Krugman und Bertram über Piketty: Die neue Belle Epoque

Paul Krugman hat in der “New York Review of Books” eine Rezension zu Thomas Pikettys “Capital in the 21st century” veröffentlicht (wie bereits im März angekündigt).

Piketty untersucht ausgiebig das Anwachsen der sozialen Ungleicheit in den letzten Jahrzehnten, und kommt zu dem Schluss, dass Vermögen – und Einfluss – zunehmend wieder vererbt werden. Auffällig sei insbesondere auch das Abschmelzen der Mittelschicht. Eine Ursache ist die sinkende Besteuerung von Vermögen und Erbschaften. Krugman hält Pikettys Buch für wichtig – es habe den Diskurs über Vermögen und Ungleichheit verändert.

(Update: Hier wird die Krugman-Rezension ganz anders verstanden, und Pikettys Vererbungsthese kritisch gesehen.)

In einem Posting bei Crooked Timber meint Chris Bertram, dass Pikettys Buch ein ganz neues Licht auf John Rawls’ “Theorie der Gerechtigkeit” werfe. Rawls Konzeption einer gerechten Gesellschaft sieht er als eine wieder aktuelle Philosophie, die dazu beitragen kann, dass “citizenship and democracy are not sucked of their meaning by the super-rich“.

Koreanische TV-Soaps statt Ökonomie

Nach (oder in) der Finanzkrise, hat sich Harvard-Ökonom Uwe Reinhardt gefragt, ob man statt Ökonomien nicht ebenso gut koreanische TV-Serien analysieren könne – und bietet gleich ein Seminar dazu an, wie Tyler Cowen berichtet.

Einem alten koreanischen Gesetz zufolge müsste übrigens koreanisches Kimchi von Generation zu Generation immer schlechter werden, sei aber heute immer noch besser als deutsches Sauerkraut, so Reinhardt.

P.S.: Einen ernsthaften Beitrag zur Philosophie hat der blinde Hund frisch gepostet – passenderweise geht es um eine philosophische Neuentwicklung aus Nordkorea.

“Das Internet muss weg” – Mocumentary über Netzneutralität

Ein gut erzählter und gut gemachter Film über einen Marktforscher (dargestellt von einem Schauspieler), der sich mit echten Experten, Usern, Unternehmern unterhält, um herauszufinden, was man gegen Netzneutralität tun kann … und zu ganz anderen Ergebnissen kommt. Hier die Webseite zum Film.

Sandel am 17.10. in Berlin

An der Freien Universität Berlin hält Michael Sandel am 17.10.2013 einen Vortrag mit dem Titel “What money can’t buy”. Dies ist auch der Titel seines jüngsten Buches, dass auf deutsch “Was man für Geld nicht kaufen kann” heißt.
Hier die Ankündigung der FU.

Zeit und Ort: 17.10.2013, 18:15, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin, Hörsaal 1a

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Das Ausbleiben (und das Verschwinden) der Konsumenten

Wenn ich Paul Krugman richtig verstanden habe, bekommt die chinesische Ökonomie ein Problem damit, dass die chinesischen Konsumenten nicht genug Geld haben, um zu konsumieren. Und das ist nicht gut für China. Und für den Rest der Welt.

A propos, wenn mein laienhafter Blick nicht täuscht, verschwinden in dem Rest der Welt, der konsumiert, zunehmend die Konsumenten. Und die bevorstehende massive Roboterisierung wirft diesbezüglich einige Fragen auf.

Jedenfalls bekommen wir mit der knappen Ressource Konsumenten ein Problem.

K-Team gegen R-Team über die europäische Sparpolitik

Vor einigen Tagen hatte ich darüber berichtet, dass der Ökonom Paul Krugman die europäische Sparpolitik für verfehlt hält, und dass er zwei besonders einflussreiche ökonomische Papiere, die von Verfechtern der Sparpolitik häufig als Rechtfertigung herangezogen werden, als nachweislich falsch kritisiert.

Die Autoren des bekannteren dieser Papiere, die Harvard-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff, werfen Krugman nun grob unziviles Verhalten vor (s. z.B. den Bericht auf Politico). Die Medien möchten natürlich gerne auf diese Fehde aufspringen, doch Krugman hat sich schon explizit mit dem Hinweis an die Journalisten gerichtet, wer noch halbwegs klar denken könne würde auch wissen, dass eine vermeintliche persönliche Fehde irrelevant sei – im Gegensatz zur tatsächlichen Politik. Auch der rhetorische Versuch, ihn als naiven Hippie dastehen zu lassen, trage nichts zur Sache bei.

Brad DeLong stellt sich auf die Seite von Krugman und hält 7 Punkte fest, von denen nur einer zwischen den beiden “Teams” umstritten sei – und natürlich die im Zentrum der Kritik stehende “90 % These”. Was daraus nun konkret für die europäische Finanzpolitik zu folgern ist, darauf hat Krugman gestern versucht sich einen Reim zu machen.

Markus Diem hat einen guten Überblick über diese Debatte im Tagesanzeiger veröffentlicht.

Paul Krugman: Europäische Sparpolitik beruht auf einem ökonomischen Irrtum

Paul Krugman ist auch der breiteren Internetöffentlichkeit bekannt durch seine pointierten Kommentare zur Ökonomie und Finanzpolitik. In einem ausführlichen Artikel für die New York Review of Books attackiert er erneut den Hokuspokus in der Finanzpolitik – die schwache empirische und ökonomische Fundierung der Sparpolitik als Instrument zur Behebung der Finanzkrise.

Krugman zufolge hat sich historisch immer eine ausgabenorientierte Politik à la Keynes zur Bewältigung von Krisen bewährt, während sich konservatives Sparen immer als schädlich erwiesen habe. Der Grund, warum die Sparpolitik dennoch attraktiv erscheint, kann nur politischer und psychologischer Natur sein, so Krugman. Deshalb haben Ökonomen wie er in der Krise 2008 und 2009 argumentiert, die staatlichen Stützungsmaßnahmen seien nicht ausreichend – sie sollten ausgeweitet werden. In Europa wird derzeit aber sogar im Gegenteil versucht, der Finanzkrise mit einer strengen Sparpolitik zu begegnen. Schon “Economics 101” – also die Einsteigerseminare für Studienanfänger – würden deutlich machen, dass Sparpolitik unter diesen Umständen unüberlegt ist.

Gestützt wurde die Sparpolitik der letzten Jahre durch zwei ökonomische Arbeiten, die Meilensteinstatus erwarben: ein Papier von Alberto Alesina und Silvia Ardagna aus dem Jahr 2009 und eines der Harvard-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff. Insbesondere die letzte Arbeit habe so viel Einfluss gehabt wie noch kein anderes Papier in der Geschichte der Ökonomie. Mittlerweile hat sich jedoch herausgestellt, dass das Ergebnis dieser Arbeit aus Programmierfehlern, Datenauslassungen und ungewöhnlichen Statistikmethoden resultierte, so Krugman. Auch das Papier von Alesina und Ardagna habe einer Überprüfung nicht standgehalten; die Ergebnisse seien in sich zusammengefallen. Gleichwohl seien sie zur Grundüberzeugung der europäischen Spar-Orthodoxie geworden.

“At this point, then, austerity economics is in a very bad way”, resümiert Krugman. Dies sei dramatisch, weil es zu schweren politischen Fehlern geführt habe. Es sei abzuwarten, ob Logik und Evidenz wieder Bedeutung bekämen.

Krugmans Artikel ist sehr ausführlich und gibt einigen Anlass zur Diskussion. (Seine Thesen wurden gestern nachmittag auf CNN ausgiebig diskutiert. Ein Kommentator aus der Ökonomie sagte dort: “Economy got it wrong on Europe”, und dies der Grund für die anhaltenden Probleme.) Neben den genannten Arbeiten referiert Krugman drei jüngere Buchveröffentlichungen, die auf diese Weise rezensiert werden. Seine Darstellung ist nicht nur politisch, sondern auch wissenschaftshistorisch und wissenschaftstheoretisch von Interesse.

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Die negativen Konsequenzen von Bildungsgutscheinen

Im vorletzten Beitrag zu Albert O. Hirschmann wurde seine Arbeit zu Exit-Optionen in der Bildung erwähnt. Seit Milton Friedman in den 50er-Jahren die Idee der school vouchers, der Bildungsgutscheine, formuliert hat, wird diese Praxis mit marktökonomischen Begründungen zunehmend eingeführt und ist insbesondere in den USA bekannt.

Hirschmann hat die Nachteile dieses Systems frühzeitig beschrieben. Eine negative Konsequenz von Bildungsgutscheinen zeigt sich aktuell in den US-Staaten, in denen der Kreationismus auf den Unterrichtsplan gehievt und die Evolutionstheorie verdrängt werden soll. In Louisiana profitieren mindestens 19 Schulen vom voucher system, in denen dem Monster von Lech Ness Realität zugesprochen, der Evolutionstheorie abgesprochen wird. Dies hat ein 19-jähriger Aktivist gegen die Verbannung von wissenschaftlichen Schulbüchern bei der Überprüfung von Schulprogrammen festgestellt.

Nachruf auf Albert Hirschmann von Francis Fukuyama

Der Ökonom und Soziologe Albert O. Hirschmann ist am 10. Dezember 2012 gestorben. Francis Fukuyama hat einen Nachruf auf Hirschmann geschrieben, in dem er einen Überblick über dessen Arbeit präsentiert.
Hirschmann hat weniger quantitative Forschung betrieben, als es heute in der Ökonomie üblich geworden ist. Vielmehr hat er die der Ökonomie angelegten methodologischen Grenzen überschritten und sich auch mit Disziplinen wie Politik und Philosophie beschäftigt, um die “intellektuelle Armut in diesem Gebiet” zu vermeiden.
Eines der bekanntesten Werke Hirschmanns ist “Exit, Voice, and Loyalty” (1970). Um die Performance öffentlicher Institutionen zu verbessern, hat man in der Ökonomie Maßnahmen diskutiert, die Wettbewerb einführen und den Subjekten Exitoptionen gewähren, so dass schlechtes Management durch Marktmechanismen bestraft würde. Diese Mechanismen sind seit Reagan und Thatcher und dem Aufstieg der orthodoxen Marktökonomie überall in den westlichen Gesellschaften vorangetrieben worden. Hirschmann hat auf die kaum beachteten Nachteile dieser Mechanismen hingewiesen. So wird die Exitoption insbesondere von den Gutgestellten in Anspruch genommen, so dass die verbliebenen Teilnehmer ärmer, ungebildeter und anspruchsloser zurück blieben. Außerdem untergräbt die Exitoption die Wirksamkeit von Feedback und Kritik (“Voice”), mit denen eine Änderung herbeigeführt werden könnte. Die Drohung mit Exit hat unmittelbarere und größere Konsequenzen als die Formulierung von Kritik, so dass Kritik in ihrer Relevanz abgewertet wird.

In seiner berühmtgewordenen Studie “Leidenschaften und Interessen” hat Hirschmann gezeigt, dass Montesquieus, John Millars und Adam Smiths Argumente für den Kapitalismus politisch-moralisch und nicht ökonomisch waren, wie Marxisten und heutige neoklassische Ökonomen behaupten. Ihr Anliegen war humanistisch, was aus Sicht der jetzt vorherrschenden Rational Choice Theorie geradezu außerirdisch ist. Die Denker des 17. und 18. Jahrhunderts versprachen sich von der freien Wirtschaftsweise eine Verbesserung der Moral und einen substanziellen Beitrag zum internationalen Frieden.

In einem seiner letzten Bücher, “The Rhetoric of Reaction” (1991), untersucht Hirschmann konservative Strategien, mit denen progressive Reformer, die sich um sozialen Wandel bemühen, kritisiert werden. Er zeigte, dass die konservativen Argumente in der gleichen Weise auch schon im 18. und 19. Jahrhundert von Gegnern der Französischen Revolution (z.B. Edmund Burke) und der britischen Armengesetzgebung vorgebracht wurden. Die von diesen Konservativen durchgesetzte Antireformpolitik war sozial so desaströs, dass sie anschließend für Jahrzehnte desavouiert war.

Statt Revolution befürwortete Hirschmann langsame, aber stetige Verbesserungen unter einem demokratischen Regime. Dies tat er auch in den 1960ern explizit, als viele Andere ihre Hoffnung eher in Revolutionen nach kubanischem Stil setzten.

In seinem Fazit bedauert Fukuyama, dass Entwicklungsökonomen wie Albert Hirschmann heute nicht mehr ausgebildet würden.