Brain scan scandal? Offenbar fehlerhafte MRT-Analysesoftware

Vor einiger Zeit wurde unter dem Stichwort “Voodoo” Kritik an der Hirnforschung laut. Nun scheint es einen neuen Anlass zur Kritik zu geben: die Universität von Linköping meldet, dass die verwendete Analysesoftware offenbar zu hohe Raten von False Positives erzeugt.

Berichte dazu hier:
http://www.eurekalert.org/pub_releases/2016-06/lu-sff062716.php
http://www.heise.de/newsticker/meldung/Hirnforschung-Fehlerhafte-MRT-Software-schuert-Zweifel-an-Zehntausenden-Studien-3257319.html
http://www.theregister.co.uk/2016/07/03/mri_software_bugs_could_upend_years_of_research/
http://www.theregister.co.uk/2016/07/07/the_great_brain_scan_scandal_it_isnt_just_boffins_who_should_be_ashamed/

Update: Und der Neuroskeptic äußert sich nun auch endlich.

Moderne Märchenstunde: Wissen ins Gehirn hochladbar

Im Trailer zu Werner Herzogs Dokumentation “Lo and Behold” behauptet jemand, bald könne das Gehirn selbst Gedanken twittern. Das klingt beeindruckend. Wirklich beeindruckend ist aber, dass Behauptungen dieser Art geglaubt werden und keinen Widerspruch erfahren.

Der Neuroskeptic widmet sich nun einer aktuellen Meldung, derzufolge Wissenschaftler einen Mechanismus gefunden hätten, mit dem konkretes Wissen von trainierten Piloten direkt ins Gehirn von Flugschülern hochgeladen werden könne. Tatsächlich haben die in der Meldung zitierten Wissenschaftler nie etwas Derartiges behauptet. Und niemand hat bislang aus elektrischen Signalen des Gehirns Daten aufgezeichnet, die zum Beispiel dem Wissen eines Piloten entsprechen, oder solche Daten in ein Gehirn hochgeladen, geschweige denn dass man auch nur im Geringsten eine Vorstellung davon hat, wie das überhaupt im Prinzip möglich sein soll.

Update: Steven Novella kam Anfang März bei Science-based Medicine zu dem gleichen Schluss: schon beim Lesen der Überschrift der Meldung zum “Hochladen von Informationen ins Gehirn” sei klar gewesen, dass davon keine Rede sein könne.

Open MIND – Wissenschaft frei zugänglich

Der menschliche Geist ist ein erstaunlich Ding: nach Monaten kann er aus dem Nichts Informationen an die Oberfläche spülen, die vorher durch einen Berg konkurrierender Daten verschüttet waren.

Bereits im Februar hatte mich Thomas Metzinger auf Open MIND hingewiesen: eine Textsammlung mit aktuellen Beiträgen zu den Themen Geist, Gehirn und Bewusstsein. Zu jedem der 39 Aufsätze gibt es einen Kommentar und eine Replik. All dies kann man – Open Access eben – einzeln oder auch im Paket auf der Seite von Open MIND herunterladen, als epub- oder als pdf-Datei. 90 sowohl jüngere als auch altbekannte Autorinnen und Autoren sind beteiligt, darunter Andreas Bartels, Ned Block, Paul M. Churchland, Daniel Dennett, Thomas Metzinger, Albert Newen, Alva Noe und Jennifer Windt

Rund um die Willensfreiheit

Alfred Mele hat bei OUP eine Aufsatzsammlung “rund um die Willensfreiheit” herausgegeben: “Surrounding Free Will: Philosophy, Psychology, Neuroscience“. (Der Band ist eines der Ergebnisse eines Templeton-Projektes zur Willensfreiheit.) Neil Levy schreibt dazu eine Rezension bei NDPR.

Nachdem eine zeitlang experimentelle Ergebnisse der Neurowissenschaften so gedeutet wurden, dass es keine Willensfreiheit gibt, hat in den letzten Jahren eine intensive Diskussion darüber eingesetzt, in der immer mehr Autoren feststellen, dass diese Interpretation überzogen war. Auch der von Mele herausgegebene Band enthält zahlreiche Beiträge zu einer “more deflationary interpretation of the experimental work“, so Levy.

Scruton über neuen Szientismus in Kunst und Geisteswissenschaften

In The New Atlantis hat Roger Scruton einen Artikel über die neueste Form von Szientismus geschrieben, die mit dem Anspruch antritt, Kunst und Geisteswissenschaften wissenschaftlich, zuverlässig und produktiv zu machen: “Scientism in the Arts and Humanities“.

In der Kunst sieht Scruton die “Neurorüpel” mit einer “Neuroästhetik” am Werk, denen ein fMRI des Kunstbetrachters genügt, um die Bedeutung eines Kunstwerks zu erfassen. In den Geisteswissenschaften sieht er die von Richard Dawkins und Daniel Dennett propagierte Memetik als ideologiekritische Illusion – sie sei selbst eine Magie -, durch die man nicht mehr zwischen Bachs Matthäuspassion und einem Hai in Formaldehyd unterscheiden könne.

Scruton verteidigt dagegen eine Subjektivität, die sich rational Sinngehalte erschließen kann. Dafür seien Hochkultur, Kunst und Geisteswissenschaften lebensnotwendig.

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Neurophilosophie und die Sucht nach Gruselmärchen

Stephan Schleim schreibt auf seinem Blog über die kritische Rezension, die Chris Frith in “Nature” über Patricia Churchlands neuestes Buch “Touching a Nerve” veröffentlicht hat. Frith ist genervt von den Strohmannpositionen (Dualismus / immaterielle Seele), die herangezogen werden, um neurodeterministische Gruselstories von genetisch determinierter Moral und Nichtexistenz von Willensfreiheit zu erzählen.
Der Neurohype wird angesichts der Megaforschungsprojekte der EU und der USA, von denen Schleim zu Beginn seines Artikels auch berichtet, in den nächsten Jahren sicherlich noch einen Gang zu legen.

Gehirnwäsche – Was die Hirnforschung alles (nicht) kann

Beim Neuroskeptiker gibt es eine Rezension des Buches “Brainwashed” von Sally Satel und Scott O. Lilienfeld. Das Buch hat den Untertitel “The seductive appeal of mindless neuroscience”.

Das Buch verdeutliche, wie im Zuge des Neurohypes die Ergebnisse der Hirnforschung in vielen Bereichen überzogen und fehlerhaft interpretiert werden, und dass dies zu gravierenden schädlichen Konsequenzen führt – wie beispielsweise im Justizwesen, der Medizin und der Wirtschaft.

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Überzogene Neuromythen

Bei den Philosophischen Schnipseln gibt es einen interessanten Text zu den allgegenwärtigen und auch hier im Blog schon aufgegriffenen Neuromythen, mit denen man ja praktischerweise alles erklären und umkrempeln kann. Dort auch der Hinweis auf ein Interview und ein Video mit dem Psychopharmakologen Felix Hasler, der letztes Jahr sein Buch “Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung” veröffentlicht hat. In den Kommentaren bei den Philosophischen Schnipseln finden sich weitere Verweise.

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John Searle findet die meisten Auffassungen zum Bewusstsein fürchterlich

Die Tage, wie man im Ruhrpott so schön sagt, haben wir über gute, auf Video aufgezeichnete Vorträge gesprochen, und prompt meldet sich John Searle auf der TEDxCERN-Konferenz mit einem eindrucksvollen Viertelstunden-Vortrag “Consciousness & the Brain” zu Wort, in dem er kurz und bündig locker-flockig aus dem Effeff doziert, dass das Bewusstsein objektiv und keine Illusion sei (und bspw. der Behaviorismus eine peinliche Verirrung). Bewusstsein ist ein biologisches Phänomen wie all die anderen vertrauten biologischen Phänomene – und damit höchst real, so Searle.

Nicht viele Philosophen (oder Wissenschaftler) besitzen die Gabe, einem interessierten Laienpublikum aus dem Stehgreif und kurzweilig die zentralen Positionen ihres Fachgebietes darzustellen und sie pointiert zu bewerten. Voila:

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Oldie but goldie – “… und die Behandlung von Krankheiten”

Man liest über einen neuen sozialen Roboter, ein aktuelles Resultat der Hirnforschung, die neueste Wunderkombination aus der Gentechnologie, eine sensationelle Maschinenprothese für Menschen – und das bedeutet, man liest mit ziemlicher Sicherheit auch, dass diese neuen Errungenschaften Anlass sind für vielversprechende Aussichten für die Behandlung von Krankheiten.

Der Neuroskeptiker berichtet von einer Episode der Wissenschaftsgeschichte: Der Neurowissenschaftler Angelo Mosso hat am Ende des 19. Jahrhunderts eine Apparatur zur Messung des Gewichts von Hirnaktivitäten entwickelt. Nette Geschichte, mit einem ironischen Nebenaspekt: eine französische Zeitung feierte 1908 Mossos Entwicklung enthusiastisch und glaubt, sie führe zu einer Verbesserung der Therapie von neurologischen und psychischen Erkrankungen.

“Die Behandlung von Krankheiten” ist der “amerikanische Wissenschaftler” der Wissenschafts-PR. Wenn Boulevardblätter berichten, “amerikanische Wissenschaftler” hätten festgestellt …, so verleiht das der Information die notwendige Autorität sowie eine herausgehobene Relevanz. Der Verweis auf die in Aussicht stehenden Therapiemöglichgkeiten erfüllt mediensoziologisch die gleiche Funktion.

Jalees Rehman hat im Guardian gerade einen Artikel veröffentlicht, in dem er dafür plädiert, dass Wissenschaftsjournalismus mehr sein sollte als bloßes Infotainment – er sollte ein kritischer Wissenschaftsjournalismus sein. Rehman schlägt einige Kriterien dafür vor.

Neurofolklore

Der Neurocritic beschäftigt sich mit der Geschichte der Hirnwissenschaften und untersucht, wie alt der Begriff “Neuroscience” wohl ist. Dass es auf den Begriff nicht so sehr ankommt, stellt er fest, aber es fehlen Überlegungen dazu, welche Rolle das philosophische Körper-Geist-Problem in dieser Geschichte spielt.

Vaughan Bell bemerkt im Guardian, dass nicht alles, was in der Öffentlichkeit als Neuroscience gehandelt wird, korrekt ist.