Berliner Antrittsvorlesung von Stefan Gosepath

Das studentische Campusmagazin “Furios” der FU Berlin berichtet von der Antrittsvorlesung, die Stefan Gosepath vor zwei Wochen gehalten hat. Der Bericht ist interessant zu lesen – mal was anderes als die sonstigen staubtrocken aufgeputzten akademischen Nachrichten.

Gosepath hat mit seinen Ausführungen die Zuhörer offenbar gewinnen können. Er plädierte dafür, wieder moralische Überlegungen in die Politik einzubringen. Wenn man sich darauf berufe, nur noch auf Sachzwänge reagieren zu können, habe sich die Politik schon abgeschafft. Die Menschen erwarteten aber etwa beim Thema Ungerechtigkeit, dass sich hier etwas verändere. Gosepath sieht die Aufgabe der Philosophie jedenfalls nicht darin, nur originelle Argumente hervorzubringen.

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Wie effektiv war der Neoliberalismus?

“Neoliberalismus” ist eigentlich eine schwierige Vokabel. Anhänger und Gegner meinen damit durchaus nicht das Gleiche, und es scheint so, dass heute damit im Wesentlichen ein “Marktradikalismus” gemeint ist.

Daniel Stedman Jones hat bei Princeton University Press sein Buch “Masters of the Universe: Hayek, Friedman, and the Birth of Neoliberal Politics” veröffentlicht. Dies rezensiert Scott Summner bei reason.com. Der Rezensent kann dem Neoliberalismus mehr abgewinnen als der Buchautor. Allerdings hält er den Einfluss des Neoliberalismus auf den Konservativismus für überbewertet. In den letzten Jahren vertrete der Konservativsimus tatsächlich zunehmend eine dogmatische Form des Marktradikalismus, die sich vom Neoliberalismus unterscheide. Während seiner Ausbildung in der “Chicago School”, so Summner, sei der übliche Kommentar zum Wohlfahrtsstaat gewesen, dass es vermutlich am besten sei “to just give money to the poor”.

In der öffentlichen und politischen Wirkung ist es aber nun mal so, dass die Argumente von Friedman, Hayek und den offiziellen Bank- und Finanzexperten durcheinander gehen, und die Feinheiten, ob dies nun von dieser oder jener Schule gesagt wurde, keine Rolle mehr spielen.

Tea-Party-Philosophie

In einer Zeit, in der der entfesselte Marktradikalismus sich als unfähig und unmenschlich erwiesen hat, wollen die Republikaner in den USA diesen Weg noch verschärfter weiter beschreiten. Aus der Unfähigkeit und dem Versagen von George W. Bush machen sie ein “Mehr davon!” In der letzten Woche hat Mitt Romney, der Präsidentschaftskandidat der Republikaner, seinen potenziellen Vizepräsidenten, Paul Ryan, nominiert. Ryan ist ein konservativer Hardliner, der sich in seinen Überzeugungen auf die Schriftstellerin Ayn Rand beruft, die in ihren Werken einen entschiedenen Egoismus vertritt. Was unfähig sei, müsse sich eben gefallen lassen, vom Besseren übertrumpft zu werden, lautet ihre Version des Dschungelgesetzes.

Brian Leiter fragt in seinem Blog die Leser, ob es gründliche philosophische Kritiken der Werke Rands gibt. In den Kommentaren finden sich interessante Anmerkungen. Das Problem besteht nämlich zunächst einmal darin, dass niemand außer amerikanischen Rand-Anhängern ihre Auffassung ernsthaft als Philosophie – oder Theorie oder Wissenschaft – betrachtet. Rands Strategie scheint eher darin zu bestehen, bestimmte Positionen zu beschimpfen, statt Argumente zu liefern; also angewandter Machiavellismus. Wenn irgendwo, dann ist die Bezeichnung “kruder Positivismus” bei Rand angebracht; siehe z.B. Robert Nozicks Diskussion von Rands “A ist A”-Prinzip in diesem Interview.

Corey Robin hat ein aufschlussreiches Stück über “Randologie” bei The Nation veröffentlicht, und befasst sich in seinem neuesten Buch “The Reactionary Mind. Conservatism from Edmund Burke to Sarah Palin” grundsätzlich mit dieser Art von Konservatismus.

Die Kampagne des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama hat auf die Nominierung Ryans mit diesen Informationen und diesem Video reagiert.

Bemerkenswert ist auch, dass Leute wie Paul Ryan ihr Credo aus der Populärliteratur von Ayn Rand beziehen, und weniger von den akademischen Libertariern, die aber zweifellos auch viel zu dieser Art von politischer Stimmung beigetragen haben (siehe z.B. Thomas Scanlons Bemerkung dazu.)

Update: Das Internet hat diese Art von Philosophie humorvoll auf den Punkt gebracht.

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Ronald Dworkin über die extrem rechte Umgestaltung des amerikanischen Supreme Court

Kürzlich wurde Obamas “Health Care Act” weitgehend durch das Supreme Court bestätigt – das hatten die Wenigsten erwartet. Zwar würde die amerikanische Verfassung an sich diese pessimistische Erwartung nicht stützen, schreibt Ronald Dworkin jetzt in der New York Review of Books, aber durch die personelle Besetzung sei die Ausrichtung des Supreme Court so weit nach rechtsaußen gerutscht, dass die Entscheidung eine Überraschung sei. Die konservative Neugestaltung der Verfassung zeige auch eine andere Entscheidung, mit der die Klage abgewiesen wurde, dass der Einfluss von Unternehmen bei Wahlen eine Korruptionsgefahr für die Politik darstelle.

Sloterdijk for President

Der Musiker Heinz-Rudolf Kunze kann sich Peter Sloterdijk als Bundespräsidenten vorstellen. Dies würde dem Vorbild der klassischen griechischen Demokratie entsprechen und Sloterdijk außerdem zwingen, sich einfacher auszudrücken. Aber auch dem griechischen Philosophen Otto “Rehakles” Rehagel würde Kunze das Amt des Bundespräsidenten zutrauen.

Axel Honneth im TV-Interview

Im Schweizer Fernsehen wurde Axel Honneth zu seinem neuen Buch “Das Recht der Freiheit” interviewt. Das Interview kann als Video im Portal der Sternstunden Philosophie oder beim Suhrkamp-Verlag angesehen werden, oder von der Webseite der Sternstunden runtergeladen werden (Videolink, Audiolink). [via Habermas-Rawls-Blog]

In dem einstündigen Gespräch spricht Honneth von “einer seltsamen Aktualität” der Kritischen Theorie. “Ich hab das auch selber nie für möglich gehalten, weil ich immer dachte, es ist doch veralteter als man meint. Gerade so Überlegungen … zu dem, was man die Durchökonomisierung nennen könnte, dass tatsächlich mehr und mehr Lebensbereiche erfasst werden von einem ökonomischen Imperativ …“. Diese Diagnose sei besonders in Adornos “Minima Moralia” zu finden.

Weitere Beiträge zu Honneths Buch findet man im Philoblog ausgehend von diesem Link.

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Der nicht mehr neokonservative Francis Fukuyama

Francis Fukyama, der nach dem Ende des Sowjetmarxismus durch das (in der Regel von links wie rechts missverstandene) “Ende der Geschichte” bekannt wurde, hat vor einiger Zeit den Neokonservativen den Rücken gekehrt. Newsweek hat mit ihm über seine Gründe dafür und darüber gesprochen, wie er die aktuellen Entwicklungen der Weltpolitk sieht.

Für eine Kultur respektvoller Debatten – Martha Nussbaum

Martha Nussbaums Buch “Not for Profit” über die Relevanz der Geisteswissenschaften wird in Großbritannien und den USA viel diskutiert. Völlig zu Recht weist sie darauf hin, dass es sich um ein weltweites Problem handelt.

Ende letzten Jahres wurde im Blog “In Socrates’ Wake” in mehreren Beiträgen über “Not for Profit” diskutiert, und am 8. November 2010 antwortete Martha Nussbaum auf die Diskussion. Sie wies auf einige positive Aspekte des amerikanischen Systems hin, die es in dieser Form in Deutschland nicht oder nur ansatzweise gibt.
Außerdem diskutiert sie die Verantwortung der Geisteswissenschaft – und dieser Teil scheint mir in Manchem übertragbar auf die Situation in Deutschland, aber auch von ganz eigener Wichtigkeit zu sein.
Sie hält in den akademischen Disziplinen einen Respekt für ernsthafte Argumente ebenso für erforderlich wie das Ideal, dass widerstreitende Positionen mit Respekt und verständnisvoll untersucht werden müssen. Beides vermisst sie insbesondere in den Literaturwissenschaften (“literature departments”). Sie diskutiert dann einige amerikanische Besonderheiten, und streicht dann noch einmal die Bedeutung des “respektvollen Argumentierens” für die demokratische Kultur heraus.

Sowohl, was ihre Einschätzung dieser Wichtigkeit, als auch was die typischen Symptome des Ignorierens dieses Werts angeht, stimme ich ihr zu. Hiesige Debatten, etwa in der Politik oder im Internet, lassen in ganz erstaunlichem Maß die Fähigkeit und Bereitschaft vermissen, Themen sachgerecht darzustellen und alternative Positionen angemessenen zu diskutieren. Stattdessen werden die eher üblichen, ohnehin schon unverzeihlichen rhetorischen Fouls nicht selten von mehr oder weniger verschleierten ad-hominem-Attacken gekrönt.

Tatsächlich haben die Geisteswissenschaften die Aufgabe, den Studierenden die Fähigkeit zu intellektuellem Respekt beizubringen, und tatsächlich ist es erforderlich, diese Fähigkeit möglichst weit zu verbreiten. Destruktive Machtkämpfe in Debatten sind psychologisch und kulturell krank.
In Martha Nussbaums Worten: “I so often see opposing positions demonized and not engaged with seriously, and I think this is a grave failing of our culture.” Erforderlich ist “a way of putting forward one’s own position (by persuasive argument) that is not insulting but deeply respectful.

Wahrheit und Lüge in der Demokratie

Da haben sie im Bundestag bei der Aussprache zu Guttenbergs Promotionsverhalten die moralische Latte ganz schön hoch gehängt. Dem interessierten und unparteilichen Beobachter konnte es womöglich kalt den Rücken runterlaufen. Wurde da wirklich die Moral verteidigt, oder war sie nur ein billiges Kampfmittel im unmoralischen Sumpf der Rhetorik auf allen Seiten? Glaubwürdigkeit, Wahrheit, Zuverlässigkeit wurden ins Feld geführt und trafen auf eine Realität, in der ja schon länger gelegentlich der Eindruck aufkommt, als würden diese rationalen Standards von Parteipolitikern aller Coleur nicht immer eingehalten. Gerade bei den medial hochgepuschten Skandalen haben die Lautsprecher von rechts und von links in puncto Wahrhaftigkeit und moralischer Stichhaltigkeit selten eine gute Figur abgegeben. Sollen wir also ernsthaft glauben, dass es diesmal um akademische, demokratische und moralische Standards ging?
Gewiss – Klingeln gehört zum Geschäft, und die Hoffnung auf Politik ohne Pauken und Trompeten darf man zwar hegen, aber ihre Verwirklichung wohl kaum erwarten. Man kennt das – aus dem alten Rom ebenso wie aus dem modernen, aus Washington genauso wie aus Berlin: ausufernde Polemik, bombastische Worthülsen, schmutzige Verleumdungen, populistische Übervereinfachung. In undemokratischen Systemen steht die Lüge im Rang der Wahrheit. In demokratischen ist sie wenigstens der Idee nach möglich: zahlreiche Regularien, Institutionen und formale Prozesse sorgen für die notwendigen checks and balances, um den weniger moral- und demokratiefesten Teilnehmern nicht völlig freie Hand beim Verbiegen der Realität zu lassen. Tugendlose Unholde sind recht schmerzfrei beim Treiben ihres Unwesens. Wir sollten darauf achten, dass sie es uns nicht auch noch als moralisch wertvoll andrehen. Der Fall gestern war – unabhängig vom beteiligten Personal und der gegebenen Parteienkonstellation – wieder mal einer der verdächtigen: es fielen die Stichwörter Wahrheit, Lüge und Demokratie. Deren Realisierung müssen wir verteidigen, vor deren Instrumentalisierung müssen wir auf der Hut sein.
Auch wer meint, dass es im Fall Guttenberg mit einem einfachen Kopfschütteln nicht getan ist, muss nicht der Ansicht sein, dass mit dem begrifflichen Kaliber, das hier rhetorisch abgefeuert wird, der behaupteten moralischen Sache gedient ist. Aber das war ja bei ungezählten inszenierten Skandalen zuvor auch schon so. Und das muss man nicht als gegeben hinnehmen.
Ich habe meine Zweifel, dass in Fällen wie diesen die Rede von der Zäsur, also einer Veränderung der Demokratie, der Demokratie dient, weil die Erfahrung zeigt, dass nicht jeder, der sich als Anwalt einer Sache ausgibt, diese Sache uneigennützig vertritt.

Update: Diesen Ausführungen eines Nicht-Politikers kann ich mich eher anschließen.