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Evgeny Morozov rezensiert Jeff Jarvis und bringt damit die Internetdebatte voran
Posted by Björn in Argumentation, Internet, Verschiedenes on 2011/10/28
Schade, dass der Begriff “Internetintellektuelle” mittlerweile so geprägt ist, dass damit Poser und Anti-Intellektuelle gemeint sind, bzw. sich selber meinen.
Evgeny Morozov, der Autor von “The Net Delusion“, hat sich erfreulicherweise die Mühe gemacht, einen prominenten Teil des “Internetdiskurses” in Form von Jeff Jarvis’ neuem Buch “Public Parts” zu rezensieren. Auf deutsch bei der FAZ.
Morozov zeigt ganz gut, wie verzerrt und polemisch einige Darstellungen aufgebaut sind, und dass sie großspurig ethische Probleme vom Tisch wischen, für die eigentlich die Sensibilität gestärkt werden müsste. Michael Walzer spricht treffend vom technologischen Romantizismus, gegen den Morozov nüchterne Argumente bringt. Wer die deutsche Debatte der letzten drei, vier Jahre verfolgt hat, wird viele Momente wiedererkennen, die ja bedauerlicherweise eher sozialpsychologischer als sachlicher Natur sind.
Jeff Jarvis hat hier auf Morozov geantwortet, und Evgeny Morozov darauf wiederum hier.
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Computer und Internet als elektronisches Fegefeuer
Noam Chomsky hat im März soziale Medien als “extremely rapid, very shallow communication” bezeichnet, die menschliche Beziehungen erodiere und sie “more superficial, shallow, evanescent” mache. In einem weiteren Interview hat er diese Einschätzung bekräftigt. In digitalen sozialen Medien hat Chomskys Auffassung jüngst durch eine Kritik von Nathan Jurgenson bei Salon Aufmerksamkeit erhalten. Der Twitter-User @wrongwatch hat das folgendermaßen kommentiert:
“Chompksy isn’t wrong about twitter being shallow, evanescent, whatever that means. But I can’t remember why”
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David Gelernter, der in seinem Buch “Mirror Worlds” von 1991 viele Entwicklungen des Internet sowie das Cloud-Computing vorweggenommen hat, plädiert in der FAZ dafür, dass Kinder jünger als 14 kein Handy und kein “iSpielzeug” haben sollten, weil sie sonst im elektronischen Fegefeuer landeten.
Die New York Times berichtet, dass im Silicon Valley Mitarbeiter von Firmen wie eBay, Google, Apple, Yahoo und Hewlett-Packard ihre Kinder auf die Waldorf-Schule schicken würden, in deren Klassenzimmer keine Computer erlaubt seien.
Axel Kossel beschreibt im Editorial der c’t, wie ihn seine Apps im Griff haben.
Philosophischer Humor
Posted by Björn in Humor, Links, Verschiedenes on 2011/10/20
Sind Philosophen ein Haufen humorloser Misanthropen? Nicht notwendig.
Auch wenn ein beachtlicher Teil philosophischer Theorien, Vertreter und Texte ziemlich “unspirited” ist, so gibt es doch auch Ausnahmen. (Schopenhauer ist ein interessantes Beispiel eines Philosophen, dem man sowohl Humorlosigkeit als auch feinste Beiträge zum philosophischen Humor attestieren kann.)
Die klassische Sammlung philosophischen Humors im Internet findet man auf der Webseite “Philosophical Humor” von David Chalmers (dem David Chalmers), die seit den 90er Jahren besteht (und die sich seitdem ihren “ästhetischen Charme” bewahrt hat). Es hat den Eindruck, als wenn sie nicht mehr auf dem Laufenden gehalten wird. So sind einige Links obsolet. Aber Klassiker wie die “Philosophical lightbulb jokes” oder den über 10 Jahre alten “Postmodernism Generator” (angesichts der deutschen Internetdebatten topaktuell) sollte man kennen.
Im englischsprachigen Bereich ist der leichtfüßige Zugang zu tiefschürfenden philosophischen Reflexionen gebräuchlicher. Ein Meilenstein ist da der Bluffer’s Guide to Philosophy, der eine Weile vergriffen war, aber neuerdings wieder aufgelegt wird. Hier gewinnt man so essentielle Erkenntnisse wie die, dass englische Veröffentlichungen in Philosophie drei Substantive im Buchtitel aufzählen (“Language, Truth, and Logic” etc.), während es in der kontinentaleuropäischen Philosophie zwei sein müssen (“Sein und Zeit”, “Das Sein und das Nichts”). Mit solchen Weisheiten ausgestattet, steht dem Selbstdenken quasi nichts mehr im Wege.
Einen interessanten Hinweis hat der Blinde Hund in den Kommentaren hinterlassen: Thomas Cathcart und Daniel Klein erklären Philosophie (hier auf deutsch) und philosophisch gefärbten Politsprech anhand von Witzen – das Publikum ist offenbar begeistert.
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Demokratie und das Netz
Posted by Björn in Antike, Ökonomie, Geschichte, Internet, Politik, Privacy, Privatsphaere on 2011/10/10
Johnny Haeusler hat sich ein paar Gedanken zur Zukunft der Demokratie gemacht, und sie mit den aktuellen Netzdebatten in Deutschland verknüpft. Er selbst tendiert dazu, die “Furcht vor dem Niedergang der Demokratie als reine Dystopie anzusehen“, gibt aber doch zu bedenken, dass es historisch durchaus Belege für Gefährdungen der Demokratie gibt.
So ganz aus der Luft gegriffen ist die Sorge um die Demokratie nicht. Und auch der Bezug zur Netzdebatte ist gegeben. Wenn in der Modehauptstadt Berlin bei Diskussionen um das Internet von “Post-Privacy” und “Post-Democracy” die Rede ist, dann ist das nicht einfach nur ein Spaß, sondern erinnert an Stimmungen, die der Demokratie in Deutschland schon immer das Leben schwer gemacht haben. Man muss sich fragen, ob solche großzügigen historischen “Utopien” nicht dazu beitragen, das selbstverständlich gewordene Erreichte auszuhöhlen, – und wer davon profitieren wird. In der Vergangenheit waren das jedenfalls nicht die idealistischen Utopisten.
In der Gegenwart gibt es zahlreiche Anlässe, sich Sorgen zu machen. Die Entwicklungen in Ungarn und Russland – alle unterfüttert von einer esoterischen Ideologie – sind die schlagendsten Beispiele direkt vor der Haustür. In dem EU-Staat Ungarn zieht sich das bereits bis in die Bildungs- und Kulturpolitik.
Eine der größten gegenwärtigen Bedrohungen für die demokratische Zivilisation ist die Ökonomie. Allein schon die globale Finanzwirtschaft stellt die sozialen und kulturellen Errungenschaften in Frage. Das Schreckgespenst, dass sie politische Erschütterungen auslöst, nach denen wir von Freiheit und Gerechtigkeit nichts mehr wiedererkennen, ist allgegenwärtig. Dieses Muster ist in der Geschichte jedenfalls öfter anzutreffen. Und es wäre fatal, deshalb von “historischen Notwendigkeiten” zu faseln und sich darauf zu freuen, dass sich die Situation “verschärft”, um Missstände los zu werden, die im Vergleich mit dem, was dann in aller Regel folgt, wie harmlose kleine Stolpersteine wirken.
Ein Blick weit zurück: Der Historiker Theodor Mommsen hat vor 150 Jahren seine “Römische Geschichte” geschrieben. Er bewertet Ciceros Verteidigung der Römischen Republik gegen Caesars Aktivitäten als unausgegoren und sogar historisch unangebracht – die Republik war nicht mehr zu verteidigen, irgendwer muss schließlich aufräumen. Man kennt das – in Deutschland war das auch mal populär.
Die Bewertung dieser historischen Vorgänge vor über 2000 Jahren hat sich mittlerweile geändert. Bemerkenswert bleibt aber Mommsens Beschreibung der Umstände, unter denen es zum Niedergang der Republik kam. Überall im römischen Reich habe das “das allmaechtig regierende Kapital den Mittelstand zugrunde gerichtet“. Das Land wird aus ökonomischen Interessen verwüstet, Städte veröden, unzählige Menschen verarmen, das Proletariat wächst ungeheuer an. Eine Politik zum Allgemeinwohl existiert bzw. funktioniert so gut wie gar nicht. (Bd. 5, 12. Kapitel)
Auch im 11. Kapitel schildert Mommsen den krassen Unterschied von Arm und Reich, die Korruption und den fehlenden Schutz gegen explodierende Preise, Kriminalität oder Feuer.
Und das- so Mommsen – ist die “republikanische Herrlichkeit …, deren Untergang Cicero und seine Genossen in ihren Schmollbriefen betrauern.” (Bd. 5, 11. Kapitel)
Mommsens Fazit klingt ganz wie aktuelle Polemik – “Du möchtest eine historische Errungenschaft bewahren? Schmoll doch nicht!”
Um wieder in die Gegenwart zu kommen: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Gerät sie von allen Seiten unter Druck, hat sie einen schweren Stand. Wenn es auch noch an Bereitschaft fehlt, sie gegen ideologische Fantasien zu stützen, dann haben Partikularinteressen leichtes Spiel, an die Hebel der Macht zu gelangen. Die entscheidenden Faktoren, die dafür sorgen, dass Demokratie eine Zukunft hat, in der Balance zu halten, ist eine komplexe Angelegenheit. Zu polemisieren und historische Prophezeiungen zu machen, ist dagegen leicht. Ein wenig mehr Bescheidenheit und Realismus in der Analyse täte gerade den Netzdebatten, die die “große Veränderung” thematisieren, sehr gut.
Interview mit Peter Singer über Privatsphäre und Internet
Posted by Björn in Datenschutz, Ethik, Internet, Moralphilosophie, Privacy, Privatsphaere on 2011/08/26
Peter Singer hat im Harper’s Magazine einen Artikel mit dem Titel “Visible Man” (nur für registrierte Nutzer) veröffentlicht. Darüber hat er dem Sender KUOW ein Interview gegeben, das auf der Webseite zu hören ist oder als MP3 heruntergeladen werden kann.
Google+ bei Philosophen
Posted by Björn in Internet, Verschiedenes on 2011/07/11
(Nur) allmählich ziehen Philosophen auch bei Google+ ein. Auf Twitter hatte sich schon ein recht lebhafter Stream entwickelt. Doch ich habe bisher nur wenige Philosophen auf Google+ entdeckt, was durchaus auch fürs Fach spricht: “Lass dir Zeit!”, Hype ist kein Kriterium für Relevanz.
Auf dem Philosophie-Blog Crooked Timber wurde auch schon über Google+ diskutiert.
Das Glück der Vernetzung. Nicht.
Shaun Usher hat Anfang der Woche die Kommentarfunktion seines wunderbaren Weblogs “Letters of Note” abgestellt:
Ich habe phasenweise auch schon mit der Abschaltung der Kommentare experimentiert. Ich kann Ushers Entscheidung absolut nachvollziehen.
Für das Meckern, gegen das Meckern
Posted by Björn in Argumentation, Bloggen, Internet on 2011/05/06
Vor einer Woche hielt Sascha Lobo auf Spiegel Online ein Plädoyer für das Meckern, insbesondere in der allseits geschätzten Form, wie es im Internet praktiziert wird. “Ein besseres Internet, eine bessere Welt muss herbeigemeckert werden“. Es sei die Pflicht eines jeden “vernünftigen Bürgers” sich über “störende Umstände laut zu beschweren, in meckerndem, keine Zweifel am Unmut lassenden Ton.”
Zweifellos ist eine Hauptzutat dieses Lobs der “Nölpest” die Ironie, und vermutlich war es für Lobo auch nur eine Fingerübung, der als geübter Rhetoriker auf Wunsch zu einem frei gewählten Standpunkt eine unterhaltsame Rede aus den Ärmeln schüttelt. Oft gelingt ihm dies brilliant, und nicht selten kokettiert er dabei mit einer Bescheidenheit, mit der er zeigt, dass er die Fallstricke des Dogmatismus vermeiden möchte. Im Gegensatz zu vielen Lobohassern nehm ich ihm das ab – nämlich weil er es sagt.
Nur eine Woche nach dem Lob des Meckerns kritisierte er auf Spon das “Netz der Besserwisser“, wobei er von dem Prinzip “Alles zu allem und auch das Gegenteil davon” verblüffenderweise selbst Gebrauch macht. Mit seiner Kritik der “gefühlten Experten” scheint er das genaue Gegenteil des vorherigen Lobs der Meckerkultur zu behaupten: Ausgerüstet “mit der Normalimpertinenz des erfahrenen Internetnutzers” würde jedes Geschehen der Weltgeschichte “durch immense Hinterher-Klugheit” kommentiert, oft nur einen “Schritt von der Verschwörungstheorie entfernt“. Das Internet laufe Gefahr, zur Besserwissensmaschine zu werden. (Dazu passt es dann, wenn auch unfreiwillig, dass er ausgerechnet Michael Seemann als “Netzdenker” zitiert, der hauptsächlich durch selbstgerechtes Rumpöbeln und beliebiges Buzzwording auffällt, und es nicht fertigbringt, bei Sachfragen außerhalb seines vertrauten Vorurteilshorizonts im Internet zu recherchieren, geschweige denn in einem Buch wie bspw. einem Standard-Philosophielexikon nachzuschlagen.) Lobo hat völlig recht, wenn er feststellt, dass zum Suchen von Informationen auch die “Kenntnis um ihre Relativität, Subjektivität und eventuelle Falschheit” gehört.
Tatsächlich ist das Ventilieren dogmatischer Vorurteile, Rumposen und Pöbeln, das auch euphemistisch als Internetdiskurs gehandelt wird, kein guter Garant für die Wissensvermehrung. Und auch als Unterhaltungsfaktor fehlt ihm das zeitlose Etwas – wer lacht heute schon noch über Pocher und Raab? Wer nicht auf das argumentative Niveau von Sarah Palin absinken will, muss sich an anderen Kriterien orientieren: Guter Ton, Vielfalt, Sorgfalt, kritische Reflexion, und weniger Rumposen. Es ist wahr: Was Street Credibility und Ruhm angeht, sind Wirkung und Schein die ausschlaggebenden Kriterien. Wissen dagegen braucht die von Lobo zurecht hervorgehobenen epistemologischen Kriterien, zu denen auch noch ein Schuss Argumentationstheorie gehören dürfte. Insofern sind Sokrates und Aristoteles kein bisschen 350 v.u.Z. (Sagt ja auch der Lobo.)
Es ist richtig, dass die Meinungsvielfalt im Netz gut ist für eine bessere Welt – vielleicht erleben wir sie ja dereinst einmal. Das Meckerartige des Meckerns aber, nämlich Dummheit und Dogmatismus, führen geradewegs in die Hölle.
re:publica 2011 re:view – Teil 2: Für eine selbstkritische digitale Gesellschaft
Posted by Björn in Internet, Verschiedenes on 2011/04/17
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Die re:bublica 2011 ist gerade vorbei. Man liest, der Vortrag von Gunter Dueck über “Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem” sei der “mit Abstand beste Beitrag”. Superlative sind meistens so falsch wie ihr Gegenteil, denn natürlich ist das erstens unfair den anderen 299 Sprechern gegenüber und zweitens und vor allem auch sachlich falsch. Ich habe auch andere sehr gute Vorträge gehört, zum Beispiel (um nur einen zu nennen) Sandro Gaycken über “Cyberwar”.
Man muss differenzieren können. Die Dinge haben mehr als eine Seite, und meistens fällt einem ein vernachlässigter Aspekt später einmal auf die Füße.
Eines der Ideale der re-publica ist es, der Gesellschaft Perspektiven für das digitale Leben aufzuzeigen. Nehmen wir die Session “10 Jahre Blogs in Deutschland”. Jörg Kantel, Anke Gröner oder Don Dahlmann sind Beispiele dafür, wie man das Internet für sich nutzen kann. Interessant aber auch, wer nicht auf der Bühne sitzt. Blogger, die seit sieben, acht oder neun Jahren bei antville.org, blogger.de oder twoday.net sind (wieder nur Beispiele), und skeptisch auf alles Showartige und den Social-Media-Hype reagieren. Ohne das zu bewerten – man muss feststellen, diese Leute sind längst im digitalen Leben angekommen.
Das Bloggen hat sich in den letzten drei Jahren verändert. Vielleicht ist Twitter der Grund. Vielleicht aber auch die re:publica. Johnny Haeusler und sein Team machen einen hervorragenden Job. Sie halten die re:publica offen. Eine Business-Show ist das letzte, was sie wollen. Sie ist der beste Ort, um über den Nutzen des Internet für uns alle zu reden. Sascha Lobo hat zu Beginn seines diesjährigen Vortrags dezent darauf hingewiesen, was das Problem mit den Vorreitern der digitalen Gesellschaft ist: Grüppchenbildung, Im-eigenen-Saft-schmoren und Toleranzunfähigkeit. Was dagegen not tut: mehr Toleranz, bessere Kommunikation.
Und mehr Selbstkritik, muss man hinzufügen. Zu sagen, dass die FDP doof ist, ist nicht besonders kritisch – das Wiederholen von Stereotypen ist keine Kritik. “Meine Zuhörer sind doof” oder “ich bin doof” sind dagegen schon ein Stück weiter. Natürlich bringt das nichts als Selbstzweck. “Dooffinden” ist vermutlich nicht einmal ansatzweise Kritik. Kritik muss schon reflektiert sein
Ein Beispiel: nehmen wir doch einfach den Vortrag von Gunter Dueck. Er wünscht sich mehr Internet überall, sagt, das Wissen von Menschen wird nicht mehr gefragt sein, weil es im Netz ist, es wäre praktisch, wenn Steuerdaten und Krankheitsakten im Netz global zugänglich wären, damit man eine Sachbearbeiterin, die in meinen Daten “krankgeschrieben: ja” einträgt, einsparen kann. Integration der Systeme ist das Zauberwort. Ich habe genau das 10 Jahre beruflich gemacht – IT-Systeme integriert – und es hat sich in dieser Zeit mehr als eine Frage über den Zweck dieses technologischen Sachzwangs aufgetan. Der Vortrag von Dueck fand genau am richtigen Ort statt, da, wo all die Social Media Geeks sich austauschen. Jetzt müssen die Fragen gestellt werden: Brauchen wir das? Was davon brauchen wir, was nicht?
Selbstkritik erledigt man nicht mit einem mal, sie gehört zum Leben. Die Zeiten, in denen man Vertreter missliebiger politischer Parteien verspotten konnte, weil sie jemanden brauchten, der ihnen das Internet ausdruckt, werden bald vorbei sein. Man wird die politischen Akteure nicht mehr zum Datenstrom tragen müssen, sie werden selber die Herde vor sich hertreiben. Daten sind Macht. Einen Kontrollverlust können wir uns nicht erlauben. Wer will sich schon in zehn oder zwanzig Jahren sagen lassen müssen, dass er damals sein Smartphone ein- und seinen Kopf ausgeschaltet habe?!
re:publica 2011 re:view – Teil 1
Posted by Björn in Internet, Verschiedenes on 2011/04/16

Die re:publica 11 hat sich gelohnt. Es gibt, wie immer, positive und negative Dinge, die ja schon an verschiedenen Stellen erwähnt wurden. Ich denke, insbesondere das Raumproblem wird sich das Team zu Herzen nehmen (Update: erledigt :-) ). Aber es war bestimmt ein Riesenhaufen Arbeit, und die Leute vom Team vor Ort, also alle HelferInnen, denen ich begegnet bin, waren sehr hilfreich. Auf mich machte das einen menschlichen Eindruck – vielen Dank für Alles! Nettigkeit ist zwar extrem unnerdig, aber ohne steht man halt immer nur in kleinen Gruppen rum und pflegt seinen Dünkel – das sieht sehr unschick aus.
Und eine Menge tolle Leute und interessante RednerInnen waren da. Es sind ja nicht allein auf Äußerlichkeiten abfahrende Nerds, die die re:publica bevölkern. Mein Tipp für solche Veranstaltungen ist immer, dass man sich nicht so sehr an der vorgeblichen Hippness von Irgendwas orientieren sollte, sondern sozusagen abseits davon mal genauer hinschaut – sowohl im Programm als auch auf den Fluren. Es müssen nicht immer nur die Key Notes sein.
So habe ich eine ganze Reihe richtig hervorragender Vorträge gehört, und da ich nur anderthalb Tage da war und mich nicht teilen kann, nehme ich an, dass da noch viel mehr im Programm steckte. Jeanette Hoffmann über “Google Books”, Julia Probst bei “Blogger_Innen im Gespräch”, Sandro Gaycken über “Cyberwar”, der von Carolin Buchheim geleitete Workshop über Online-Lokaljournalismus mit Rainer Kurlemann und anderen – das waren einige der Sessions, aus denen ich klug wurde.
Die re:publica ist ja ein Versuch, den Spagat zwischen Nerdtum, Business und soziokulureller Realität aka Alltag hinzubekommen. Da gibt es immer Spezialisten, die glauben, es sei ihr Terrain, und insofern ist diese breite Mischung als Korrektiv natürlich gut. Wenn es sie nicht schon gäbe, müsste man sie erfinden. Themen-Pächter und Alleinvertreter haben ja immer etwas Päpstliches, das glücklicherweise von der demokratischen Realität überholt wird.
Erstaunlich, wen man so alles kennenlernt. Auf der re:publica bin ich nicht drauf gekommen, woher ich Dan Racek kenne (jetzt weiß ich es: Google Buzz), mit dem ich Würstchen und Kartoffelsalat gegessen habe, und der irgendwas mit Marketing oder so macht, aber beim Essen jedenfalls eine philosophische Ader zu haben scheint. Beim Smalltalk mit Lisa Peyer haben wir beide festgestellt, dass wir bei unseren thematischen Interessen doch unsere Vorträge gegenseitig hätten besuchen müssen; ist fürs nächste Mal vorgemerkt. Und am letzten Tag hat es dann endlich geklappt, den geschätzten und sehr angenehmen Thorstena in Ruhe zu treffen, der sich zum Glück nach meinem Vortrag am Donnerstag schon kurz zu erkennen gegeben hatte.
Mit meiner eigenen Session bin ich sehr zufrieden. Nachdem ich die Bestätigung für den Termin erst sehr kurzfristig bekommen habe (danke an Anne vom Team für die Infos), fiel die Vorbereitung etwas knapp aus (ich hatte zuvor Unmengen an Material weggeschrieben, aber noch nicht in Form), und ich konnte nicht recht einschätzen, was das Publikum von einem Ausflug in die Philosophie halten würde. Aber das Interesse während und das umwerfende positive Feedback nach der Veranstaltung haben mich beruhigt – es war wohl wie erhofft ganz informativ. Die Präsentation wird demnächst hier und wohl auch auf der re:publica-Seite zu sehen sein.
In der Oranienburgerstraße, unweit des Tagungsortes, habe ich dann noch eine sinnreiche Location gefunden, die geeignet erscheint, die Platzprobleme der diesjährigen re:publica aus der Welt zu schaffen: das ehemalige Haupttelegrafenamt Berlin, das ohnehin derzeit ungenutzt ist und im Keller nach wie vor die Reste der einst größten Rohrpostanlage Deutschlands beherbergt. Das passt thematisch natürlich glänzend. Und vielleicht ließe sich die Anlage reaktivieren, um Engpässe im WLAN zu umgehen!

Für eine Kultur respektvoller Debatten – Martha Nussbaum
Posted by Björn in Argumentation, Erziehung, Rationalität on 2011/03/03
Martha Nussbaums Buch “Not for Profit” über die Relevanz der Geisteswissenschaften wird in Großbritannien und den USA viel diskutiert. Völlig zu Recht weist sie darauf hin, dass es sich um ein weltweites Problem handelt.
Ende letzten Jahres wurde im Blog “In Socrates’ Wake” in mehreren Beiträgen über “Not for Profit” diskutiert, und am 8. November 2010 antwortete Martha Nussbaum auf die Diskussion. Sie wies auf einige positive Aspekte des amerikanischen Systems hin, die es in dieser Form in Deutschland nicht oder nur ansatzweise gibt.
Außerdem diskutiert sie die Verantwortung der Geisteswissenschaft – und dieser Teil scheint mir in Manchem übertragbar auf die Situation in Deutschland, aber auch von ganz eigener Wichtigkeit zu sein.
Sie hält in den akademischen Disziplinen einen Respekt für ernsthafte Argumente ebenso für erforderlich wie das Ideal, dass widerstreitende Positionen mit Respekt und verständnisvoll untersucht werden müssen. Beides vermisst sie insbesondere in den Literaturwissenschaften (“literature departments”). Sie diskutiert dann einige amerikanische Besonderheiten, und streicht dann noch einmal die Bedeutung des “respektvollen Argumentierens” für die demokratische Kultur heraus.
Sowohl, was ihre Einschätzung dieser Wichtigkeit, als auch was die typischen Symptome des Ignorierens dieses Werts angeht, stimme ich ihr zu. Hiesige Debatten, etwa in der Politik oder im Internet, lassen in ganz erstaunlichem Maß die Fähigkeit und Bereitschaft vermissen, Themen sachgerecht darzustellen und alternative Positionen angemessenen zu diskutieren. Stattdessen werden die eher üblichen, ohnehin schon unverzeihlichen rhetorischen Fouls nicht selten von mehr oder weniger verschleierten ad-hominem-Attacken gekrönt.
Tatsächlich haben die Geisteswissenschaften die Aufgabe, den Studierenden die Fähigkeit zu intellektuellem Respekt beizubringen, und tatsächlich ist es erforderlich, diese Fähigkeit möglichst weit zu verbreiten. Destruktive Machtkämpfe in Debatten sind psychologisch und kulturell krank.
In Martha Nussbaums Worten: “I so often see opposing positions demonized and not engaged with seriously, and I think this is a grave failing of our culture.” Erforderlich ist “a way of putting forward one’s own position (by persuasive argument) that is not insulting but deeply respectful.”
Cory Doctorow: Redundanz rettet aus Information Overload
Cory Doctorow hatte neulich über die Probleme geschrieben, die die Informationsflut im Internet mit sich bringt. Jetzt schreibt er über eine mögliche Lösung: man muss nicht jeden Tropfen aus dem Ozean verfolgen, denn die Redundanz spült seine Information möglicherweise wieder nach oben: “Information overload? Time to relax then” im Guardian (Auszug bei Boing Boing).