AC Grayling im Gespräch mit Michael Sandel

Vor wenigen Tagen äußerte sich Michael Sandel in einem öffentlichen Gespräch mit AC Grayling zum Offenen Brief des Philosophy Department der San Jose State University. Das Department hatte verlautbart, dass es ablehnt, den von der Bildungsplattform edX vertriebenen Videokurs (MOOC) mit Michael Sandel zum Thema Justice im Curriculum einzusetzen, weil dadurch die Lehre beeinträchtigt und Arbeitsplätze gefährdet würden (Näheres dazu hier).

Dazu sagte Sandel nun, ein Online-Kurs könne den direkten Austausch in der akademischen Lehre nicht ersetzen. Er hoffe, dass selbst finanzschwache Institutionen nicht annehmen würden, dies sei gleichwohl der Fall.

Dies war jedoch nur ein Randthema in dem interessanten und aufschlussreichen Gespräch mit Grayling, das vom Prospect Magazine veranstaltet wurde. So fragte Grayling Sandel nach den Einflüssen, die dessen Zeit mit Charles Taylor in den 1970er in Oxford bis heute auf ihn habe. Sandel beschreibt die damalige Situation der heterodoxen Gruppe abseits vom Mainstream der Analytischen Philosophie. Und AC Grayling, der seinerzeit ebenfalls in Oxford – nur auf der “anderen” Seite, bei Peter Strawson – war, erinnert sich, dass für seine Bezugsgruppe die Seminare, von denen Sandel sprach, “off the edge” waren. Heute jedoch seien die Themen, an denen Sandel gearbeitet habe, im Aufwind.

Sandel erläutert auch, warum er sich nicht als Kommunitarier verstehe. Der Begriff lade nämlich zu dem Missverständnis ein, dass gegebene moralische Regeln einer Gesellschaft quasi sakrosankt seien. Dieser Auffassung ist Sandel nämlich nicht.

Zahleiche weitere interessante Themen werden in der Diskussion angesprochen: Ökonomie, Politik, Bildung; Gerechtigkeit usw. Ein Transkript des Gespräches gibt es bei Prospect Magazine. Dort ist auch die Audiodatei des Gesprächs abrufbar.

Ein Videomitschnitt der gesamten Veranstaltung ist dort ebenfalls in drei Teilen zu sehen. Hier der erste davon:

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Christine Korsgaard im Interview

Beim 3-AM-Magazine gibt es ein Interview mit der amerikanischen Kantexpertin Christine Korsgaard. Kant ist für sie ein naturalistischer Philosoph (der Meinung bin ich auch), für den alles entweder als Teil der natürlichen Welt erklärt werden kann oder aus der menschlichen Perspektive durch menschliche Bedürfnisse (wie z.B. “Tische” oder “Werte” oder “Vernunft”). “And it is right to think that the real source of all value in the world lies in people and animals”, so Korsgaard.

Sie pflichtet Kants Autonomiegedanken bei, klärt das seit Schiller bekannte Missverständnis auf, dass gute Taten, die mit Neigungen verbunden sind, für Kant angeblich moralisch wertlos seien (was bspw. auch schon Günter Patzig getan hat (“Der kategorische Imperativ in der Ethik-Diskussion der Gegenwart”)), und erläutert ihr Modell der konstitutionellen (statt kombativen) Funktion von Gefühl und Vernunft (“roughly speaking, passion proposes and reason disposes”).

Der Interviewer, Richard Marshall, macht seine Sache wie gewohnt gut. Er stellt die interessanten Fragen und kennt auch die roten Fäden einer Debatte oder eines Oeuvres. So fragt er Korsgaard, warum “Vernunft kein Despot ist”, worauf sie ihre Sicht von Identität erläutert und dass “wir uns mit unserer Vernunft identifizieren”. Das Interview greift zahlreiche weitere interessante Punkte auf, nicht zuletzt das Problem der Willensfreiheit, das ihr keine schlaflosen Nächte bereitet (“there is no point in saying …”)

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Scanlon gegen Libertarianismus

In einem ausführlichen Interview beim Utopian erfährt man Interessantes von Thomas Scanlon. Vorrangig geht es um seine Biografie und seine Philosophie. Auch über John Rawls erzählt er einiges Interessantes. Und er berichtet von der privaten Diskussionsgruppe, an der er bis in die 1990er teilnahm, zusammen mit Thomas Nagel, Ronald Dworkin, Robert Nozick, Judy Thompson, Michael Sandel, Christine Korsgaard und anderen.

Darüberhinaus enthalten gute Interviews auch gerne bemerkenswerte Details. Wie zum Beispiel diese beiden:

– Scanlon sagt seinen Studenten, sie sollten versuchen, sich nicht mit einer Position zu identifizieren, um ärgerliche Gegner zu schlagen, sondern die Plausibilität der anderen Position zu verstehen.

– Er ärgert sich über den Libertarianismus: “Yes, I certainly disagree with libertarianism, and it distresses me that it gets so much credibility.” Und man kann nicht sagen, er hätte sich nicht damit auseinandergesetzt (s. vorige Empfehlung).

BBC-Interview mit Martha Nussbaum

In der Sendereihe “Thinking Allowed” der BBC wurde ein Interview mit Martha Nussbaum veröffentlicht. Sie spricht über ihren Fähigkeitenansatz (capabilities approach) im Vergleich zum Konzept des Bruttosozialproduktes. Das Interview kann als MP3-Datei heruntergeladen (Direktlink) werden.