Die Segnungen des Internetdiskurses

Was manche Fußball nennen, nennen andere Soccer, wobei letztere durchaus nicht unrecht haben – denn Soccer war in London, Oxford und Cambridge in den 1870er Jahren die gebräuchliche und plausible Bezeichnung für Fußball im Gegensatz zu Rugger (Rugby). Nun sind Worte ein ausgezeichneter und würdiger Anlass für Streit und Beleidigungen – wofür die sozialen Netzwerke und Kommentare im Internet schließlich geschaffen wurden. Als paradigmatisches Beispiel mag mustergültig und vorbildlich (noch mehr Doppelungen krieg ich nicht unter) diese Rekonstruktion eines Internetdiskurses über die historisch-philologisch korrekte Bezeichnung für Fußball / Soccer dienen:

Alltägliches Trolling und Mobbing

Trolling und Mobbing sind alltäglicher Bestandteil unserer Interneterfahrung. Abgesehen davon, dass auf diese Weise die Skrupellosen die Kultur immer mehr prägen, gibt es täglich zahllose Opfer dieser Verhaltensweise. Lindy West, die 2013 den Women’s Media Center Social Media Award erhalten hat, schreibt im Guardian darüber, wie sie damit umgeht, täglich digital schickaniert zu werden und wie es ihr in einem Fall gelungen ist, mit einem ihrer Trolle ins Gespräch zu kommen.

Nun hat nicht jeder die Nerven, so aktiv mit den täglichen Verfolgern umzugehen, wie sie. Und das Spektrum an Vorfällen und Betroffenen ist sehr vielschichtig. Ich habe in den letzten Jahren einen täglichen Troll, dem es nicht genügt, seine Meinung ins Internet zu schreiben wie alle anderen auch, sondern der – trolltypisch – von seiner Mission besessen ist, dass er unbedingt gehört werden muss. (Wie alle Ratgeber empfehlen, habe ich die Kommunikation längst eingestellt und auch hier die Kommentare schon lange geschlossen, aber es gehört nicht viel Witz dazu, soziale Plattformen wie Twitter oder Facebook für Trollzwecke zu nutzen.) Warum er sich dazu ein Blog mit kaum 40 oder 50 Lesern aussucht (von denen die meisten über eine zufällige Googlesuche aus den verschiedensten Winkeln der Welt hier landen), wenn er doch die wahre Wahrheit zu verkünden hat, ist mir schleierhaft, aber dies ist eben ein Beispiel für die Vielschichtigkeit des Trollproblems, das nicht durch ein, zwei Stereotypen zu erfassen ist.

Der Guardian hat eine ganze Reihe über Cyberbullying. Und Bullying / Trolling / Mobbing werden sicher auch hierzulande immer mehr in den Mittelpunkt rücken, wenn wir über unsere Kommunikation im Internet nachdenken.

Trollfabrik: 135 Kommentare pro Schicht

Radio Free Europe / Radio Liberty hat ein Interview über eine Trollfabrik. Es geht um irgendein politisches Thema mit Blick auf irgendein bestimmtes Land. Auch der Guardian berichtet über zwei spezialisierte und bezahlte Trolle aus einem größeren organisierten Trollnetzwerk.

Dass im Internet systematisch getrollt wird ist seit langem bekannt, und man darf annehmen, dass die Knaller dieser Welt ihre Bemühungen im Medium der freien Kommunikation weiter massiv ausweiten werden. Das Internet ist für den Troll das Schlaraffenland.

Das sollten Leute, die noch zivilisiert kommunizieren können und die Qualität von Information schätzen, immer in Rechnung stellen.

Intelligenztest Nettigkeit und Mitgefühl: Love is louder

Es ist wichtig, dass die Menschen ermutigt und aufgebaut werden, die sich durch aggressive, offensive, übergriffige, demütigende Äußerungen von respektlosen Trollen, Rechthabern, Wichtigtuern, und Besserwissern eingeschüchtert fühlen. Arroganz ist das Gegenteil von Intelligenz.

In den USA gibt es im Profisport gerade mehrere Projekte, die die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen wollen, dass aggressives Kommunikationsverhalten nicht akzeptabel ist. Prominent ist diesbezüglich schon seit einiger Zeit die Aktion “Boston vs Bullies”.

Vor einigen Tagen haben sich Spieler der MLS-Fußballmannschaft Chicago Fire mit einer Aktion für “Love is louder” auf Twitter und YouTube beteiligt.

Auch die Fans zeigten am Wochenende während eines regulären Ligaspiels ihre Unterstützung für die Aktion:

“Love is louder” geht auf die Initiative eines Elternpaares zurück, das seinen Sohn durch Suizid verloren hat. “Love is louder” ist ein “movement of people here to say that love is louder than any voice that causes us pain or brings us down.

Auch wenn Manche gerne das Gegenteil behaupten – nett zu sein ist definitiv intelligent. Wie erbärmlich ist es dagegen, absichtsvoll eigenes und fremdes Unglück herbei zu führen:

Marshall McLuhan über das globale Dorf

Marshall McLuhan hat schon in den 1960ern behauptet, dass die Welt mit den elektronischen Medien zum globalen Dorf wird, und viele kommunikationssoziologischen Implikationen daraus benannt. Bei seinen Erläuterungen in dem folgenden Video habe ich aber auch den Eindruck, dass er einige Seifenblasen produziert, mit denen wir uns auch in der Internetdebatte herumschlagen.

[via Open Culture]