenes Gedankenexperiment, in dem Mary keine Farben sehen kann, aber alles darüber weiß, was die Wissenschaft zu Farben herausgefunden hat. Erlebt Mary etwas Neues, wenn sie schließlich doch Farben sehen kann?

Diesem Thema hat Dorian Electra nun einen Song gewidmet und ein Video dazu gedreht:

Einige Jahre zuvor hatte sie schon eine Liebeserklärung an Friedrich Hayek vertont:

Diedrich Diederichsen über Glück

Im kürzlich erschienenen interdisziplinären Handbuch “Glück”, herausgegeben von Dieter Thomä, Christoph Henning und Olivia Mitscherlich-Schönherr, schreibt der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen über “Figuren des Glücks in der frühen Pop-Musik“.

Es geht unter anderem um verfehltes Glück, falsches Glück, Glücklosigkeit, Glück unter Bedingungen der Entfremdung / Ausbeutung, Jefferson Airplane, Hippie-Musik, Beatles, Punk und die Kinks.

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Seneca fürs 21. Jahrhundert

Seneca und Stoizismus waren immer schon vergleichsweise populär. Das Interesse an Seneca nimmt in den letzten Jahren wieder zu. Die Popmusiker von “Get Well Soon” setzen sich auf ihrem jüngsten Album “Vexations” (Affiliate-Link) mit Seneca und stoischen Auffassungen auseinander. Warum, wie das MTV-Blog berichtet, das “ein bisschen zu viel des Guten” sein soll und Konstantin Gopper, der für die Kompositionen verantwortlich zeichnet, “aus der Kritik angesichts des intellektuellen Überbaus sicher lernen und beim dritten Album nicht ungefragt vorchristliche Theorien in die Runde pfeffern” wird, ist völlig unklar. In der Popmusik kann man jeden Scheiß machen, je bescheuerter desto publikumswirksamer, da sind Inhalte, die sich seit über 2000 Jahren in verschiedensten Situationen bewährt haben, definitiv nicht verboten.

Auch Mark Frauenfelder auf Boing Boing sieht das so, und rezensiert zustimmend das neue Buch von William B. Irvine, “A Guide to the Good Life: The Ancient Art of Stoic Joy“, (Affiliate-Link) erschienen bei OUP. Anschließend schrieb Irvine auf Boing Boing eine dreiteilige Serie über seine stoische Alltagspraxis.
Als Philosoph mag man Details von Irvines Stoainterpretation prüfen, oder fragen, wo die stoische Philosophie ergänzungsbedürftig ist, wie dies bspw. Martha Nussbaum in ihren Büchern in fairer Weise tut. Als Einstieg in eine solche philosophische Haltung, und als lebenspraktische Reflexion, sind die Beiträge jedenfalls gut geeignet. Deshalb: mehr davon!

Hier die Beiträge von William Irvine auf Boing Boing: Stoizismus für das 21. Jahrhundert:
Teil 1: Twenty-First Century Stoic — From Zen to Zeno: How I Became a Stoic
Teil 2: Twenty-First Century Stoic — Insult Pacifism
Teil 3: Twenty-First Century Stoic — Stoic Transformation

Update: Auf der Webseite von Get Well Soon gibt es 6 Stücke des neuen Albums als Konzertmitschnitt kostenlos zum Download. [via Spreeblick]

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Intelligentes Leben

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