Wissenschaftliche Weltauffassung und Ethik – Der Wiener Kreis

Anne Siegetsleitner, Professorin für Praktische Philosophie an der Universität Innsbruck, hat die Positionen der Mitglieder des Wiener Kreises zu Fragen der Ethik untersucht. Sie hält es für überfällig, die verengte Sicht auf eine vermeintliche Distanz der logischen Empiristen zur Ethik zu korrigieren und schildert dazu die Standardauffassung des Wiener Kreise und ihre Rezeption in unterschiedlichen Denkrichtungen sowie die spezifischen Auffassungen und Beiträge von Rudolf Carnap, Karl Menger, Otto Neurath, Moritz Schlick und anderen Wienern. Das Buch “Ethik und Moral im Wiener Kreis. Zur Geschichte eines engagierten Humanismus” ist 2014 im Böhlau-Verlag erschienen, aber auch als PDF unter einer Creative-Commons-Lizenz erhältlich.

Texte des Wiener Kreises

Moritz Schlick hatte 1904 bei Max Planck über klassische Strahlenoptik promoviert. Die philosophischen Grundlagen und Konsequenzen der Naturwissenschaften waren in seiner akademischen Tätigkeit eines seiner Hauptarbeitsgebiete. Seit 1915 pflegte er einen regen Briefwechsel mit Albert Einstein, der öfter bei Schlick in Rostock Station machte. Nachdem Schlick an die Universität Wien gekommen war, begründete er den Wiener Kreis, dem Rudolf Carnap, Otto Neurath, Herbert Feigl, Victor Kraft und andere angehörten. In diesem Kreis gab es intensive Diskussionen über die Prinzipien einer wissenschaftlichen Weltauffassung, die entscheidend zur Herausbildung der Analytischen Philosophie und der Wissenschaftstheorie im 20. Jahrhundert beitragen sollten.

Bei Reclam ist 2013 eine Sammlung einiger zentraler Texte des Wiener Kreises erschienen: “Der Wiener Kreis: Ausgewählte Texte” – darin das Gründungsmanifest, Aufsätze zur Protokollsatzdebatte und zur wissenschaftlichen Erkenntnis allgemein oder auch die frühe Auseinandersetzung mit Poppers Falsifikationismus. Die Texte stammen von Schlick, Carnap und Neurath und der Vollständigkeit halber wurde im Anhang auch ein Text von Popper abgedruckt.

Eine umfangreichere Textsammlung (mit 803 Seiten) ist 2009 unter dem Titel “Wiener Kreis: Texte zur wissenschaftlichen Weltauffassung” bei Meiner erschienen.

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Der junge Carnap

Es ist gelegentlich eine interessante Beschäftigung, obskuren Ideen nachzugehen, teils weil sich so gewöhnliche Prokrastination als seriöse Beschäftigung kaschieren lässt, teils weil man dadurch auf interessante Details stößt, die das unvollständige Wissen, das man besitzt, wiederbeleben und so vielleicht Anlass geben, zu fruchtbareren Erkenntissen zu gelangen. Ein solches mir bislang unbekanntes Detail ist mir in der letzten Zeit beim “Fußnotenvergleich” und durch andere Zufälle vor die Füße gefallen:

Rudolf Carnap, der in Jena studierte und dort unter anderem Gottlob Frege gehört hatte, war Mitglied des Serakreises in Jena – einer freistudentischen Gruppierung, und der reformierten Akademischen Vereinigung Jena. Diese Vereinigung war Mitausrichter des Ersten Freideutschen Jugendtages auf dem Hohen Meißner im Oktober 1913, an dem auch Carnap teilnahm. Dort wurde er “Leiter des Druckamtes” (siehe z.B. H.-J. Dahms: Die Emigration des Wiener Kreises, in: Friedrich Stadler (Hg.), Vertriebene Vernunft I, S. 70).
Andere Teilnehmer dieses Jugendtages waren unter anderem Paul Natorp und Walter Benjamin (laut Wikipedia-Eintrag, in dem Carnap allerdings nicht erwähnt wird). Ungefähr 2000 bis 3000 Teilnehmer sollen dieses Treffen an einem Wochenende besucht haben, und so besteht immerhin eine kleine Wahrscheinlichkeit, dass Carnap und Benjamin sich bei dieser Gelegenheit begegnet sind.

Ein anderes Detail aus Carnaps früher Jugend erwähnt heute der Blinde Hund: Ein Mini-Drama des 12-jährigen Rudolf Carnap über den römischen Feldherrn Scipio Africanus hat das Carnap-Archiv der Universität Pittsburgh ins Netz gestellt. Eine Inhaltsangabe findet man beim Blinden Hund.

Freier Zugang zu “Erkenntis”

Die Zeitschrift “Erkenntnis” ist eine renommierte Fachpublikation, die man wohl am ehesten mit der analytischen Philosophie in Verbindung bringt. Die Zeitschrift hat eine bewegte Geschichte. Unter anderem musste sie 1939 ihr Erscheinen einstellen und wurde 1975 wieder ins Leben gerufen. Maßgabe für Beiträge war, wie Carl Gustav Hempel schrieb, “adherence to high standards of clarity of statement and cogency of reasoning”.
Alle Beiträge in “Erkenntnis” sind bis zum 31.12.2011 frei erhältlich.