Sibylle Lewitscharoff über ihren Roman “Blumenberg”

In ihrem Roman “Blumenberg” schreibt Sibylle Lewitscharoff über das Lebensgefühl und die intellektuelle Orientierung der Studenten der 1980er Jahre. Für das Buch erhielt sie 2011 den Wilhelm-Raabe-Preis. Es ist eine literarische Mentalitätsstudie einer Zeit, in der junge Erwachsene ihr Lebensgefühl in No-Future, Pop- und Punkmusik fanden – und in der Intellektuelle wie Hans Blumenberg und Jürgen Habermas das akademische geistige Milieu prägten.

In einem Interview mit dem Standard spricht Lewitscharoff über ihren Roman, dessen junge Protagonisten kein glückliches Ende finden. Die geistige Landschaft dieser Zeit war durch einen riesigen Überbau geprägt. Bei Habermas fand man sein Futter an realitätsbezogener Zeitdiagnose “in verdaulichen Portionen vor. Bei Blumenberg wurde man in Ausuferungen hineingetrieben: in die Antike, in die Scholastik, in die Musik. … Wohin soll so ein armer Student jetzt mit seiner Bewunderung?

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Evgeny Morozov rezensiert Jeff Jarvis und bringt damit die Internetdebatte voran

Schade, dass der Begriff “Internetintellektuelle” mittlerweile so geprägt ist, dass damit Poser und Anti-Intellektuelle gemeint sind, bzw. sich selber meinen.

Evgeny Morozov, der Autor von “The Net Delusion“, hat sich erfreulicherweise die Mühe gemacht, einen prominenten Teil des “Internetdiskurses” in Form von Jeff Jarvis’ neuem Buch “Public Parts” zu rezensieren. Auf deutsch bei der FAZ.

Morozov zeigt ganz gut, wie verzerrt und polemisch einige Darstellungen aufgebaut sind, und dass sie großspurig ethische Probleme vom Tisch wischen, für die eigentlich die Sensibilität gestärkt werden müsste. Michael Walzer spricht treffend vom technologischen Romantizismus, gegen den Morozov nüchterne Argumente bringt. Wer die deutsche Debatte der letzten drei, vier Jahre verfolgt hat, wird viele Momente wiedererkennen, die ja bedauerlicherweise eher sozialpsychologischer als sachlicher Natur sind.

Jeff Jarvis hat hier auf Morozov geantwortet, und Evgeny Morozov darauf wiederum hier.

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Habermas über die Rolle der Intellektuellen im Internetzeitalter

Jürgen Habermas’ Preisrede “Ein avantgardistischer Spürsinn für Relevanzen. Was den Intellektuellen auszeichnet” (zur Verleihung des Kreisky-Preises 2005 an ihn) war schon 2006 im Internet zu lesen (Teil1 und Teil 2 beim Standard) und wurde in einigen Weblogs diskutiert. So wurde Habermas’ Pessimismus bezüglich des öffentlichen Diskurses im Internet kritisiert.
In den letzten Tagen hat der Text im Netz wieder die Runde gemacht – ich nehme an, weil am Dienstag bei Transformations of the Public Sphere eine kondensierte Version des Textes, der 2009 in dem Band “Europe: The Faltering Project” (Polity Press, 2009) abgedruckt wurde, erschien: “An Avantgardistic Instinct for Relevances: Intellectuals and their Public“. Das PDF der vollständigen deutschen Version, die in der Essaysammlung “Ach, Europa” (2008) abgedruckt wurde, findet sich beim Renner-Institut. [via Political Theory – Habermas and Rawls]

In seiner Preisrede stellt Habermas fest, dass die Sphäre des Öffentlichen informeller werde und die gewohnten Rollen darin verschwämmen. Aufgrund der dezentralen, informellen Struktur des Öffentlichen im Internet und dem Mangel eines gefilterten Pools an Nachrichten stünden die Beiträge der Intellektuellen nicht mehr im Fokus. Diese Form der Öffentlichkeit basiere mehr auf Popularität als auf guten Argumenten. Intellektuelle sollten es als Privileg betrachten, nicht um Popularität zu buhlen und stattdessen ein Gespür für relevante Themen haben.

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