Klangkörpermoden

Der Perlentaucher berichtet, wie in den Feuilletons Nikolaus Harnoncourts “prophetische” Mission gegen den “Schönklang” als “Urknall” der “historischen Aufführungspraxis” gefeiert wird. In der Tat quietscht es auf Klassiksendern an allen Ecken und Enden schön historisch – die Gravitationswellen der “Ohrenputzer”-Mission haben sich lange schon flächendeckend ausgebreitet. Wenn sich die Kritiker darüber einmal beruhigt haben werden, wird das “Festliche”, “Karajaneske”, “Schöne” dann wieder in einem anderen Licht erscheinen? Oder ist diese “Antiterrormission” nur die erste Etappe einer weltverbessernden Dauerdekonstruktion? Oder fällt der Klassikbetrieb eh in sich zusammen – vielleicht weil man nicht Karajans Technikcredo, sondern Harnoncourts Antiquitätenmission gefolgt ist, oder weil das Publikum weg ist?

Bachs Porträt in Leipzig

In seiner BBC-Doku über Johann Sebastian Bach (hier bereits erwähnt) erzählt John Eliot Gardiner, dass er in seiner Kindheit quasi unter den Augen Bachs groß geworden sei. Ein Porträt Bachs emigrierte nämlich mit seinem Besitzer während der Nazi-Diktatur nach England und kam so ins Haus Gardiner. Nach verschiedenen anderen Aufenthalten kommt das Bild nun ins Bach-Archiv in Leipzig, berichtet die FAZ. Die New York Times schreibt ausführlich von der kleinen Zeremonie, mit der Gardiner das Bild in Princeton, der Heimat seines bisherigen Besitzers, abholt. Auch der Guardian, die Japan Times und viele andere Publikationen weltweit berichten.

Verschwindet (das Interesse für) die klassische Musik?

Auf den ersten, unreflektierten Blick mag es ja so aussehen, als ob wir uns mit Riesenschritten zurück zur Steinzeit bewegen. Und tatsächlich ist es auch so, dass es beispielsweise für einen fantastischen, mitreißenden, erotischen Kulturschatz wie die klassische Musik düster aussieht. Nicht nur Kent Nagano kann das Desinteresse nicht fassen. Tatsächlich sind die Besucher- und Verkaufszahlen niederschmetternd – beispielsweise in den USA.

“Wie schön sie ist”

“Quanto è bella” aus Donizettis L’elisir d’amore (Nutthaporn Thammathi (Tenor), Thailand Philharmonic Orchestra)

Wir brauchen heute keinen Liebestrank, wir haben eine App dafür. Obwohl bei Donizetti der Liebestrank auch nicht gebraucht wird. Stattdessen singen sich die Protagonisten das Herz aus dem Leib.

Fundamentaltranszendental unterschätzt

A propos Popmusik – wir sagen gerne mal, dass Künstler oder eine Stilrichtung unterschätzt seien, was eine ganz vernünftige Aussage sein kann, die man aber im Streitfall nicht so richtig hundertprozentig wasserdicht bekommt. Denn über Vieles lässt sich streiten, und woran will man den angemessenen Grad von Wertschätzung bemessen? An der Zahl der verkauften Tonträger / Downloads, den YouTube-Aufrufen, Likes und Retweets? Oder ist es dann Wertschätzung, wenn Produkt oder Produzent aus den richtigen Gründen von den richtigen Leuten geschätzt werden, wobei Zahlen sekundär sind? Irgendwie ja und irgendwie nein. Einerseits hat Qualität, auch die der Wertschätzung, nichts mit Zahlen zu tun, denken wir. Andererseits stellen wir uns schon vor, dass sich objektive Qualität (was immer sie denn sein mag) eben auch objektiv in Zahlen ausdrückt, jedenfalls ungefähr so, dass richtig gute Musik zwei, drei Hörer mehr hat als nicht so gute.

Und da es in der Realität nicht immer so ist, hat man mit “völlig unterschätzte Musik” ein prima unerschöpfliches Thema, bei dem man seine Beschlagenheit, Coolness, Gleichgültigkeit, elitäre Versnobtheit oder sonstige Ausgeflipptheit zur Schau stellen kann.

Unterschätzte Popmusik – ein gutes Beispiel dafür sind New Musik in den frühen 80ern, die es mittlerweile sogar wieder, lang genug hat es gedauert, auf CD gibt. Ebenfalls nicht ausreichend gewürdigt sind The Bird and the Bee, von denen man keine großen Operetten erzählen muss, kann man doch auf dieses Video aus der Internetsteinzeit verweisen, das der Filmstudent Dennis Liu zu Demozwecken von einem Stück seiner Lieblingsband gemacht hat:


(Nein, das in dem Video ist nicht die Band, aber die Musik.)

Und ganz ähnlich verhält es sich topaktuell mit der Gruppe “Tennis” – zwei ehemalige Musik- und Philosophiestudenten, die nach einer einjährigen Low-Budget-Segelreise damit begonnen haben, die Welt mit zauberhafter Popmusik zu beglücken. Das erste Stück ihrer jüngsten CD “Ritual in Repeat” haben sie bei Soundcloud abgeladen. Doch wo immer man das ganze Werk hören kann, möge man dies tun, wenn man sich die Ohren mit ätherischer Popmusik von irgendwo ganz weit draußen im Sonnenuntergang und mit betörender Stimme transzendental belegen lassen möchte.

Gardiner über Bachs Persönlichkeit

Jemand, der faszinierende Werke schafft, muss deshalb als Person nicht überhöht werden. Vollkommen, “heilig”, sind die Wenigsten, ohne dass dies notwendig ihre Aufrichtigkeit oder Leistung schmälern muss (ein Argument, das man auch bei Aristoteles und Seneca findet). Im Gegenteil, gerade diese Menschlichkeit kann die Wege und die Werke von Personen besonders interessant machen – sagt im Fall von Johann Sebastian Bach der britische Dirigent John Eliot Gardiner bei Big Think.

Gardiners BBC-Doku über Johann Sebastian Bach ist online

Die BBC hat die gelungene Bach-Doku des britischen Dirigenten auf YouTube veröffentlicht: John Eliot Gardiner hat sich auf den Spuren Johann Sebastian Bachs auf die Reise gemacht, um mehr über die Person und was sie bewegte zu erfahren. Gardiner zeichnet Bach als leidenschaftlichen Musiker mit einer komplexen Gefühlswelt. Und er zeigt Orte aus Bachs Leben, erläutert biografische Phasen und – vor allem – führt so in die Musik Bachs ein.

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YouTube-Link

Untergang des Abendlandes aufgehalten – von Kindern

Es ist ja nun schon ein jahrzehntelanger Breitensport, kulturelle Traditionen zu “untergraben” oder über Bord zu werfen, wobei man, sofern man sich berufen fühlt, verzweifelt nach Wegen sucht, dem Ganzen die neueste Plastikkrone aufzusetzen, was einigermaßen aussichtslos ist, da schon annähernd alle Idiotien abgegrast zu sein scheinen (gut, man kann dann auch mal Brecht mit Ernst Jünger und Carl Schmitt aufpeppen und das dann als progressiv verkaufen). So weit, so konventionell.

Oder man macht zur Freude von uns Fans von Kant, Goethe, Humboldt und Brahms einfach mal Kultur und schenkt sich diesen ganzen Überbau da oben – wie diese Kinder aus Louisville:

[via]