Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht?

Die derzeitigen öffentlichen Debatten über die Diagnose psychologischer Zustände und über Eingriffe in Persönlichkeitsrechte sind befremdlich. Wenn der öffentliche Diskurs sich zum Experten beispielsweise von Depressionen macht so ist das kein Fortschritt, da es – wie man ja täglich in dieser Debatte sieht – ganz erheblich an Differenzierungen fehlt.

Um das Problem undifferenzierter “Expertenmeinungen” anhand eines Apektes zu pointieren, könnte man beispielsweise auf andere “Risikoberufe” hinweisen, wo man ebenfalls kein kriminelles oder gefährliches psychopathologisches Verhalten erleben möchte – bei Ärzten, Lehrern, Busfahrern, Gemüsehändlern, Bäckern, Administratoren, Programmierern, Köchen, Erziehern, Dönerverkäufern, Polizisten usw. – will man da auch die ärztliche Schweigepflicht lockern?

Die Diagnose psychologischer Erkrankungen ist bei Medizinern wohl besser aufgehoben als bei Medien und Meinungsumfragen.
Und dass eine Änderung der ärztlichen Schweigepflicht die Sicherheit im Effekt beeinträchtigt, befürchtet u.a. Udo Vetter:

Bücher zur Geschichte der Medizin

Es gibt zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte der Medizin, die unterschiedliche Facetten beleuchten oder einen Überblick geben.

Hier eine Auswahl einiger interessanter Bücher zur Geschichte der Medizin:

Wolfgang Uwe Eckerts “Geschichte der Medizin. Fakten, Konzepte, Handlungen” ist mittlerweile in sechster, neu bearbeiteter Auflage bei Springer erschienen. Es gibt auf 370 Seiten einen Überblick von der europäischen Antike bis zum Ende des 20. Jahrhunderts und enthält auch historische Abbildungen. Außerdem werden Themen und Konflikte der Medizinethik dargestellt.

William Bynum ist einer der britischen Experten der Medizingeschichte. Zusammen mit Helen Bynum hat er einen prächtigen Band zur Medizingeschichte herausgegeben, der 70 wichtige Entdeckungen in Text und Bild darstellt: “Die großen Entdeckungen in der Medizin“. Die Abbildungen zeigen beispielsweise faszinierende Zeichnungen der Renaissance oder moderne Computergrafiken. Erschienen ist das Buch bei Dumont.

Bei Reclam ist von William Bynum die Einführung “Geschichte der Medizin” erschienen. Auf 240 Seiten werden zentrale Entwicklung der europäischen Medizin, von den Hippokratischen Schriften bis heute, dargestellt.

Karl-Heinz Leven hat bei Beck das erste Lexikon zur Antiken Medizin herausgegeben: “Antike Medizin: Ein Lexikon“. In über 1000 Artikeln schildern über 80 Fachleute Konzepte und Verfahren der antiken Medizin, ergänzt um Quellenangaben und Sekundärliteratur.

Eine kurze Einführung in die Geschichte der Medizin hat Leven bei Beck unter dem Titel “Geschichte der Medizin: Von der Antike bis zur Gegenwart” veröffentlicht. Auf 127 Seiten liegt der Schwerpunkt auf der Medizin der Antike , aber auch Fragen der Medizinethik werden angesprochen.

Eine Auswahl Hippokratischer Schriften hat Hans Diller bei Reclam vorgelegt. Die Textsammlung umfasst 350 Seiten und trägt den Titel “Hippokrates. Ausgewählte Schriften“.

Ausgewählte medizinische Texte der Griechen und Römer haben Jutta Kollesch und Diethard Nickel zusammengetragen und bei Reclam veröffentlicht. Die Sammlung “Antike Heilkunst: Ausgewählte Texte aus den medizinischen Schriften der Griechen und Römer” ist informativ, teils aber auch – von den Herausgebern beabsichtigt – amüsant.

Oldie but goldie – “… und die Behandlung von Krankheiten”

Man liest über einen neuen sozialen Roboter, ein aktuelles Resultat der Hirnforschung, die neueste Wunderkombination aus der Gentechnologie, eine sensationelle Maschinenprothese für Menschen – und das bedeutet, man liest mit ziemlicher Sicherheit auch, dass diese neuen Errungenschaften Anlass sind für vielversprechende Aussichten für die Behandlung von Krankheiten.

Der Neuroskeptiker berichtet von einer Episode der Wissenschaftsgeschichte: Der Neurowissenschaftler Angelo Mosso hat am Ende des 19. Jahrhunderts eine Apparatur zur Messung des Gewichts von Hirnaktivitäten entwickelt. Nette Geschichte, mit einem ironischen Nebenaspekt: eine französische Zeitung feierte 1908 Mossos Entwicklung enthusiastisch und glaubt, sie führe zu einer Verbesserung der Therapie von neurologischen und psychischen Erkrankungen.

“Die Behandlung von Krankheiten” ist der “amerikanische Wissenschaftler” der Wissenschafts-PR. Wenn Boulevardblätter berichten, “amerikanische Wissenschaftler” hätten festgestellt …, so verleiht das der Information die notwendige Autorität sowie eine herausgehobene Relevanz. Der Verweis auf die in Aussicht stehenden Therapiemöglichgkeiten erfüllt mediensoziologisch die gleiche Funktion.

Jalees Rehman hat im Guardian gerade einen Artikel veröffentlicht, in dem er dafür plädiert, dass Wissenschaftsjournalismus mehr sein sollte als bloßes Infotainment – er sollte ein kritischer Wissenschaftsjournalismus sein. Rehman schlägt einige Kriterien dafür vor.

Versagt die Bioethik?

Tom Koch schreibt in der Huffington Post, dass die Bioethik keine robuste Ethik sei, sondern sich der neoliberalen, postmodernen ökonomischen Betrachtungsweise von Gesundheit als Ware angedient habe. Deshalb habe Bioethik weniger mit Ethik oder Philosophie zu tun, sondern vielmehr mit Geld und Macht. Moralphilosophen von Platon bis Kant seien aber keine Cheerleader, sondern Kritiker.
Tom Kochs Abrechnung mit der Bioethik ist als Buch unter dem Titel “Thieves of Virtue: When Bioethics Stole Medicine” gerade bei MIT Press erschienen.

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