Posts Tagged Internet
Cory Doctorow darf das
Cory Doctorow schreibt in einer Kolumne des Guardian über das Problem, wie man mit der grenzenlosen Informationsfülle des Internet umgehen soll. Dieses Problem ist ja auch in Deutschland schon oft diskutiert worden, mit der merkwürdigen, landestypischen Tendenz der Schwarz-Weiß-Malerei, des Entweder-Oder – gerade auch bei vielen Enthusiasten, denen die Bereitschaft oder die Fähigkeit zur Würdigung kritischer Fragen abgeht. Diesem Phänomen der Nicht-Reflexion liegt die bedauerliche Tatsache zugrunde, dass man sich in deutschen Internetdebatten ausgerechnet das role model der platten politischen Polemik zu eigen macht, was aber in keiner Weise notwendig oder in der Sache begründet ist. Es ist vielmehr das Brett vorm allgemeinen deutschen Kopf.
Doctorow beschreibt, wie schwer es ist, aus der Fülle der heute im Netz zugänglichen Informationen die relevanten auszuwählen und, vor allem auch, was man damit tut: “An abundance of opportunity is a funny kind of problem to wrestle with, but it is a problem – and a hard one, since abundance manifests itself as noise that must be ignored in order to stop reacting and start introspecting.“
Webintelligenz
Posted by Björn in Internet, Kulturphilosophie on 2010/11/29
Thorstena fragt sich zurecht, ob wir eine Webintelligentsia haben. Ich war da immer optimistisch, was die Möglichkeiten des Mediums angeht. Beim Ist-Zustand in Deutschland kann ich allerdings mit Blick auf die von Thorstena Genannten Habermas’ Skepsis nachvollziehen. Was da auf den kleinräumigen virtuellen Trampelpfaden an intellektueller Orientierung geboten wird, lässt sich in etwa so zusammenfassen:

Frust in der deutschen Internetdebatte
Posted by Björn in Argumentation, Internet, Verschiedenes on 2010/11/10
Die Debatten in deutschen Weblogs über die sozialen und kulturellen Implikationen des Internet laufen oft auf einem frustrierenden argumentativen Niveau, auf dem “Arschloch” symptomatisch für den Stil der sachlichen Auseinandersetzung und der menschlichen Anerkennung von Diskussionsteilnehmern ist. Die Auffassung, dass das Gift der Polemik erforderlich ist und zur Klärung eines Sachverhaltes beiträgt, ist bedauerlicherweise verbreitet. Natürlich ist diese Auffassung sachlich und moralisch falsch. Auch psychologisch scheint es nachgewiesen zu sein, dass ausgewogene Argumente, die die Gegenpositionen angemessen darstellen, wirkungsvoller als polemische Verzerrungen sind.
Update: Anderswo geht es ja auch: Gastautor William B. Irvine plädiert auf Boing Boing für einen “Insult Pacifism” [via Philoblog]. Derzeit habe ich noch einen Beitrag in Arbeit: in der amerikanischen Bildungsdebatte plädiert Martha Nussbaum für faire Argumente und eine entsprechende kulturelle Ausbildung, um nicht auf das Niveau rechtspopulistischen Geiferer a la Fox News zurückzufallen.
Privates im Internet – und die Blindheit der Personaler und Profiler
Posted by Björn in Internet, Privatsphaere on 2010/11/01
Robert Basic hat sich einen Artikel mit interessanten Gedanken zur Veröffentlichung von privaten Sachen im Internet von der Seele geschrieben – “warum das Internet ein Arschloch ist“:
“Du hast was vor 10 Jahren im Netz geschrieben und handelst heute anders? Das wird Dir dann vor die Nase gehalten … Du schreibst was Politisches, wie Du es fühlst, ohne 50 Jahre Politikstudium und 10 Doktortitel? …
Warum können wir nicht privat ausleben, wer wir sind und dennoch zugleich öffentlich im Netz agieren? Dürfen sich Jugendliche nicht selbst finden, bevor man mehr von ihnen erwartet? … Soll man sich nur noch gesellschaftlich konform verhalten und sich bloß dem Druck der Normen beugen? Das gleiche gilt übrigens auch für Erwachsene, denen man noch viel mehr abverlangt. Der Druck ist noch größer.
Mein zentraler Gedanke: Will ich eine Gesellschaft voller Angepassten und Drückeberger, nur weil das Netz zunehmend stromlinienförmiges Privatleben erzwingt? “
Netzneutralität und Funktionsweise des Internet
Christian Scholz, den ich noch aus aktiven Zeiten von Scecond Life als munteren und kreativen Avatar kenne, schreibt eine Serie unter dem Titel “Netzneutralität: Wie funktioniert das Internet?“. Teil 1 ist hier erschienen.
Entfaltung der Persönlichkeit trotz Internet
Posted by Björn in Emotionen, Erziehung, Internet, Kulturphilosophie, Medien, Psychologie, Second Life, Technik, Virtual Reality on 2010/10/24
In Freundschaften geht man ein Risiko ein – im Internet geht dieser Aspekt realer Beziehungen verloren, schreibt Roger Scruton in “Hiding behind the screen“. Fernsehen, Facebook, Second Life, iPod – deren Dominanz reduziert die Erfahrungsmöglichkeiten, die man braucht, um Selbstbestimmung (Fichte), Anerkennung (Hegel) und Entfaltung (Marx) zu erleben. Demgegenüber wird die Entfremdung durch den Fetischismus der Massenkultur (Adorno, Horkheimer) immer subtiler – und umfassender. Es fehlt an einer kritischen Haltung, die es den Menschen erlaubt, auf reale Erfahrungen und reale Emotionen Wert zu legen. Dazu gehört das Eingehen von Risiken – auch realer emotionaler Risiken, wie sie in naturwüchsigen Beziehungen drohen. Um zu einem moralischen Wesen zu wachsen, braucht es “risk, embarrassment, suffering, and love.“
Literatur, Kultur, Politik, Internet
Posted by Björn in Buecher, EBooks, Geschichte, Internet, Kulturphilosophie, Literatur, Medien, Philosophiegeschichte, Politik, Sprache on 2010/10/24
Drei Artikel:
Die Provinz, die Schweden ist: Schwedische Kommentatoren sind mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Mario Vargas Llosa nicht einverstanden – weil er auf der falschen politischen Seite stehe. Johan Norberg wundert sich über seine Kollegen: disqualifiziert sich ein Schriftsteller, weil er einen Liberalismus in der Tradition von John Locke und Adam Smith befürwortet? Weil er sich vom Kommunismus abgewendet hat, weil er entsetzt ist über das Leid, das sozialistische Machthaber verursacht haben? “He moved on not because he was no longer able to sympathise with the poor and oppressed, but because he still did when others began to identify more with the revolutionaries than with the people in whose name they made the revolution. He saw that Castro persecuted homosexuals and imprisoned dissenters. While other socialists kept quiet and thought that the dream justified the means, Vargas Llosa began to ask himself the difficult questions about why his ideals looked more like prison camps than socialist utopias when realised.”
James Buchan rezensiert beim Guardian Peter Watsons Buch “The German Genius”
Braucht Poesie Papier? Gefährdet die Veränderung der Medien den Reichtum und die Vielfalt künstlerischen Schaffens? Schrumpft der Kontext und veräbdert dadurch die Sprache, wie Don DeLillo meint?
Hysterie statt Rationalität
Posted by Björn in Argumentation, Bloggen, Internet, Politik, Verschiedenes on 2010/10/13
Was ich in der letzten Zeit als lähmend empfinde, und was meines Erachtens tatsächlich auch Beobachter und Teilnehmer in verschiedenen Bereichen lähmt, ist das implizite Verbot, die “nicht-richtigen” Positionen zur Kenntnis zu nehmen, zu untersuchen und zu diskutieren – und das auf ganz unterschiedlichen Feldern der Politik, der Kultur, der Technologie. Wer es dennoch wagt, kann mit hysterischen Reaktionen rechnen.
Es ist der Mechanismus des Schulhofs, des Fanclubs, des Stammtischs, der die wichtigen Debatten prägt.
Online-Journalismus ist Journalismus
Posted by Björn in Internet, Medien, Verschiedenes on 2010/09/24
Leider wird ja immer noch über “Online-Journalismus” versus “Print-Journalismus” diskutiert – in einer Weise, die eher künstliche Gräben zementiert als sachgerecht und produktiv zu sein, und nach Lage der Dinge wird uns diese Diskussion sicher noch eine ganze Weile erhalten bleiben.
Stefan Niggemeier hat in seiner Auseinandersetzung mit Ausführungen des Kulturstaatsministers Bernd Neumann und des scheidenden Chefredakteurs der „Süddeutschen Zeitung”, Hans Werner Kilz, die Schieflage der Argumente, die die eine oder die andere Form von Journalismus abwerten, auf den Punkt gebracht:
“Ich habe nicht Print-Journalismus gelernt, sondern Journalismus. Was soll das überhaupt sein, „Print-Journalismus”? Und was würde eine Ausbildung zum „Onlinejournalisten”, falls es das gibt, minderwertig machen? Dass die Texte nicht auf Papier gedruckt werden?”
und weiter:
“Eines ist, um die Formulierung von Kilz aufzugreifen, eben nicht klar: Warum Journalismus in digitaler Form nicht genauso, nein: viel mehr in die Tiefe gehen können soll wie auf Papier gedruckt.”
Singer über Internet und Kritik an Internetutopien
Anlässlich des 10jährigen Jubiläums der Chronicle Review haben die Herausgeber Wissenschaftler und Künstler gefragt, welche Idee die nächste Dekade prägen wird. Peter Singer antwortet – ganz unpolemisch: Das Internet. Es werde neue Freiheiten schaffen.
Polemisch antwortet darauf Trevor Butterworth bei Forbes: “Erspart uns das Internet als Befreiungstheologie“. Der Herr Professor (Singer) sei ahnungslos, sein Beitrag voller Klischees. Butterworth führt ausgerechnet den irreführenden und viel diskutierten Beitrag bei Wired über das Verschwinden des Webs an.
Butterworths Skepsis bezüglich der überhypten Internetutopien finde ich angebracht, aber es wäre hilfreicher, würde er sie mit weniger polemischer Vernebelung beschreiben. Denn eines wird sicher die nächste Dekade prägen – wir werden noch mehr Polemik und noch mehr schlechte Argumentationen erleben, die die Sache vernebeln.
Mach den Computer aus
Posted by Björn in Kulturphilosophie, Medien, Psychologie on 2010/09/13
“We don’t know where we get our ideas from. We do know that we do not get them from our laptops.” (John Cleese on creativity, via Dr Shock)
Platon mit Emoticons (Smilies und so)
Posted by Björn in Akademisches, Antike, Emotionen, Internet, Philosophiegeschichte, Verschiedenes on 2010/07/31
:-> Plato with emoticons :^D – um den heutigen Studenten den kognitiven Zugang zur Philosophie zu erleichtern. Witzig und pädagogisch fürs Erste vielleicht gar nicht so schlecht.