Utilitaristen sind keine Psychopathen

In den letzten Jahren konnte man von sozialpsychologischen Experimenten lesen, deren Resultate zeigten, so hieß es, dass Personen mit utilitaristischen Überzeugungen seltener Mitleid und Hilfsbereitschaft an den Tag legten als der Durchschnitt. Massimo Pigliucci weist nun im Philosophers’ Magazine und in seinem Weblog darauf hin, dass es sich bei dem hier so bezeichneten Utilitarismus gar nicht um Utilitarismus, sondern um rationalen Egoismus handele – zwei in der Moralphilosophie klar voneinander unterschiedene Positionen. Wenn eine ganze moralphilosophische Strömung aufgrund mangelnder Philosophiekenntnisse durch eine falsche Assoziation mit psychoptahischen Tendenzen diskreditiert werde, so sei das eine Mahnung, mit Bezeichnungen und Begriffen behutsam umzugehen, so Pigliucci.

Vortrag “What is morality?” von Thomas Scanlon

Thomas Scanlon hat an der Universität Guelph in Kanada eine Einführungsvorlesung “What is morality?” gehalten, die als Video abrufbar ist.

Es ist immer interessant, wie ein gestandener Philosoph ein Thema für ein breiteres Publikum aufbereitet – vielleicht interessanter als die akademisch-scholastische Detailarbeit. Scanlon ist ein guter Referent, der es versteht, weitgehend ohne modische oder aus der Luft gegriffene Fachworte ein Thema darzustellen. (Man hat manchmal den Eindruck, dass das eine old-school-Tugend ist, die im Verschwinden begriffen ist. Das könnte mal der SFB “Transformation lokutionärer Präsentationen in didaktisch-konkretisierenden Vermittlungskontexten” untersuchen – aber ich schweife ab… wenden wir uns lieber Thomas Scanlon zu:)

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Kirche, Evolution und Moral

Papst Benedikt hat die Behauptung, dass der Katholizismus nicht mit der Evolutionstheorie vereinbar sei, als absurd bezeichnet. Es wird interessant sein, zu beobachten, wie sich in dieser Frage die Einstellung der katholischen Kirche unter dem neuen Papst entwickelt. Einige Anmerkungen dazu bei io9.

Und es geht ja nicht nur um solch theoretische Fragen. Die aus Rom propagierte Moral ist oft unmenschlich. Dazu einige Überlegungen von Stephen Fry in folgendem Video:

Christine Korsgaard im Interview

Beim 3-AM-Magazine gibt es ein Interview mit der amerikanischen Kantexpertin Christine Korsgaard. Kant ist für sie ein naturalistischer Philosoph (der Meinung bin ich auch), für den alles entweder als Teil der natürlichen Welt erklärt werden kann oder aus der menschlichen Perspektive durch menschliche Bedürfnisse (wie z.B. “Tische” oder “Werte” oder “Vernunft”). “And it is right to think that the real source of all value in the world lies in people and animals”, so Korsgaard.

Sie pflichtet Kants Autonomiegedanken bei, klärt das seit Schiller bekannte Missverständnis auf, dass gute Taten, die mit Neigungen verbunden sind, für Kant angeblich moralisch wertlos seien (was bspw. auch schon Günter Patzig getan hat (“Der kategorische Imperativ in der Ethik-Diskussion der Gegenwart”)), und erläutert ihr Modell der konstitutionellen (statt kombativen) Funktion von Gefühl und Vernunft (“roughly speaking, passion proposes and reason disposes”).

Der Interviewer, Richard Marshall, macht seine Sache wie gewohnt gut. Er stellt die interessanten Fragen und kennt auch die roten Fäden einer Debatte oder eines Oeuvres. So fragt er Korsgaard, warum “Vernunft kein Despot ist”, worauf sie ihre Sicht von Identität erläutert und dass “wir uns mit unserer Vernunft identifizieren”. Das Interview greift zahlreiche weitere interessante Punkte auf, nicht zuletzt das Problem der Willensfreiheit, das ihr keine schlaflosen Nächte bereitet (“there is no point in saying …”)

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Adam Smith über den Egoismus

“Diese ganze Darstellung der menschlichen Natur jedoch, die alle Gefühle und Neigungen aus der Selbstbliebe ableitet und die so viel Lärm in der Welt erzeugt hat, jedoch, so weit ich weiß, bisher noch nie vollständig und im Detail erklärt worden ist, scheint mir aus einer verwirrten Fehlwahrnehmung des Systems der Sympathie herzurühren.” (Adam Smith, Theory of moral sentiments, Part VII, Section III, Chapter 1; meine Übersetzung)

War Hume ein Utilitarist?

Hume “concludes that we tend to feel a sentiment of approbation for actions or traits of character that are “useful or agreeable to ourselves or others.” This formula, which he repeats many times, has led some commentators to conclude that Hume is a utilitarian, but I think that is a mistake. Hume does not say that we ought to approve of what is useful or agreeable to ourselves or others. He simply observes that we do, and if someone [such as Kant, for example] were to argue that we ought not to base our moral approbation on these considerations, Hume would, I think, reply that in fact we do, and short of changing human nature, there is nothing we can do about altering our natural tendencies.”

(Robert Paul Wolff, The Philosophy of Hume – Part Thirteen, Sept. 14, 2011)

Richard David Precht auf WDR 5

Am 7.7.2011 wird Richard David Precht von 20:05 bis 21:00 Uhr auf WDR 5 zu hören sein. Ausgestrahlt wird sein Vortrag vom Kölner Literaturfestival lit.cologne. Es geht um das Thema seines Buches “Die, Kunst, kein Egoist zu sein”. Der Vortrag hat den Titel “Bonobos und die Kunst, Gutes zu tun”.
Prechts Buch gibt für philosophisch Interessierte einen sehr guten Überblick über aktuelle Diskussionen in der Philosophie und den dazugehörigen naturwissenschaftlichen Entwicklungen.

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Kurt Baier gestorben

Der Moralphilosoph Kurt Baier (1917 – 2010) emigrierte 1938 nach dem Einmarsch der Nazis in Österreich nach Großbritannien, wo er als “friendly enemy alien” interniert und dann nach Australien geschickt wurde (Biografie hier). Dort studierte er Philosophie. 1952 erhielt er seinen DPhil von der Oxford University. Später lehrte er an der Universität Pittsburgh. Er war verheiratet mit Annette Baier. Kurt Baier starb vor Kurzem in Neuseeland.

Sein 1958 veröffentlichtes Buch “The Moral Point of View” dürfte sein bekanntestes sein. 1995 veröffentlichte er “The Rational and the Moral Order: The Social Roots of Reason and Morality”, in dem er eine Begrüdnung für Moral lieferte, ohne auf prekäre Annahmen über Altruismus angewiesen zu sein. Er will zeigen, dass rationale Gründe für Moral existieren. Baier hat dazu beigetragen, den Fokus der Moralphilosophie nach der Phase der eher akademischen sprachphilosophischen Analysen wieder mehr auf konkrete moralische Fragestellungen zu lenken.
Nachrufe beim Standard und Brian Leiter.

Ekel und Menschlichkeit in der Politik – ein Interview mit Martha Nussbaum

Bei The Nation ist ein Interview mit Martha Nussbaum über ihr neues Buch “From Disgust to Humanity: Sexual Orientation and Constitutional Law” erschienen. Darin geht es darum, dass Aversionen gegen Fremdartiges nicht als moralische Rechtfertigung politischer Regelungen taugen.

I don’t think any emotion should be trusted on its own without being constantly in dialogue with moral principles. At every point, whether it’s anger or fear or any emotion–even compassion, which can, of course, lead you to favor your family against other people–you should always be asking, Is this consistent with the idea of a society of people who are free and equal?“.

Vor diesem Hintergrund seien Argumente gegen homosexuelle Ehen nicht haltbar, weil inkonsistent. “We don’t think that heterosexuals who are flaky, silly or awful, Britney Spears marrying on a whim and then divorcing almost immediately, we don’t think that that taints the institution of heterosexual marriage.“.

Nussbaum plädiert für eine Politik der Menschlichkeit, die auf der Fähigkeit beruht, andere Personen als uns ähnlich wahrzunehmen und sie zu respektieren. Unterschiedliche sexuelle Orientierungen rechtfertigen keine unterschiedliche Behandlung vor dem Gesetz. John Stuart Mill hat besonders sorgfältig die Frage gesellschaftlicher Regulierung privaten Verhaltens untersucht – daran möchte Nussbaum anknüpfen und hofft, dass seine Einsichten sich in diesen Fragen weiter verbreiten.

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