Neurophilosophie und die Sucht nach Gruselmärchen

Stephan Schleim schreibt auf seinem Blog über die kritische Rezension, die Chris Frith in “Nature” über Patricia Churchlands neuestes Buch “Touching a Nerve” veröffentlicht hat. Frith ist genervt von den Strohmannpositionen (Dualismus / immaterielle Seele), die herangezogen werden, um neurodeterministische Gruselstories von genetisch determinierter Moral und Nichtexistenz von Willensfreiheit zu erzählen.
Der Neurohype wird angesichts der Megaforschungsprojekte der EU und der USA, von denen Schleim zu Beginn seines Artikels auch berichtet, in den nächsten Jahren sicherlich noch einen Gang zu legen.

Konferenz zu Reduktion und Emergenz

Reduktion und Emergenz sind seit einigen Jahrzehnten Kernthemen der Wissenschaftsphilosophie. In München wird vom 14. bis 16. November 2013 eine Konferenz mit dem Titel “Reduction and Emergence in the Sciences” stattfinden. Unterstützt wird die Konferenz durch die Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Zu den Organisatoren und zum Programmkomitee gehören für diesen Bereich bekannte Namen wie Stephan Hartmann, Albert Newen, Achim Stephan, Paul Hoyningen-Huene und andere.

Als Keynote Speaker werden angekündigt Patricia S. Churchland, Kevin D. Hoover, Margaret Morrison und Samir Okasha. Die Konferenz soll auf iTunes U dokumentiert werden (hier der Direktlink zum iTuneskanal des Munich Center for Mathematical Philosophy).

Neurowissenschaft und Philosophie – Colin McGinn rezensiert V.S. Ramachandran

Colin McGinn hatte im März bei der New York Review of Books das Buch “The Tell-Tale Brain” von V.S. Ramachandran rezensiert, und im Juni erschien dort eine Antwort von Ramachandran sowie McGinns Antwort auf die Antwort (wie es üblich ist). Die Rezension und Diskussion bieten einen guten Eindruck vom Stand der Neurowissenschaft und der Beantwortung von Fragen aus der Philosophie des Geistes. Der neurowissenschaftliche Enthusiasmus, Funktionen des Gehirns und psychologische Vorgänge generell erklärt zu haben, wird von Philosophen in den letzten Jahren häufiger skeptisch beurteilt. Dies ist keine Generalskepsis bezüglich der Relevanz dieser Forschung als solcher, sondern richtet sich auf zu weitreichende Thesen, die beanspruchen, klassische Probleme der Psychologie und Philosophie des Geistes gelöst zu haben.

Zunächst stellt Colin McGinn fest: “This is the best book of its kind that I have come across for scientific rigor, general interest, and clarity.” Dann diskutiert er mehrere Annahmen Ramachandrans kritisch, denn “the relationship between mental function and brain anatomy is nowhere near as transparent as in the case of the body [and physiology] —we can’t just look and see what does what.” Er schildert die von Ramachandran besprochenen Phänomene, wie Phantomvorstellungen von Körperteilen, Spiegelneurone und Sprache, die faszinierend seien, bei denen aber die philosophischen Fragestellungen falsch dargestellt seien und deshalb nicht befriedigend beantwortet werden. Ob Spiegelneurone wirklich ausreichen, um Empathie und Imitation zu erklären, bezweifelt McGinn – wie dies ja auch schon Patricia McChurchland getan habe.
Neurowissenschaft sei faszinierend, sei aber noch nicht über das Anfangsstadium der elementarsten Beschreibungen hinausgekommen.

In seiner Antwort begrüßt Ramachandran die Rezension McGinns, bestreitet aber, dass die philosophischen Fragen geklärt sein müssten, bevor man mit der Forschung beginnt. Daraufhin bekräftigt McGinn seinen “point … that the brain does not wear its functions on its face in the way the gross anatomy of the body does.” Die Fragen nach Willensfreiheit und Qualia können nicht durch Neurologie gelöst werden: “these questions are not going to be resolved by discovering the neural correlates of such things. Here I suggest that he consult an introductory text in philosophy of mind“. Dies, so schließt McGinn “might lead to a neuroscientist with philosophical sophistication — which would be something of real value in today’s intellectual culture.”

Rezension des “Oxford Handbook of Philosophy and Neuroscience”

Gary Hatfield hat bei Notre Dame Philosophical Reviews eine ausführliche Rezension des von John Bickle herausgegebenen “Oxford Handbook of Philosophy and Neuroscience” (OUP 2009, 635 Seiten) veröffentlicht. Das Buch enthält 23 Beiträge, die in sieben Teilen organisiert sind:

Part I: Explanation, Reduction, and Methodology in Neuroscientific Practice
Part II: Learning and Memory
Part III: Sensation and Perception
Part IV: Neurocomputation and Neuroanatomy
Part V: Neuroscience of Motivation, Decision Making, and Neuroethics
Part VI: Neurophilosophy and Psychiatry
Part VII: Neurophilosophy

Hatfield stellt fest, dass es sich nicht um ein Handbuch handelt, das seine Aufgabe darin sieht, einen fortgeschrittenen Überblick eines Sachbereiches zu bieten. Dazu fehle es an einer systematischen Darbietung von Einzelfragen und einer Diskussion aller relevanten methodologischen Fragen. Der Herausgeber erklärt dies damit, dass Philosophie und Neurowissenschaften noch ein junges, sich entwickelndes Feld sei.

Insofern ist der Band, so Hatfield, eher eine Sammlung von Forschungsüberblicken bestimmter Autoren, was sich auch darin manifestiere, dass kaum andere Philosophen, die sich mit den neurologischen Aspekten der Geist-Gehirn-Beziehung beschäftigen, zitiert würden. Auch ein Kapitel zur historischen Entwicklung des Sachbereiches fehle; allerdings steuere William Bechtel in seinem Beitrag einen Teil dazu bei. (In einer Fußnote kritisiert Hatfield außerdem Patricia Churchlands Buch “Neurophilosophy” als “noteworthy for its lack of attention to actual theories in scientific (as opposed to a mythical “folk”) psychology and for its mischaracterization of the theories on memory that it does discuss“.)

Folglich empfiehlt Hatfield das Buch offenbar weniger als Handbuch als vielmehr als Sammelband verschiedener Beiträge zu unterschiedlichen Fragestellungen in diesem Arbeitsgebiet:

The volume is to be commended for collecting chapters that address issues of reduction, intentional eliminativism, enactivism, and the extended mind, as well as several nuts-and-bolts case studies in the practice of neuroscience. Depending on one’s specific interests, there is more or less to find. It is a good starting place especially for those interested in current controversies in the neuroscientific reduction of memory consolidation. (NDPR)

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Sucht und Selbstkontrolle – Patricia Churchland über Entscheidungen

Auf einer Konferenz des Oxford Centre for Neuroethics unter dem Titel “Mechanisms of Self-Control: The lessons from Addiction” referiert Patricia Churchland und diskutiert mit George Ainslie. (Das Embedding des Videos funktioniert leider nicht wie angegeben, aber es kann auf der Webseite angesehen werden.)

Spiegelneurone – real oder Religion?

In der Debatte um die Existenz von Spiegelneuronen hat es neue interessante Beiträge gegeben.

Eine Studie stellt fest, dass Spiegelneurone in mehreren Bereichen des menschlichen Gehirns vorkommen sollen:
Is this the first ever direct evidence for human mirror neurons?

Demgegenüber ist Greg Hicock der Auffassung, dass die Theorie der Spiegelneurone unfalsifizierbar ist. Er zitiert Patricia Churchland, die in einer Diskussion über dieses Thema gesagt haben soll: “If mirror neurons are all over the brain then don’t they lose their explanatory power? Aren’t we now just back to our old friend, the How Does the Brain Work Problem?”:
Mirror Neurons – The unfalsiable theory

Der Neurocritic greift diese Position auf und führt sie weiter:
Mirror Neurons Join Marilyn Monroe Neurons and Halle Berry Neurons in the Human Hippocampus