Moderne Märchenstunde: Wissen ins Gehirn hochladbar

Im Trailer zu Werner Herzogs Dokumentation “Lo and Behold” behauptet jemand, bald könne das Gehirn selbst Gedanken twittern. Das klingt beeindruckend. Wirklich beeindruckend ist aber, dass Behauptungen dieser Art geglaubt werden und keinen Widerspruch erfahren.

Der Neuroskeptic widmet sich nun einer aktuellen Meldung, derzufolge Wissenschaftler einen Mechanismus gefunden hätten, mit dem konkretes Wissen von trainierten Piloten direkt ins Gehirn von Flugschülern hochgeladen werden könne. Tatsächlich haben die in der Meldung zitierten Wissenschaftler nie etwas Derartiges behauptet. Und niemand hat bislang aus elektrischen Signalen des Gehirns Daten aufgezeichnet, die zum Beispiel dem Wissen eines Piloten entsprechen, oder solche Daten in ein Gehirn hochgeladen, geschweige denn dass man auch nur im Geringsten eine Vorstellung davon hat, wie das überhaupt im Prinzip möglich sein soll.

Update: Steven Novella kam Anfang März bei Science-based Medicine zu dem gleichen Schluss: schon beim Lesen der Überschrift der Meldung zum “Hochladen von Informationen ins Gehirn” sei klar gewesen, dass davon keine Rede sein könne.

Zweifelhafte Meldungen in Medien

Wer sich regelmäßig am Zeitungsstand oder bei Google News einen Überblick über die Meldungen verschafft, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich das Niveau nicht wesentlich von Internetmedien unterscheidet – es geht um Sensationen, Schlagzeilen, Empörungswellen. Darin unterscheiden sich Blätter mit vermeintlich “kleinen Buchstaben” nicht von solchen mit großen. In der NZZ kritisiert Walter Krämer den “groben Unfug”, den Medien und Zeitungsredaktionen mit Statistiken anstellen. Die “Unstatistik des Monats” kürt regelmäßig schlecht konstruierte Behauptungen, die uns in den Medien oder im Internet begegnen.

Post-Irgendwas … äh … -Internet-Art

Während Millionen von Menschen die Euphorie der Digitalisierung und sozialer Netzwerke gerade erst entdecken oder dies in den nächsten Jahren noch vor sich haben, sind Andere schon längst von Ermüdungserscheinungen geplagt – wie beispielsweise die Künstler der Post-Internet-Art, die zwischen alltäglicher Selbstverständlichkeit, gepflegter Langeweile und Kulturkritik durch den Datenstrom schippern, wie Kito Nedo in der ZEIT schreibt.

Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht?

Die derzeitigen öffentlichen Debatten über die Diagnose psychologischer Zustände und über Eingriffe in Persönlichkeitsrechte sind befremdlich. Wenn der öffentliche Diskurs sich zum Experten beispielsweise von Depressionen macht so ist das kein Fortschritt, da es – wie man ja täglich in dieser Debatte sieht – ganz erheblich an Differenzierungen fehlt.

Um das Problem undifferenzierter “Expertenmeinungen” anhand eines Apektes zu pointieren, könnte man beispielsweise auf andere “Risikoberufe” hinweisen, wo man ebenfalls kein kriminelles oder gefährliches psychopathologisches Verhalten erleben möchte – bei Ärzten, Lehrern, Busfahrern, Gemüsehändlern, Bäckern, Administratoren, Programmierern, Köchen, Erziehern, Dönerverkäufern, Polizisten usw. – will man da auch die ärztliche Schweigepflicht lockern?

Die Diagnose psychologischer Erkrankungen ist bei Medizinern wohl besser aufgehoben als bei Medien und Meinungsumfragen.
Und dass eine Änderung der ärztlichen Schweigepflicht die Sicherheit im Effekt beeinträchtigt, befürchtet u.a. Udo Vetter:

Spektakel – Super bowl XLIX

Zu den vornehmsten Aufgaben der Philosophie gehört eine kritische Einstellung zu Spektakeln aller Art, sind sie doch das Paradebeispiel für Verblendung, Illusion und geschickte Manipulation. Ob Sokrates, Seneca oder Bertrand Russell – kritische Philosophen haben ihre Skepsis gegenüber dem Spektakel beredt zum Ausdruck gebracht.

Doch ebenso ist es gängige Praxis selbst unter den kritischsten Köpfen, bei großen Sportereignissen wie Fußball, Basketball oder Olympia in den Unterhaltungsmodus zu wechseln und mit mehr oder weniger Enthusiasmus dem wirren Tun zu folgen. Natürlich unter der Voraussetzung gehöriger innerer Distanz und reflektierter Reife. Das versteht sich von selbst. Quasi.

Heute Abend nun findet der Super Bowl im Amerikanischen Football statt – eine Sportart, der kritische Intellektuelle auf dieser Seite des Teiches naturgemäß besonders viele Sympathien entgegenbringen.

Genauso wie Farmer Klingenberg aus Kansas:

Eine eigene, gleichwohl wirksame Form von innerer Distanz zu dem “stupid football game” pflegt Comedian Louis CK:

John Searle: “Elektronische Medien verarmen unsere Sinne”

Mit über 80 Jahren hat es John Searle nicht mehr nötig, aufgeregt den neuesten Moden das Wort zu reden. Und als einer der herausragenden Philosophen in der Philosophie des Geistes, der Sprache und des Sozialen hat er eine dezidierte Meinung zu den aktuellen Entwicklungen in Philosophie, Technologie und Gesellschaft.

In einem Interview im New Philosopher hält er denn auch nicht hinterm Berg. Von dem “Unsinn”, der gegenwärtig in der Philosophie veröffentlicht wird, hält er nichts. Insbesondere wenn er über die Theorie des “extended mind” (Chalmers u.a.) liest, könne er sich übergeben. Die “overexposure to electronic media” verarme unsere Sinne. Er will noch weitere Bücher über die Philosophie des Geistes veröffentlichen, und sich insbesondere mit den Klassikern “Kant, Descartes, Berkeley, Hume, Leibniz, Spinoza” auseinandersetzen. Kant sei der vermutlich größte Philosoph und eine Obsession, aber seiner Theorie von der Unerkennbarkeit des Dings an sich liege ein Fehler zugrunde.

Kürzlich hat Searle auf der TEDxCERN-Konferenz lebhaft die ganz unmodische Auffassung vertreten, dass Menschen ein Bewusstsein haben. Das Video dazu gibt es hier.

.

. .

Koreanische TV-Soaps statt Ökonomie

Nach (oder in) der Finanzkrise, hat sich Harvard-Ökonom Uwe Reinhardt gefragt, ob man statt Ökonomien nicht ebenso gut koreanische TV-Serien analysieren könne – und bietet gleich ein Seminar dazu an, wie Tyler Cowen berichtet.

Einem alten koreanischen Gesetz zufolge müsste übrigens koreanisches Kimchi von Generation zu Generation immer schlechter werden, sei aber heute immer noch besser als deutsches Sauerkraut, so Reinhardt.

P.S.: Einen ernsthaften Beitrag zur Philosophie hat der blinde Hund frisch gepostet – passenderweise geht es um eine philosophische Neuentwicklung aus Nordkorea.

Ganz Deutschland und die schlandkette

Nachdem es gerade eben auch die Tagesthemen vermeldeten, dass “die Deutschen” beziehungsweise “das Netz” nach dem gestrigen TV-Duell sich vornehmlich für die von Angela Merkel getragene Halskette interessieren, wie der eigens eingerichtete Twitteraccount zeige, habe ich noch mal nachgesehen: aktuell hat dieser Account 7.967 Follower, also etwas mehr, als der VfR Aalen in der Saison 2012/13 durchschnittlich Zuschauer im Stadion hatte. Erzgebirge Aue und SC Paderborn liegen aber noch klar vor @schlandkette.
1
Es mag durchaus sein, dass in Kürze Millionen Follower zusammenkommen. Im Moment liegen die Zahlen aber noch um Haaresbreite daneben.