Verursachen radikale pädagogische Reformen die schwedische Schulmisere?

Das schwedische Schulsystem ist in den PISA-Studien in den letzten Jahren dramatisch abgerutscht. Was ist der Grund? Privatschulen und freie Schulwahl werden oft als Verursacher genannt.

Tino Sanandaji hat in der konservativen National Review eine andere Meinung: “Sweden Has an Education Crisis, But It Wasn’t Caused by School Choice“. Die radikalen pädagogischen Reformen weg vom klassischen Unterricht hätten ungünstige Auswirkungen (siehe unteres Drittel des Artikels). Das “Rousseauian experiment in pedagogic method” habe zu einem Kollaps der Disziplin und der nicht-kognitiven Fähigkeiten der Schüler geführt, der auch von der PISA-Studie angesprochen wird. Auch die Lerndaten wie beispielsweise das Lerntempo zeigten einen massiven Rückgang.

Zwar gibt es in Schweden viele frei wählbare private Schulen, diese seien in der Pädagogik aber an die staatlichen Vorgaben gebunden. Daher gäbe es gerade keinen freien Markt in der Pädagogik, an dem man ablesen könne, welche Pädagogik bessere und welche schlechtere Ergebnisse zeitige.

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In Deutschland plädieren gerade zwei Philosophen für eine Reform des Schulwesens: Julian Nida-Rümelin und Richard David Precht haben je einen eigenen Vorschlag in Buchform vorgelegt, die Bildung in Deutschland zu reformieren.

Nida-Rümelin im taz-Interview

In der taz gibt Julian Nida-Rümelin ein längeres Interview. Vorrangig geht es um Verantwortung in politischen Institutionen – aus Anlass der Geschichte mit Thomas de Maizière und dem gescheiterten Drohnenprojekt. Dabei gehe es auch um die Verantwortung des Tötens durch technische Systeme. Auch über das Rücktrittstheater im Allgemeinen und die Rolle der Medien wird gesprochen. Und schließlich kommt noch kurz das Thema Willensfreiheit zur Sprache.

Update: Das Interview steht jetzt auch als PDF auf der Homepage von Julian Nida-Rümelin.

Monetarisierung von Universitäten – US-Style

Bei Time – Ideas beklagt Paul Campos die Folgen der ausufernden Ökonomisierung der Universitäten in den USA, insbesondere die damit verbundene Megalomanie der akademischen Administration, die immer größer und immer teurer werde. Auch den Evaluationszirkus hält er für überzogen. Das was Investmentbanker den “Markt” nennen, präge immer mehr jeden Aspekt der amerikanischen Kultur. Dem hält Campos entgegen: “Universities are not businesses”.

Jon Cogburn, bei dem ich den Hinweis auf den Artikel gefunden habe, fühlt sich bei diesem Thema an den Zwang erinnert, seinen Enthusiasmus durch Mitsingen der Gemeindelieder zu bezeugen.

Dazu passend, wenn auch aus einem anderen Zusammenhang, ein Interview mit Julian Nida-Rümelin über die Zukunft der Philosophie (und Geisteswissenschaften) bei Tabula Rasa.

Texte zur Philosophie der Bildung – Rezension von „Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …“

Hans-Ulrich Lessing und Volker Steenblock haben im Verlag Karl Alber eine Sammlung klassischer Texte zur Philosophie der Bildung mit dem Titel „Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …“ (Link zur Verlagsseite) herausgebracht. Die Textsammlung ist aus Lehrveranstaltungen an der Ruhr-Universität Bochum hervorgegangen und liegt 2013 bereits in 2. Auflage vor. Sie enthält Auszüge aus klassischen Bildungstexten von Platon über Pico und Comenius, Schiller, Humboldt und Herder bis zu Adorno, Gadamer und Bieri.

Den Schwerpunkt haben die Herausgeber auf das Bildungsideal der Deutschen Klassik gelegt, weil sie diese Tradition für besonders relevant halten, insbesondere in Auseinandersetzung mit der heutigen Situation in der Bildungspolitik, die von Ökonomisierungsgesichtspunkten gerade auch in der Definition der Aufgabe von Bildung geprägt ist. (Dazu haben sich in jüngster Zeit auch Philosophen wie Martha Nussbaum, Julian Nida-Rümelin oder Reinhard Brandt geäußert.) In der Tat sind demgegenüber solche Bildungskonzeptionen ein notwendiger und höchstaktueller Beitrag zur Verständigung über Bildungsaufgaben, die a) die Ausbildung der individuellen Persönlichkeit zur Bewältigung einer komplexen Zivilisation und b) die kulturellen Grundlagen einer demokratischen und kritischen Zivilgesellschaft in den Blick nehmen.

Die Auswahl dieser Klassiker ist also durchaus aktuell. Vollständigkeit würde den Rahmen jeder handlichen Textsammlung sprengen – auch wenn hier beispielsweise Beiträge von Mill, Dewey, Russell, oder Martha Nussbaum das Spektrum gut ergänzen würden. So haben Lessing und Steenblock einen handhabbaren Textband mit einem klaren Fokus und einer fundierten Auswahl vorgelegt.

An der zentralen Bedeutung von Schiller und Humboldt für die Bildungsphilosophie besteht kein Zweifel, zumal sie auch in der angelsächsischen Philosophie zu diesem Thema ihre Spuren hinterlassen haben (Humboldt z.B. in Mills „On Liberty“, Schiller bspw. über Moritz Schlick, einem der Begründer der Analytischen Philosophie).

Ein für mich noch blinder Fleck war die Auffassung Droysens, der eine auch heute noch informative Theorie der historisch geprägten individuellen Entwicklung der Persönlichkeit vorträgt, die er aber mit einer nicht ganz unproblematischen, an Hegel angelehnten Geschichtsphilosophie verbindet. Ein weltgeschichtlicher Bildungsbegriff läuft Gefahr, Imperative des “Systems” oder des “Ganzen” – und dazu gehören eben auch die heutigen angeblichen „Sachzwänge“ – über das Individuum zu stellen. Es ist ja nicht a priori ausgemacht, wer befugt ist, die relevanten Imperative oder Sachzwänge auf die Agenda zu heben und andere dafür zu streichen, und zudem – so stellt Droysen gleich zu Beginn des ausgewählten Textes fest, darf das Individuum nicht „Opfer der Mittel“ werden.

Dazu passt dann gut Nietzsches Klage – wenn auch auf das wilhelminische Gymnasium bezogen – über das uninspirierte Pauken der Klassiker sowie von Mathematik und Naturwissenschaften. Es gehe eben nur um eine “Abrichtung”, um das hastige “Fertig”-werden für den Beruf und den Staat – was Nietzsche “unanständig” findet, weshalb er an den Schulen und Universitäten auch nur “gelehrte Rüpel” als Lehrer ausmacht – von Ausnahmen abgesehen. Was ihm demgegenüber fehlt, das ist mit und in den Bildungsinhalten auch zu leben, sie als ein Vermögen zu erwerben, so dass man von einem “wirklichen Können” sprechen kann.

Dass diese Mängel nicht geringer geworden sind, und wie relevant das heute schon kaum noch vernehmbare Bewusstsein der Notwendigkeit von auf die Person bezogener, also humanistischer Bildung ist, stellen zum Schluss der Sammlung Texte von Adorno, Jörg Ruhloff und Peter Bieri dar.

Die Textsammlung “Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …” ist als Übersicht klassischer Positionen zur Bildungsphilosophie, für Einführungsseminare und zum Nachschlagen einiger der zentralen Textstellen von Platon, Schiller, Humboldt oder Bieri sehr gut geeignet. Eine Literaturliste enthält weitere Hinweise zur Lektüre – so z.B. auf den Sammelband von Cahn, “Philosophy of Education”, der klassische Texte aus angloamerikanischer Perspektive enthält.

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Die Libet-Experimente und Willensfreiheit

Julian Nida-Rümelin hat auf seiner Webseite den Text eines Vortrags mit dem Titel “Libet and Liberty” veröffentlicht. Darin beschreibt er die Experimente und die Interpretationen, die sie als Beleg gegen Willensfreiheit anführen. Er zeigt, dass diese Interpretation auf logischen Fehlern beruht und dass sie nicht in Einklang steht mit anderen neurowissenschaftlichen Studien. Und schließlich ist er der Auffassung, dass das Libet-Experiment gar nicht das Problem der Willensfreiheit modelliert: “What Libet’s results could show at most is that in cases of indifference there are unconscious brain processes that cause our behaviour. But that is no argument against the existence of free will – and as we have seen, even this argument fails.

Die Kümmerform von Bildung heute

Bei den Philosophischen Schnipseln gibt es einen interessanten Beitrag zum Bildungs(un)wesen in Deutschland heute mit einem Video, in dem Julian Nida-Rümelin sich dafür ausspricht, wieder an das humanistische Bildungsideal anzuknüpfen, in dem Menschen befähigt werden, eigene Urteile zu entwickeln und die ganze Persönlichkeit zu entfalten.

Wird die Hirnforschung Psychologie und Philosophie überflüssig machen?

In Amsterdam findet vom 1. bis 3. April 2011 die Konferenz “Imaging the mind” statt. Sie soll, so Stephan Schleim, einer der Organisatoren, den aktuellen Stand der Hirnforschung ermitteln und einen Ausblick auf die Entwicklung von Psychologie, Philosophie und Hirnforschung werfen.
Die bildgebende Hirnforschung hat manche in dem Optimismus bestärkt, die letzten Fragen des menschlichen Bewusstseins klären zu können – und eventuell sogar Psychologie und Philosophie überflüssig zu machen. “Doch es häufen sich auch kritische Stimmen, welche die Erklärungskraft dieser Methoden für das Verständnis des menschlichen Geistes infrage stellen”, wie Stephan Schleim in seinem Blogeintrag berichtet.

Starke Zweifel haben beispielsweise Philosophen wie Julian-Nida Rümelin oder Ansgar Beckermann in ihren Büchern formuliert. (Links zu Amazon)

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