Carrier über Werte und Objektivität in den Wissenschaften

Anfang der Woche habe ich kurz Martin Carriers “Einführung zur Wissenschaftstheorie” vorgestellt. Das letzte Kapitel dieses Einführungsbuches ist eine Darstellung der aktuellen Diskussionslage über Werte, Wertfreiheit und Objektivität in den Wissenschaften. Diese Diskussion ist ja schon lange Bestandteil des Nachdenkens über wissenschaftliches Arbeiten. Martin Carrier ist zusammen mit Gerhard Schurz Herausgeber einer 2013 bei Suhrkamp erschienenen Aufsatzsammlung “Werte in den Wissenschaften”. Darin werden historische Schlüsseltexte der Werturteilsdebatte (von Max Weber über Jürgen Habermas bis zu Carl G. Hempel) ebenso präsentiert wie aktuelle Aufsätze zu diesem Thema (z.B. von Noretta Koertge, John Dupré oder Gerhard Schurz). Carrier ist mit einem Beitrag zum Thema “Wissenschaft im Griff der Wirtschaft” vertreten.

In der Information Philosophie 4/2013 hat Carrier einen kurzen Aufsatz veröffentlicht, in dem er diskutiert, welche – positive und negative – Bedeutung Werte für die Objektivität haben. Der Aufsatz ist dort online abrufbar: “Werte und Objektivität in der Wissenschaft“.

. .

“Wissenschaftstheorie zur Einführung” von Martin Carrier

In manchen Diskussionen kann man aufgrund der vorgebrachten methodologischen Einwände (zuverlässig funktionierende Stichworte sind bspw. Empirismus, Naturalismus, Reduktionismus usw.) den Eindruck gewinnen, dass die Wissenschaftstheorie mit dem Positivismusstreit oder mit Kuhn an ihr Ende gelangt sei. Dem ist natürlich nicht so. Allerdings war die Diskussionslage schon in den 1960ern und 70ern fasst nur noch für Spezialisten übersichtlich. Und in den letzten Jahrzehnten hat die Spezialisierung in allen Bereichen noch einmal erheblich zugenommen – auch in der Wissenschaftstheorie. Da sind gute Einführungsbücher natürlich willkommen.

“Wissenschaftstheorie zur Einführung” von Martin Carrier liegt mittlerweile (seit 2011) in der 3. erweiterten Auflage vor. Carrier, Wissenschaftsphilosoph und Leibnizpreis-Träger (2008) gibt einen didaktisch gut konzipierten, aber auch durchaus anspruchsvollen Überblick über die Entwicklung wissenschaftstheoretischer Positionen von Bacon bis ins 21. Jahrhundert. Dabei werden die zentralen Elemente einer Position so beschrieben, dass deutlich wird, welche Leistung man sich von den jeweiligen Annahmen erhoffte, und welche tatsächlich erreichbar sind. Die wichtigsten Konzepte und Forderungen werden im Gang der Darstellung einander gegenübergestellt (z.B. Induktivismus, Deduktivismus, Verifikation, Falsifikation, Theoriebeladenheit, Unterbestimmtheit, Bestätigungstheorie, Werte und Wertfreiheit). Gut ist auch die Darstellung neuerer Themen der Wissenschaftstheorie. Die Sozialwissenschaften werden nicht methodologisch gesondert behandelt. Der Streit über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Sozial- und Naturwissenschaften hat ja ein Spektrum von Positionen hervorgebracht, auf deren Darstellung offenbar zugunsten der Konzentration auf die Grundprobleme der Hypothesenbeurteilung verzichtet wurde. Eine Lektüre fachspezifischer Methodologien sollte die Leserin, sofern Bedarf besteht, ergänzen.

Carrier setzt offenbar eine Leserin voraus, die nicht eine autoritativ vertretene Position erwartet, sondern die selbst Vorzüge und Probleme von Hypothesen und Regeln abwägen will. Dazu enthält das Buch eine Vielzahl von Beispielen, die – wie im Kapitel über Werte und Wissenschaft – nicht immer abschließend bewertet werden, sondern offenbar so gewählt wurden, dass weder Kontroversen noch die Schwierigkeiten einer konsistenten Bewertung verdeckt werden. Daher ist das Buch gut für Einführungsseminare geeignet, in denen den Studierenden eigenständiges Denken auf anspruchsvollem Niveau vermittelt werden soll.

. .