Wir sind Experten genug

Es muss endlich Schluss sein mit der expertokratischen Pseudodebatte* um die Nutzung der Kernenergie. Die Arroganz der Ingenieure baut damit einen Schutzwall auf, der suggerieren soll, dass Menschen ohne Diplom in Reaktortechnik zu einer ethischen Beurteilung nicht befugt sind. Kein Mensch braucht noch mehr Wissen über kerntechnische Anlagen, Kernphysik und Strahlenmedizin. Die ethische Beurteilung der Kernenergie kann längst vorgenommen werden, denn die prinzipiellen Eigenschaften des manipulierten Materials und seine biologischen Auswirkungen sind jedem Schulkind bekannt.

Dass die Betreiberfirma von Fukushima Mitarbeiter vom havarierten Reaktor abgezogen hat – wegen der Gefahren für die Mitarbeiter – und der japanische Premierminister Kan dies nicht hinnehmen möchte – wegen der Gefahren für die japanische Bevölkerung – ist eine Nachricht, deren Hintergrund jeder Mensch intellektuell versteht:

Kan … reportedly warned Tepco of serious consequences should it decide to pull its workers out before the plant has been made safe. ‘In the event of a withdrawal, I’m 100% certain that the company will collapse,’ he said. ‘You must be determined to solve this.’” (Quelle: Guardian)

Aber vielleicht möchte ja Josef Oehmen, der nach eigener Aussage in einem einzigen Text mehr Sachverstand zusammenbringt “als alle Journalisten der Welt zusammen”, in Fukushima aushelfen?
(Der Text von Oehmen ging mit viel Zustimmung durchs Internet, mittlerweile ist er auf der ursprünglichen Seite gar nicht mehr und an anderen Stellen nur noch in veränderter Form zu finden. Ich habe mich im Update zu diesem Posting schon dazu geäußert.)

(Mehr zur dringend erforderlichen Rationalität in der Debatte in den Kommentaren)

*: hier stand zuvor ein Wortdreher, so ist es nun richtig.

Restrisiko

Simulationen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen zur Bestimmung des Restrisikos sind zur ethischen Beurteilung der Kernenergie irrelevant, weil die Eigenschaften des manipulierten Materials solch eine außerordentliche Sorgfalt verlangen, dass alle bislang vorgelegten technokratischen Restrisiko-Annahmen, die zur Rechtfertigung der Kernenergie dienen, nicht mehr als Illusion und psychologische Sedativa sind. Es gilt aber, nüchtern und rational zu bleiben.

Um ein beliebtes Beispiel zu nehmen: die Anzahl von Störfällen kritischer als INES 4 (also mindestens 5) im Verhältnis zur Zahl aller existierenden AKWs.
Setzen wir die Zahl der existierenden AKWs extrem freundlich auf 1000 Stück (aktuell sind es 443), und die Zahl der realen Störfälle mit mindestens INES 5 auf ebenso freundliche 3 Stück (bspw. Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima (die INES-Einstufung ist zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Postings noch auf 4; Leserinnen, die dies später lesen, werden sich davon überzeugen können, dass der Störfall höhergestuft wurde)).
3 Störfälle mit INES 5 und größer bei 1000 Anlagen. Reicht das für einen ruhigen Schlaf?

Stellen sie sich vor, sie haben 1000 Mitarbeiter, und nur drei davon sind intensive Industriespione. In ihrem Dorf leben 1000 Menschen, und nur 3 davon sind aktive Terroristen. Sie besitzen 1000 Häuser, drei davon stürzen ein. Sie kochen 1000 Erbsen, drei davon enthalten Zyankali.
Die Vergleiche hinken natürlich. Radioaktivität ist – nüchtern und rational betrachtet – um ein Vielfaches konsequenzenbehafteter.

Disclaimer: Diese Argumentation, ob richtig oder falsch, könnte den Anschein erwecken, dass nur ausgewiesene Experten zu einer ethischen Beurteilung der Kernenergie in der Lage sind. Dies ist entschieden nicht der Fall. Jedes Schulkind kann Radioaktivität und damit Kernenergie ethisch angemessen bewerten.

Die technologische Naivität der Ingenieure

Trial and error in der Technologie sind gang und gäbe. Bei einem Auto oder einem Gebäude ist ein Unfall tragisch, hat aber klar begrenzte Folgen, die schnell überschaubar sind. Der Unfallprozess als solcher ist von kurzer Dauer und danach abgeschlossen. Dies ist bei einem GAU nicht der Fall – der provisorische Betonsarkopharg in Tschernobyl ist Zeichen einer katastrophalen, nicht mehr beherrschbaren Situation. Die tödlichen, strahlenemittierenden Prozesse laufen über lange Zeiträume weiter.

In Fukushima ist ein Fall eingetreten, der nach Expertise der Ingenieure kaum wahrscheinlich und außerdem gut beherrschbar ist (s.u.).

In Folge eines Erdbebens verloren offenbar mehrere der dortigen Reaktorblöcke die Stromversorgung von außerhalb. Allerdings konnten auch die internen Systeme zur Notstromversorgung keine oder nicht genügend Energie zum Betrieb der Ventile und Pumpen des Kühlsystems der Reaktoren liefern. Dieses Havarie-Szenario wird “station blackout” genannt. Ein glücklich verlaufener Vorläufer dieses Unfalltyps trug sich 1975 im Kernkraftwerk Greifswald (DDR) zu.

Wie Scientific American berichtet, halten Experten die Eintrittswahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios für schwer kalkulierbar, zumal wenn es sich um nur eine Ursache handelt, die sowohl die externe als auch die interne Energieversorgung der Pumpen stört.

Die Realität hat nun gezeigt, wie eine solche Ursache beschaffen sein kann und wie wahrscheinlich es ist, dass sie eintritt. Der von nukleartechnischem und wahrscheinlichkeitskalkulatorischem Wissen unbefleckte Laie kann sich zudem leicht weitere Konstellationen ausmalen, in denen zwei Dinge wie diese mal kaputt gehen können. Ist das naiv?

Ganz seriös dagegen berichtet (PDF, S. 59 ff) die Reaktor-Sicherheitskommission am 16. März 1988 zum Notfallschutz am Beispiel des Kernkraftwerkes Krümmel:

“Im Fall des Ausfalls der Eigenbedarfsversorgung und aller Notstromdiesel (Station blackout) stehen mindestens 5 h zur Verfügung, um ausgefallene Systeme wieder verfügbar zu machen oder zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen. Bis zu diesem Zeitpunkt ist der Reaktorkern ausreichend gekühlt. Eine Auswertung der Zuverlässigkeit der Netzversorgung, die vor der RSK vorgenommen wurde, hat ergeben, daß nach einem großflächigen Ausfall der Netzversorgung innerhalb von ca. 2 Staunden die Versorgung der Kernkraftwerke aus dem Netz wiederhergestellt werden kann.”

Während man sozusagen live mitverfolgt, wie sich in den letzten Tagen die Dinge in Fukushima entwickeln, demontiert sich zugleich der Optimismus solcher Experteneinschätzungen als waghalsige Naivität.

Wem es an Phantasie fehlt, um die Auswirkungen der Kernenergie für die belebte Natur realistisch einzuschätzen, hat in der Geschichte der Störfälle dieser Technologie bedrückendes Anschauungsmaterial.
An der Gefährlichkeit der manipulierten Materie ist technologisch prinzipiell nichts zu ändern. Der Einsatz dieser Technik ist naiv und gefährlich. Da er nicht im lokal umgrenzten Sandkasten stattfindet, ist die illusionäre Seriösität, die uns die Kommissionen der Technokraten vermitteln sollen, unverzeihlich.


Update: Bodenseepeter hat sich dankenswerterweise die Mühe gemacht, diese Übersetzung eines Blogposts zu den technischen Details des Unfalls anzufertigen (aus einem Blog, das merkwürdigerweise nichts anderes als dieses eine Posting enthält, in dem zudem den “unermüdlichen Leuten bei WNN” besonders gedankt wird). Frappierend ist jedoch an diesem Text, dass hier wieder das übliche Argument der Ahnungslosigkeit der Gegenseite bemüht wird, um einen Standpunkt der praktischen Bewertung – hier also in der Technikethik der Kernkraft – zu diskreditieren. In den Reihen sowohl der Befürworter als auch der Gegner wird jedoch der Anteil der im technischen Detail Ahnungslosen zweifellos gleichermaßen enorm sein. Und dass bei Kritikern – und selbst bei den vielgescholtenen Journalisten – kein Sachverstand zu finden ist, ist eine Behauptung, die ihrerseits den Tatbestand der Ahnungslosigkeit erfüllt, dem mit einem geringen Aufwand an Internetrecherche abzuhelfen ist.

Darüberhinaus ist der Text auf unfreiwillige Weise ein Beleg für die Monstrosität der in Frage stehenden Tatsachen und Abläufe. Jeder sollte genau dies auf möglichst nüchterne, rationale Weise selbst beurteilen.


Update 2: Auch der “ahnungslose” Scienceticker maßt sich unbefugterweise eine Meinung zur Kerntechnik an (Ironie aus): “Solange wir Atomenergie nutzen, gehen wir Risiken ein, die im Falle eines technischen Versagens lebensgefährlich sind.
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