Wie tot ist die Philosophie, und wenn ja, wie heißt die App?

Die beliebte These, die Philosophie sei tot, wird ja in immer neuen Varianten gern aufgelegt. Vor einigen Jahren (wir berichteten) war es Stephen Hawking, der das traurige Ereignis verkündete, und zwar in der Geschmacksvariante, die Naturwissenschaften würden die Dinge jetzt regeln. Auf eine solche standardisierte Vorlage folgen dann die bewährten Antworten aus allen Richtungen (wobei sich ja in fundamentalen Fragen dieser Art oft Vertreter von Positionen in einem Boot wieder finden, die sich sonst spinnefeind sind).

In der British Academy in London hat man nun diese Frage wieder aufgegriffen und diskutiert. Die “Times Higher Education” berichtet davon und gibt einige der vorgetragenen Positionen wieder.

Zitationsnetzwerke in der Philosophie

Dies sieht sehr interessant aus – Kieran Healy hat 4 der bekannteren philosophischen Zeitschriften danach ausgewertet, wer wie oft zitiert wird, und das Ergebnis visualisiert. Hier ist die dynamische Ansicht, und hier der ausführliche Artikel dazu. [via].

Namen, die bei dieser Auswertung besonders ins Auge stechen: David Lewis, Fodor, Quine, Chalmers und Rawls.

Auswertungen dieser Art liefern ein paar interessante Informationen. Welche das sind, darüber muss man allerdings noch nachdenken. Natürlich sind die ausgewählten Zeitschriften schon eine Beschränkung, und da gäbe es sicher noch einiges an Daten zu ergänzen – aber Healys Untersuchung ist schon mal ein interessanter Anfang.

Monetarisierung von Universitäten – US-Style

Bei Time – Ideas beklagt Paul Campos die Folgen der ausufernden Ökonomisierung der Universitäten in den USA, insbesondere die damit verbundene Megalomanie der akademischen Administration, die immer größer und immer teurer werde. Auch den Evaluationszirkus hält er für überzogen. Das was Investmentbanker den “Markt” nennen, präge immer mehr jeden Aspekt der amerikanischen Kultur. Dem hält Campos entgegen: “Universities are not businesses”.

Jon Cogburn, bei dem ich den Hinweis auf den Artikel gefunden habe, fühlt sich bei diesem Thema an den Zwang erinnert, seinen Enthusiasmus durch Mitsingen der Gemeindelieder zu bezeugen.

Dazu passend, wenn auch aus einem anderen Zusammenhang, ein Interview mit Julian Nida-Rümelin über die Zukunft der Philosophie (und Geisteswissenschaften) bei Tabula Rasa.

Wo er recht hat, hat er recht

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass unsere Generation der Philosophierenden, die nicht das Vergnügen hatte, die Zeit des sogenannten Positivismusstreits mitzuerleben, vielleicht das beste Objekt der Kritik abgeben würde, über das alle Beteiligten des damaligen Geschehens den Kopf schütteln würden. Theodor Adorno, selbst ein intellektueller Snob ersten Ranges, formulierte es seinerzeit so:

Ihre Spielregeln sind darauf zugeschnitten, dass das verdinglichte Bewusstsein geistferner bright boys sich als Spitze des Zeitgeistes betrachten kann. Sie sind aber bloß deren Symptom.

Und dass wir uns heute nur noch mit Symptomen abgeben, ist jedem Nicht-Akademiker zumindest bekannt (sofern er sich von seinem digitalen Hirnfortsatz lösen kann).

P.S.: Zur Überschrift
Ob Humor – bei Adorno eher verboten – daran etwas ändert, ist ungewiss. Aber im Verbund mit der völlig unterschätzten Tautologie kann er jedenfalls subversiv sein. Zum Beispiel so:

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Szientismus – Wissenschaft idiotisiert

Austin L. Hughes ist Professor für Biowissenschaften. Im New Statesman hat er eine Kritik des jüngsten Szientismus veröffentlicht: “The Folly of Scientism“.
Die Erfolge der Naturwissenschaften seien so beeindruckend gewesen, dass Naturwissenschaftler zunehmend daraus gefolgert hätten, die Naturwissenschaften könnten alles klären, und die Philosophie sei überflüssig. Als Beispiele nennt Hughes den Chemiker Peter Atkins und den Physiker Stephen Hawkings. Über Karl Popper kommt er zum Abgrenzungsproblem und von da aus zu Carnap, Quine und van Fraassen. Deren Heldenverehrung der Naturwissenschaft stehe im Kontrast zu ihrer nicht immer korrekten Interpretation und Anwendung naturwissenschaflicher Ergebnisse. So seien Quines Auffassungen von den Mechanimsen des Nervensystems übervereinfacht. Auch der Rekurs auf Darwin, bei den Genannten oder in der Populärliteratur, sei oft unglücklich. “To speak of a “Darwinian” process of selection among culturally transmitted ideas, whether scientific theories or memes, is at best only a loose analogy with highly misleading implications.
Hughes geht auf viele weitere Sachbereiche und Autoren ein, so auch auf die Soziobiologie und die Evolutionäre Psychologie. Etwas ausführlicher widmet er sich Sam Harris und dessen Buch “The Moral Landscape” (2010).

Er kommt zu dem Schluss, dass Positivismus und Szientismus ihre Kompetenzen weit überschritten haben. Die Gleichsetzung von Vernunft mit Naturwissenschaft habe das genaue Gegenteil von Vernunft hervorgebracht: Wissenschaftler die glauben, eine naturwissenschaftliche Antwort auf Alles liefern zu können.
Ein solcher Szientismus sei eine gefährliche Form der Leichtgläubigkeit. Die von Szientisten reklamierte universelle Kompetenz der Naturwissenschaft werde die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft untergraben und einen radikalen Skeptizismus befördern. “Man sehnt sich nach einer neuen Aufklärung, um die Anmaßungen dieses jüngsten Aberglaubens zum Platzen zu bringen.

Austin L. Hughes, “The Folly of Scientism,” The New Atlantis, Number 37, Fall 2012, pp. 32-50.

Denken macht dumm

In der Mittagspause hatte ich heute ein Gespräch mit Jemandem, der mir von seinem interessanten Projektmanagementseminar erzählte. Dort, so wird einem häufig versichert, lernt man, wie man seine Ziele erreicht und welche Persönlichkeitstypen es gibt. Eine übliche Methode dabei ist die Festlegung von Meilensteinen. Beruflich habe ich die Freude gehabt, ausreichend von solchen Werkzeugen Gebrauch zu machen. Um von dem beruflichen Ernst wegzukommen, fragte ich, ob man solche Methoden wohl auf das eigene Leben anwenden könnte. Es war zuerst nicht ganz klar, was das bedeuten soll. Vielleicht, wie man finanzielle Sicherheit erreicht, oder wie man große materielle Wünsche verwirklicht. Ob man dazu nicht zuerst wissen müsste, welche Wünsche man denn hat, und wie man das herausfinden könnte, wollte ich wissen. Aber das scheint zu kompliziert zu sein. Wenn man anfängt, über so etwas nachzudenken, ist das nicht gut für die Gesundheit. Und auch nicht für die Karriere.

So ähnlich sah das auch ein Vater, der seinem Sohn, der Klassische Altertumswissenschaft studieren wollte, in einem Brief ausführlich darlegte, dass er davon nichts hielt. Es sei nutzloses Zeug. Zum Beleg führt er unter anderem einen befreundeten Effizienzexperten an, der mit seinem Sohn in ähnlicher Weise geschlagen ist. Der Empfänger des Briefes war Ted Turner, der spätere Gründer von CNN und Milliardär. Hier der Brief: “Dies ist mein Sohn. Er spricht Griechisch.

Akademische Philosophie in Deutschland

Bei Brian Leiter gibt es eine Diskussion über die Situation und Zukunft der akademischen Philosophie in Deutschland. Ausgangspunkt ist ein Beitrag von Detlef von Daniels, der die Einrichtung eines “Exzellenzclusters” in Frankfurt unter den “Auspizien” von Rainer Forst und Klaus Günther kritisch in einem größeren Zusammenhang diskutiert.

Verschiedene Thesen stehen im Verlauf der Diskussion im Raum. Im Mittelpunkt dürften die Fragen stehen, ob die akademische Philosophie in Deutschland noch internationalen Rang hat, und ob man die negativen Effekte der schlechten Finanzierung der Universitäten durch Konzentration auf Exzellenzinitiativen in irgendeiner Hinsicht wettmachen kann.

Für den Außenstehenden, aber nicht ganz Uninformierten ist die Diskussion auch deshalb interessant (oder uninteressant), weil sie auch – wie immer bei solchen Themen – einen Einblick in die Sozialpsychologie der akademischen Elite gewährt.

Geld als Kriterium für Philosophie

Clark Glymour hatte ja in seinem Manifest zur Philosophie (Bericht hier) aufgrund der von ihm diagnostizierten Nutzlosigkeit der “kontinentalen” und der “analytischen” Philosophie geschlussfolgert, dass man auf verschiedene Philosophiedepartments verzichten könnte – außer sie würden Förderbeträge in Millionenhöhe akquirieren.

Das führt unmittelbar zu der Frage, woher Geld zur Förderung von Philosophie kommt. Natürlich nur von da, wo es welches gibt. Und das würde dann faktisch definieren, was praktizierte Philosophie ist. Es gibt nämlich bestimmte typische Arten von Geldgebern. Eine Art, die Kennern sofort ins Auge springt, hat Keith de Rose erwähnt. Sein Beispiel ist die Templeton Foundation, die in den letzten Jahren schon diverse Millionen verteilt hat, um philosophische Untersuchungen von Spiritualität und Religion zu fördern (siehe zum Beispiel diese kommentarlose Notiz) – und dies in Zukunft weiter tun wird. Also ein Sachgebiet, das Clark Glymour vermutlich eher nicht im Sinn hat. Zurecht stellt Keith de Rose fest: Man kann, wenn man Glymours Kriterium anwendet, daraus nur schließen, dass das, was in den nächsten Jahren richtige Philosophie ist, mit Religion und Glauben zu tun hat.

Man sieht daran ganz gut, 1.) welche Kanalisierungseffekte ein Vorschlag wie der von Glymour haben wird, und 2.) wie gut sich ein schlechtverstandener “Szientismus” / “Positivismus” und religiöse Vorstellungen ergänzen.

Nüchtern muss man aber wohl auch feststellen, dass wir in einer Glymour-Welt leben. Als Beleg ein Zitat von Eric Schwitzgiebel: “In ancient Greece, the sophists were the ones getting grants”.

Scholastische Streitereien

Es scheint akademischen Philosophen ein Bedürfnis zu sein, sich abzugrenzen. Zunächst natürlich einmal gegen die Vulgär- und Popularphilosophie. Aber dann auch gegen Traditionen und Denkschulen innerhalb des eigenen Faches. Invektiven in diese Richtung wird jeder Philosoph vermutlich kennen, wenn er sich nicht sogar selbst daran beteiligt.

Ein neues schönes Beispiel liefert die aktuelle Debatte um Clark Glymours Manifest, in dem nicht gekleckert, sondern geklotzt wird. Man würde Nichts verlieren, so Glymour, wenn einige Geisteswissenschaftler entlassen würden und mit dem Besen in der Hand arbeiten müssten. Ihm gefällt die “formale Philosophie” besser als die “kontinentale”, und er bezeichnet den von ihm bevorzugten Ansatz als “materiale Philosophie”. Die Beispiele, die er gibt, haben mit Computern, Statistik, Spieltheorie usw. zu tun. Mit Logik, Mathematik und Programmierkenntnissen könne man eben besser philosophieren als nur mit Intuition. Deshalb würde sich die “konventionelle” analytische Philosophie auch überflüssig machen (die “kontinentale” wurde zuvor ja schon in den Sack gesteckt). Die Arbeiten von Philosophen seien ohne Einfluss, und deshalb könne man Philosophy Departments schließen, außer sie würden Mittel in Millionenhöhe einwerben.

Insofern hätte die Art von Scholastik, die Glymour betreibt und als materiale Philosophie bezeichnet, also auch materiale Konsequenzen. Seine Einschätzung provozierte denn auch ein großes Hallo in den Weblogs, bspw. hier und hier.

Zu weiteren beliebten Auseinandersetzungen zählen Nutzlosigkeitsvorwürfe gegen die analytische Philosophie, gegen die Geschichte der Philosophie, gegen die Philosophische Anthropologie usw. Der (des)interessierte Beobachter erkennt leicht gewisse Moden und Traditionen.