Julia Annas im Interview über Tugendethik

Bei Philosophy Bites ist ein Interview mit Julia Annas erschienen (in Englisch), in dem sie erläutert, was die Tugendethik ist und wie man sie sich konkret in der Praxis vorzustellen hat – auch gegen Einwände von konkurrierende Ansätzen. Julia Annas ist eine der prominentesten Philosophinnen im Bereich der antiken Philosophie.

Die Tugendethik ist eine der Hauptrichtungen der Moralphilosophie der letzten Jahrzehnte. Wie der Name vermuten lässt geht sie zurück auf antike Konzeptionen, insbesondere von Aristoteles. In der Tugendethik ist der Charakter von Personen (der hier dynamisch, nicht statisch verstanden wird) von entscheidender Bedeutung, denn er ist es, der die Menschen gut macht, der sie gute Handlungen tun lässt, und der sie letztlich auch glücklich macht. Glück und Ethik waren schon in der Antike eng miteinander verbunden.

Adam Smith und Immanuel Kant über Glückseligkeit

1759 veröffentlichte Adam Smith seine “Theorie der ethischen Gefühle” – sein philosophisches Hauptwerk, auch nach Smiths eigener Meinung. Eine erste deutsche Übersetzung erschien erst in den 1790er Jahren.

Seine Ausführungen über die Stoa (VII,2,1) sind bemerkenswert umsichtig und einfühlsam. Er buchstabiert aus, wie es sich anfühlt, ein Stoiker zu sein. Dabei wird man an Kants “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten” erinnert. Smith thematisiert Aspekte, die Kant in seinem später erschienenen Buch ebenfalls diskutiert. Man würde sich allerdings wünschen, Kant hätte in sprachlicher Hinsicht von Smiths Ausführungen profitieren können. Kants Sprache ist bekanntlich nicht der Inbegriff von Eleganz, obwohl man sich durchaus darin vertiefen und sie gelegentlich schätzen kann, was dann aber wohl auf Kosten der Mitteilungsfähigkeit gegenüber den Mitmenschen geht.

In einer seiner ersten Arbeiten (1756) berichtet Smith über die Literatur auf dem europäischen Kontinent. Darin bedauert er auch, dass die Deutschen so daran gewöhnt seien, in einer fremden Sprache zu sprechen und zu denken (Latein, Französisch), dass es erklärbar sei, dass “sie nicht imstande sein könnten, sich glücklich oder treffend auszudrücken, sobald es sich um Themen heiklerer oder feinerer Natur handelt.” (Theorie, Hamburg 1994, S. XV).

Es ist eine interessante Spekulation, was bei der großen Nähe Smith über Kants Buch und Kant über Smiths Buch gedacht oder beide miteinander besprochen hätten. Dass sie nie einander begegneten oder brieflich miteinander verkehrten, ist bedauerlich.

Moralische Objektivität und Naturalismus

Seit Sokrates’ Suche nach dem Gut für die Seele und Platons Ideenlehre ist die Frage nach dem objektiv moralisch Guten die zentrale Frage der Philosophie. Man könnte die Philosophiegeschichte auch so skizzieren, dass philosophische Theorien, auch da, wo sie die Moral ausklammern, Stellung nehmen zu dieser Frage. Die moderne Diskussionslage wurde insbesondere durch David Hume und Immanuel Kant geprägt. Seitdem hat in Wellen mal der Skeptizismus, mal der Objetkivismus Prominenz.
Derzeit könnte es so scheinen – und Schlagzeilen vermitteln hin und wieder dieses Bild -, dass der Naturalismus sich auf breiter Linie durchsetzt und damit einhergehend ein moralischer Anti-Objektivismus.

In diesem Video, dass eine Diskussion anlässlich der Verleihung des Holberg-Preises an Ronald Dworkin wiedergibt, beschreibt Thomas Nagel sowohl die Ausgangslage (Ist moralische Objektivität im Rahmen des Naturalismus möglich?) als sodann auch Dworkins Ansatz aus seiner Sicht – wie ich finde, sehr gelungen. Auch Dworkin ist mit Nagels Darstellung einverstanden und trägt dann (ab 21:30 min) seine Antworten vor. (Rainer Forst scheint, wie ein kleiner Kameraschwenk zeigt, auch auf dem Podium anwesend zu sein.) Eine der zentralen Fragen der Diskussion ist: was sind Gründe für Überzeugungen?

Rationale Moral vom Feinsten – Derek Parfit erhält Rolf-Schock-Preis 2014

Derek Parfit (Oxford) erhält den Rolf-Schock-Preis für Philosophie 2014. Es ist der höchstdotierte Preis in der Philosophie, vergeben von der Royal Swedish Academy of Sciences. Zu den vormaligen Preisträgern gehören Thomas Nagel, John Rawls und W.V.O. Quine.

Parfit hat die Philosophie der letzten Jahrzehnte vor allem mit seinen beiden Büchern “Reasons and Persons” und “On what matters” geprägt. Seine Auseinandersetzung mit klassischen Positionen und Argumenten ist bahnbrechend und hat in weiten Teilen der Philosophie zu fruchtbaren Neubewertungen altbekannter Probleme geführt (und wird dies vermutlich noch auf Jahre hinaus tun).

Parfit vertritt in kritischer Auseinandersetzung mit Subjektivismus, Naturalismus und anderen prominenten Positionen eine objektive Ethik. Diese Ethik ist von unterschiedlichen Konzeptionen aus zugänglich – nämlich denen von Kant, Scanlon oder Sidgwick, die entgegen der üblichen Sicht nicht widersprüchlich zueinander sind. Kants Gesetzesformel hält er für die größte Errungenschaft seit der antiken Ethik. Die Achtung vor der Würde des Menschen und damit das Verbot der Instrumentalisierung – angelehnt an Kants Formel von der Menschheit als “Zweck an sich” – gehört zu den Prinzipien seiner Ethik.

Update: Das Preisgeld, das Michael Quante bei der Verleihung des “Deutschen Preises für Philosophie und Sozialethik” erhält (100.000 Euro) (Der blinde Hund berichtete), ist offenbar höher als das des Rolf-Schock-Preises (600.000 Schwedische Kronen, also ca. 68.000 Euro).

Sandel am 17.10. in Berlin

An der Freien Universität Berlin hält Michael Sandel am 17.10.2013 einen Vortrag mit dem Titel “What money can’t buy”. Dies ist auch der Titel seines jüngsten Buches, dass auf deutsch “Was man für Geld nicht kaufen kann” heißt.
Hier die Ankündigung der FU.

Zeit und Ort: 17.10.2013, 18:15, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin, Hörsaal 1a

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Interview mit Simon Blackburn über David Hume

Vor einem Jahr hat Nigel Warburton ein Interview mit Simon Blackburn über David Hume veröffentlicht. Blackburn empfiehlt fünf Bücher dazu: Humes ersten Enquiry und die Dialoge, die Hume-Bücher von Mossner und Kemp Smith, sowie Kants erste Kritik. Die Bemerkungen im Interview sind sehr interessant – man erfährt eine Menge darüber, wie Hume diskutiert wurde, und was er selbst dachte.

So heißt es über die “Dialoge über natürliche Religion”, dass Hume seinen überraschenden Rückzieher im 12. Kapitel wohl deshalb macht, weil er nicht mehr zeigen wollte als dass aus Überzeugungen zur Existenz eines Gottes oder einer finalen Ursache keine moralischen Implikationen folgen. All die Kriege, Dogmen und religiös begründeten Gesetze beruhen allein auf menschlichen Entscheidungen. Blackburn fasst dies so zusammen: “So, in a nutshell, as I like to put it, Hume’s position is you can’t check out of Hotel Supernatural with any more baggage than you took into it.

Viele weitere Themen werden in dem Interview angerissen: z.B. die Karrikatur der Aufklärung als vernunftfixiert. Und Kemp Smith habe gezeigt, dass Hume nicht beim Skeptizismus stehen bleibt, sondern eine naturalistische Position vertritt: “He’s interested in the mechanisms of the mind that lead to natural belief.

Und schließlich, die alles entscheidende Frage nach seinen persönlichen Favoriten beantwortet Blackburn wie folgt: Hume und Wittgenstein, und auch Aristoteles und Kant.

Den Männern die Gefühle

Stereoytpen über prinzipiell unterschiedliche kognitive und emotionale Fähigkeiten von Männern und Frauen sind wissenschaftlich schon lange nicht mehr haltbar. Ebenso liegt es auf der Hand und wird auch schon lange argumentativ belegt, dass aus derartigen empirischen Sachverhalten nicht die normativen Konsequenzen folgen, wie sie beispielsweise in einer patriarchalen Kultur sanktioniert werden. Die meisten geschlechtsspezifisch konstruierten Zugangsrestriktionen sind schlecht begründet. Da, wo es biologische Unterschiede gibt (zum Beispiel Mutterschaft), sind diese irrelevant für Fragen wie wer Raketenwissenschaftler werden kann oder wer den Müll rausbringen soll. Falsch konstruierte Unterschiede hingegen sind für die betroffenen Individuen schädlich – beispielsweise wenn Männer und Frauen in ihrem emotionalen Erleben massiv beeinträchtigt werden uvm.

Einen Überblick über verbreitete und philosophisch irrelevante Geschlechterstereotypen gibt Gertrud Nunner-Winkler in ihrem Vortrag “Den Männern die Vernunft, den Frauen das Gefühl” an der LMU München, der hier als Video abrufbar ist.

Christine Korsgaard im Interview

Beim 3-AM-Magazine gibt es ein Interview mit der amerikanischen Kantexpertin Christine Korsgaard. Kant ist für sie ein naturalistischer Philosoph (der Meinung bin ich auch), für den alles entweder als Teil der natürlichen Welt erklärt werden kann oder aus der menschlichen Perspektive durch menschliche Bedürfnisse (wie z.B. “Tische” oder “Werte” oder “Vernunft”). “And it is right to think that the real source of all value in the world lies in people and animals”, so Korsgaard.

Sie pflichtet Kants Autonomiegedanken bei, klärt das seit Schiller bekannte Missverständnis auf, dass gute Taten, die mit Neigungen verbunden sind, für Kant angeblich moralisch wertlos seien (was bspw. auch schon Günter Patzig getan hat (“Der kategorische Imperativ in der Ethik-Diskussion der Gegenwart”)), und erläutert ihr Modell der konstitutionellen (statt kombativen) Funktion von Gefühl und Vernunft (“roughly speaking, passion proposes and reason disposes”).

Der Interviewer, Richard Marshall, macht seine Sache wie gewohnt gut. Er stellt die interessanten Fragen und kennt auch die roten Fäden einer Debatte oder eines Oeuvres. So fragt er Korsgaard, warum “Vernunft kein Despot ist”, worauf sie ihre Sicht von Identität erläutert und dass “wir uns mit unserer Vernunft identifizieren”. Das Interview greift zahlreiche weitere interessante Punkte auf, nicht zuletzt das Problem der Willensfreiheit, das ihr keine schlaflosen Nächte bereitet (“there is no point in saying …”)

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Simon Blackburn über Parfits “On what matters”

Simon Blackburn hat eine Rezension zu Derek Parfits neuem Buch “On what matters“, die ursprünglich von der Financial Times beauftragt, dann aber nicht abgedruckt wurde, auf seiner eigenen Webseite veröffentlicht.

Blackburn nimmt eine kritische Haltung zu Parfits Position ein. Anders als Peter Singer, sieht er nicht, was Parfit zu einer realistischen Aufklärung über Moral beiträgt.
Er zitiert einen Satz vom Anfang des Buches: “‘It would be a tragedy’ he tells us on page 2, ‘if there is no single true morality’” und antwortet darauf: “Well, outside the charmed walls of All Souls College, there actually are tragedies.” Innerhalb der Mauern handele es sich vielleicht aber eher um die Komödie von “Don Quixote tilting at windmills“.


Weitere Informationen (und Links) zu Parfits neuem Buch habe ich in diesem Blog hier und hier gepostet.

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Rezension zu Robert Kanes “Ethics and the Quest for Wisdom”

Alexa Forrester rezensiert in den “Notre Dame Philosophical Reviews” Robert Kanes neues Buch “Ethics and the Quest for Wisdom”. Kane stellt eine neuartige vollständige ethische Theorie vor, die er “Moral Sphere Theory” nennt und unter anderem mit dem Kantianismus, Konsequenzialismus und Kontraktualismus kontrastiert.

Robert Kane ist einer der bekanntesten Philosophen der Willensfreiheit.