Moderne Märchenstunde: Wissen ins Gehirn hochladbar

Im Trailer zu Werner Herzogs Dokumentation “Lo and Behold” behauptet jemand, bald könne das Gehirn selbst Gedanken twittern. Das klingt beeindruckend. Wirklich beeindruckend ist aber, dass Behauptungen dieser Art geglaubt werden und keinen Widerspruch erfahren.

Der Neuroskeptic widmet sich nun einer aktuellen Meldung, derzufolge Wissenschaftler einen Mechanismus gefunden hätten, mit dem konkretes Wissen von trainierten Piloten direkt ins Gehirn von Flugschülern hochgeladen werden könne. Tatsächlich haben die in der Meldung zitierten Wissenschaftler nie etwas Derartiges behauptet. Und niemand hat bislang aus elektrischen Signalen des Gehirns Daten aufgezeichnet, die zum Beispiel dem Wissen eines Piloten entsprechen, oder solche Daten in ein Gehirn hochgeladen, geschweige denn dass man auch nur im Geringsten eine Vorstellung davon hat, wie das überhaupt im Prinzip möglich sein soll.

Update: Steven Novella kam Anfang März bei Science-based Medicine zu dem gleichen Schluss: schon beim Lesen der Überschrift der Meldung zum “Hochladen von Informationen ins Gehirn” sei klar gewesen, dass davon keine Rede sein könne.

Neurophilosophie und die Sucht nach Gruselmärchen

Stephan Schleim schreibt auf seinem Blog über die kritische Rezension, die Chris Frith in “Nature” über Patricia Churchlands neuestes Buch “Touching a Nerve” veröffentlicht hat. Frith ist genervt von den Strohmannpositionen (Dualismus / immaterielle Seele), die herangezogen werden, um neurodeterministische Gruselstories von genetisch determinierter Moral und Nichtexistenz von Willensfreiheit zu erzählen.
Der Neurohype wird angesichts der Megaforschungsprojekte der EU und der USA, von denen Schleim zu Beginn seines Artikels auch berichtet, in den nächsten Jahren sicherlich noch einen Gang zu legen.

Colin McGinn rezensiert Ray Kurzweil

Colin McGinn rezensiert in der ‘New York Review of Books’ Ray Kurzweils Buch “How to Create a Mind: The Secret of Human Thought Revealed“. Kurzweil ist bekannt als Verfechter des Transhumanismus und Star des Singularitäts-Kults.

McGinn stellt Kurzweil vor als Computeringenieur “with a side interest in bold predictions about future machines“. Man könne folglich nur begierig sein zu erfahren, wie seine Theorie des menschlichen Geistes laute, “hoping the book will justify the hype so blatantly brandished in its title“. Kurzweil hat einige Beiträge zur maschinellen Mustererkennung geleistet. Und auch das “Geheimnis des Denkens” soll auf Mustererkennung beruhen – was McGinn allerdings (plausiblerweise) bezweifelt.

So gehe Kurzweil stillschweigend von externen Stimuli (patterns) zu mentalen Entitäten über, wenn er das ganze mentale Geschehen nach Art der Sinneswahrnehmung erklären wolle. Dabei sei schon fraglich, ob beispielsweise Farbwahrnehmung auf Mustererkennung beruhe. Seine grandiose Ankündigung breche angesichts der Vielfalt mentaler Phänomene – Emotionen, Intentionen, Kalkulationen, Stimmungen usw. – in sich zusammen.

Anschließend kommt McGinn auf das gravierende Problem des “homunculus talk” in den Neurowissenschaften zu sprechen. Wenn man sagt, “Neuronen senden Informationen”, weiß man tatsächlich nur, dass ein Geschehen auf chemischer oder elektrischer Ebene vorliegt, nicht aber, dass Informationen vorliegen und wie diese beschaffen sind. Es sei ein seit Jahrzehnten vieldiskutiertes Rätsel, wie man Informationen (mentale Zustände) eindeutig mit elektrochemischen Prozessen im Gehirn in Verbindung bringen könne. (McGinn verweist beispielsweise auf John Searles Beiträge hierzu.) Der “homunculus talk” erzeugt also die Illusion, wir wüssten, wie der Geist im Gehirn funktioniert, während wir in Wirklichkeit ratlos sind. In seiner Antwort auf die Antwort des Neurowissenschaftlers Joe Herbert macht McGinn diesen Punkt noch einmal deutlich:
All information is information — to some conscious agent. Accordingly, neurons do not, considered in themselves, process information or send signs or receive messages“.

Am Ende bringe Kurzweil dann noch Zitate von Ludwig Wittgenstein, ohne allerdings einen nachvollziehbaren Zusammenhang zu seiner Theorie herstellen zu können, so McGinn. Sein Fazit: das Buch sei gelegentlich interessant, aber völlig übertrieben.

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Überzogene Neuromythen

Bei den Philosophischen Schnipseln gibt es einen interessanten Text zu den allgegenwärtigen und auch hier im Blog schon aufgegriffenen Neuromythen, mit denen man ja praktischerweise alles erklären und umkrempeln kann. Dort auch der Hinweis auf ein Interview und ein Video mit dem Psychopharmakologen Felix Hasler, der letztes Jahr sein Buch “Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung” veröffentlicht hat. In den Kommentaren bei den Philosophischen Schnipseln finden sich weitere Verweise.

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Neurofolklore

Der Neurocritic beschäftigt sich mit der Geschichte der Hirnwissenschaften und untersucht, wie alt der Begriff “Neuroscience” wohl ist. Dass es auf den Begriff nicht so sehr ankommt, stellt er fest, aber es fehlen Überlegungen dazu, welche Rolle das philosophische Körper-Geist-Problem in dieser Geschichte spielt.

Vaughan Bell bemerkt im Guardian, dass nicht alles, was in der Öffentlichkeit als Neuroscience gehandelt wird, korrekt ist.

Neuroblahblah

Steven Poole schreibt im New Statesman eine bissige Polemik gegen die “Neurowissenschaften-erklären-alles”-Mode. Gleich zu Beginn stellt er fest: “Eine neue Seuche ist ausgebrochen.” Man müsse nur das Präfix “Neuro” vor seine Erklärung kleben, und schon verschaffe man sich die Würde computerbasierten Laborkittelgefunkels. Ob Religion oder konservative Mentalität – die solcherart untersuchten Objekte sind nur noch pathologische Fälle der Gehirnbiologie und nicht mehr rationale Gesprächspartner. Ob persönliche oder politische Ratgeber – die “Ramschaufklärung” der populären Neurowissenschaft hat die Antwort auf alle Fragen.

Schon William James habe sich darüber mockiert, selbst die schwierigen Fragen der Psychologie neurologisch erklären zu wollen. Entsprechend hätten manche populären Neurobehauptungen heute einen vergleichbaren Status wie solche über das Gedächtnis von Wassermolkeülen.
Schlecht kommen bei Poole Autoren wie Jonah Lehrer und Jonathan Haidt weg. Haidts verquere Empfehlung, sich von der Vernunft zu verabschieden, habe Poole befolgt und gefühlsmäßig Haidts ganze Argumentation abgelehnt.
Gehirnscans zeigten jedenfalls weniger, als aufgebauschte Thesen daraus machten, weshalb man skeptisch gegenüber “brain porn” sein solle. Was sagt schon ein fMRI-Scan eines Musikhörers über das Musikerlebnis, so Poole.

Darwinistische Ästhetik und Neuroästhetik

Adam Kirsch bespricht in “New Republic” drei Bücher, die sich aus einer darwinschen biologischen oder einer neurowissenschaftlichen Perspektive mit dem Phänomen der Ästhetik beschäftigen:
“Why Lyrics Last: Evolution, Cognition, and Shakespeare’s Sonnets”, von Brian Boyd
“Wired for Culture: Origins of the Human Social Mind”, von Mark Pagel
“The Age of Insight: The Quest to Understand the Unconscious in Art, Mind, and Brain, from Vienna 1900 to the Present”, von Eric R. Kandel

Im Raum stehen Fragen wie, ob das menschliche Kunstbedürfnis genetisch erklärbar ist, ob es etwas zur Fitness der Gene beiträgt, oder ob, wie Darwin schon angemerkt hat, der Schönheitssinn der Tiere gar nicht mit dem eines kultivierten Menschen vergleichbar sei. Analog für die – so Kirsch – verwandte neuere Neuroästhetik fragt man, wie Ästhetik als Funktion des Gehirns erklärt werden könne.

Kirsch wendet dagegen ein, Shakespeare habe in dritter Generation keine Nachfahren mehr gehabt. Nicht seine Gene, wohl aber seine Werke seien bis heute überliefert. Unter anderem dies zeige, dass die Möglichkeit, Kunst und überhaupt menschliche Unternehmungen rein darwinistisch zu erklären, einfach verschwinde, meint Kirsch. Ähnlich beurteilt er den Ertrag eines Buches des Nobelpreisträgers Eric Kandel. Auch der Neurowissenschaftler habe mit Blick auf die Erklärung lediglich Banalitäten vorzuweisen. Darwinistische und Neuroästhetik könnten, wenn sie denn mal die Mechanismen unserer ästhetischen Erfahrung erklärt haben werden, an der Art, wie wir Kunst erleben, nichts ändern.

Insgesamt ist Kirschs Kritik durchaus nicht destruktiv. Insoweit überzogene Ansprüche naturalistischer Erklärungen von Kultur bestehen, hält er sie für unbegründet.

Die Libet-Experimente und Willensfreiheit

Julian Nida-Rümelin hat auf seiner Webseite den Text eines Vortrags mit dem Titel “Libet and Liberty” veröffentlicht. Darin beschreibt er die Experimente und die Interpretationen, die sie als Beleg gegen Willensfreiheit anführen. Er zeigt, dass diese Interpretation auf logischen Fehlern beruht und dass sie nicht in Einklang steht mit anderen neurowissenschaftlichen Studien. Und schließlich ist er der Auffassung, dass das Libet-Experiment gar nicht das Problem der Willensfreiheit modelliert: “What Libet’s results could show at most is that in cases of indifference there are unconscious brain processes that cause our behaviour. But that is no argument against the existence of free will – and as we have seen, even this argument fails.

Willensfreiheit

Der blinde Hund hat bei seinem Hinweis auf die Philosophy-Bites-Episode über Willensfreiheit einen guten Artikel in Nature aufgespürt, der die Problemlage in der Debatte um Willensfreiheit anschaulich darstellt: “Neuroscience vs philosophy: Taking aim at free will“.

Neurowissenschaftler wie Benjamin Libet oder John-Dylan Haynes liefern experimentelle Ergebnisse, die die Zunft gerne als Widerlegung der Willensfreiheit interpretiert. Demgegenüber weisen Philosophen darauf hin, dass damit zwar der Dualismus von Seele und Körper ins Wanken gerät, der aber in der Neurophilosophie heute eher keine Rolle mehr spielt (siehe zum Beispiel hier). Die Auffassung, dass der freie Wille irgendwie seinen Platz in einer spirituellen Seele hat, wird von den meisten Philosophen heute eben nicht vertreten.

Was man aber experimentell zeigen kann, ist, dass Menschen, denen man den Glauben an ihre Willensfreiheit genommen hat, weniger hilfsbereit und aggressiver sind.

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Ansgar Beckermann über Willensfreiheit und Gerhard Roth

Am 6. März hat Ansgar Beckermann vor der Philosophischen Gesellschaft Bremen und der Wissenschaftsvereinigung “Wittheit” einen Vortrag zum Thema “Gehirn, Ich, Freiheit” gehalten. Das Vortragstehema ist der Titel seines gleichnamigen Buches. Aus diesem Anlass hat Radio Bremen ein Interview mit ihm geführt, das hier zu hören ist.
Beckermann geht kritisch auf die Argumente von Neurowissenschaftlern wie Gerhard Roth oder Wolf Singer ein, die behaupten, die Libet-Experimente würden zeigen, dass es keine Willensfreiheit gibt. Offenbar, so Beckermann, vertreten Roth und Singer nach wie vor den Cartesischen Dualismus von Körper und Seele. Unter dieser Voraussetzung kann es keine Bestätigung für einen freien Willen geben. Stattdessen müssten sie sich von der künstlichen Trennung von Gehirn und Person verabschieden.

Das folgende Video ist ein Ausschnitt eines anderen Vortrags von Beckermann an der Uni Heidelberg, in dem er das Argument mit den Libet-Experimenten erläutert:

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Neurowissenschaft und Philosophie – Colin McGinn rezensiert V.S. Ramachandran

Colin McGinn hatte im März bei der New York Review of Books das Buch “The Tell-Tale Brain” von V.S. Ramachandran rezensiert, und im Juni erschien dort eine Antwort von Ramachandran sowie McGinns Antwort auf die Antwort (wie es üblich ist). Die Rezension und Diskussion bieten einen guten Eindruck vom Stand der Neurowissenschaft und der Beantwortung von Fragen aus der Philosophie des Geistes. Der neurowissenschaftliche Enthusiasmus, Funktionen des Gehirns und psychologische Vorgänge generell erklärt zu haben, wird von Philosophen in den letzten Jahren häufiger skeptisch beurteilt. Dies ist keine Generalskepsis bezüglich der Relevanz dieser Forschung als solcher, sondern richtet sich auf zu weitreichende Thesen, die beanspruchen, klassische Probleme der Psychologie und Philosophie des Geistes gelöst zu haben.

Zunächst stellt Colin McGinn fest: “This is the best book of its kind that I have come across for scientific rigor, general interest, and clarity.” Dann diskutiert er mehrere Annahmen Ramachandrans kritisch, denn “the relationship between mental function and brain anatomy is nowhere near as transparent as in the case of the body [and physiology] —we can’t just look and see what does what.” Er schildert die von Ramachandran besprochenen Phänomene, wie Phantomvorstellungen von Körperteilen, Spiegelneurone und Sprache, die faszinierend seien, bei denen aber die philosophischen Fragestellungen falsch dargestellt seien und deshalb nicht befriedigend beantwortet werden. Ob Spiegelneurone wirklich ausreichen, um Empathie und Imitation zu erklären, bezweifelt McGinn – wie dies ja auch schon Patricia McChurchland getan habe.
Neurowissenschaft sei faszinierend, sei aber noch nicht über das Anfangsstadium der elementarsten Beschreibungen hinausgekommen.

In seiner Antwort begrüßt Ramachandran die Rezension McGinns, bestreitet aber, dass die philosophischen Fragen geklärt sein müssten, bevor man mit der Forschung beginnt. Daraufhin bekräftigt McGinn seinen “point … that the brain does not wear its functions on its face in the way the gross anatomy of the body does.” Die Fragen nach Willensfreiheit und Qualia können nicht durch Neurologie gelöst werden: “these questions are not going to be resolved by discovering the neural correlates of such things. Here I suggest that he consult an introductory text in philosophy of mind“. Dies, so schließt McGinn “might lead to a neuroscientist with philosophical sophistication — which would be something of real value in today’s intellectual culture.”