Buchtipp: Elif Özmen – Politische Philosophie zur Einführung

Elif Özmen, Professorin für Philosophie an der Universität Regensburg, hat 2013 in der bekannten Junius-Reihe ein Bändchen zur Einführung in die Politische Philosophie veröffentlicht. Die Beiträge dieser Reihe sind einheitlich kurz gehalten – um die 160 Seiten, und wollen damit keine umfassende und erschöpfende Darstellung eines Sachgebietes liefern, sondern einen Einstieg, in dem zentrale Fragen und aktuelle Probleme im Rahmen einer konzeptionellen Darstellung beschrieben werden.

Özmen referiert die wichtigsten und meistdiskutierten Positionen und Probleme der Politischen Philosophie der letzten Jahrzehnte, insbesondere die Beiträge von John Rawls, Jürgen Habermas und Martha Nussbaum. In der Philosophie sind besonders die Begründungsstrategien für politische Konzepte von Interesse, auf die Özmen ausführlich eingeht. Auch konfliktbeladene Themen wie Gemeinschaft, Individualismus und der Andere werden in diesem philosophischen Zusammenhang behandelt.

Das Büchlein zeichnet sich durch seine sprachlich klare Darstellung und die Fokussierung in der Darstellung der Theorien aus. Auf dem Markt der politischen Theorien gibt es freilich zahlreiche weitere Moden, wohl auch solche, die von bleibender Bedeutung sein werden. Mit diesem Einführungsband hat man jedenfalls eine Darstellung eines Kerns von Theorien und Problemen, mit denen man sich in jedem Fall vertraut zu machen und auseinander zu setzen hat.

Raymond Boudon gestorben

Der französische Soziologe und Philosoph Raymond Boudon ist am 10. April 2013 verstorben.

Raymond Boudon ist insbesondere durch seine Arbeiten zur Methodologie der Sozialwissenschaften, zur Kritik der Rational Choice Theory, Ideologiekritik, zu soziologischen Klassikern, zur Rationalität und zur Demokratie bekannt. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht – darunter in seinen letzten Lebensjahren engagierte Beiträge zu öffentlichen Debatten. Einen Überblick gibt der französische Wikipedia-Artikel zu Boudon.

Kurze englische Nachrufe finden sich beim Blog “Oxford Sociology” und auf der Seite des Oxforder Nuffield College.

Einen interessanten Aufsatz, in dem Boudon die Frage diskutiert, ob die Soziologie Wissenschaft oder Literatur sei, findet man hier: Sociology that really matters.

In den französischen Medien findet Boudon nicht ein so großes Echo wie seine Kontrahenten Bourdieu oder Foucault. (Boudon hat es bedauert, dass es in der akademischen Landschaft der französischen Geistes- und Sozialwissenschaften keine Debatte zwischen gegensätzlichen Schulen gegeben habe.) Dennoch ergibt die Suche einige Ergebnisse zu Nachrufen in französischer Sprache (einen deutschen Nachruf habe ich nicht gefunden).
Der Figaro hat hier, hier und hier jeweils einen Nachruf.

Bei Contrepoints wurden vier Nachrufe veröffentlicht: hier, hier, hier und hier.

“Enquete & Debat” bringt einen Nachruf in Form einer Kurzdarstellung von Boudons Buch “L’art de se persuader”.

Einen englischen Nachruf bringt das Blog des French Economic Observatory.

Ist China konfuzianisch?

Ist China konfuzianisch? Diese Frage wird immer wieder mal gestellt. Dabei ist sie gar nicht so einfach zu beantworten. Man muss dazu natürlich historische und soziologische Fakten heranziehen. Aber das größte Problem besteht darin, dass hier zwei Kollektivbegriffe im Spiel sind, nämlich “China” und “konfuzianisch” – also Begriffe, mit denen in diesem Fall nach Eigenschaften von Kollektiven gefragt wird.

“China” ist ja zunächst einmal die Bezeichnung eines Staates, und mit der Frage könnte die Regierungsform, die Verfassung oder die Gesetze, die Kultur oder die Mentalität der Bevölkerung usw. gemeint sein. Wenn dies geklärt wäre, müsste man außerdem wissen, nach welchen Kriterien man einen Staat oder eine Kultur usw. als “konfuzianisch” bezeichnen könnte. Es liegt auf der Hand, dass dies nur sehr ungenau geschehen kann, als eine Pauschalisierung, die notwendig Phänomene außer Acht lässt, die ebenso für ein kollektives Gebilde von Bedeutung sind. Genau das Gleiche ist der Fall bei Fragen wie “Sind die Deutschen sozialdemokratisch” oder “Ist Skandinavien liberal?”

Dies wird anhand der Frage, ob China konfuzianisch ist, besonders deutlich.
Der Konfuzianismus war in den letzten Jahrhunderten des Kaiserreiches Staatsreligion. Von Konfuzius, der sich keineswegs als Prophet oder Religionsstifter verstand, war dessen Lehre niemals so intendiert gewesen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben Chinesen den Konfuzianismus als lähmend empfunden und als Ursache für die kulturellen und sozio-ökonomischen Probleme des Landes gesehen. Deutlich kam dies damals in der Losung “Zerschlagt den Konfuzius-Laden!” zum Ausdruck.

Einen Höhepunkt dieses chinesischen Anti-Konfuzianismus stellt die maoistische Kulturrevolution dar mit ihrer Zerstörung geschichtlicher Artefakte und der ideologischen Umorientierung. Seit der Öffnung Chinas hat es hier ein allmähliches Umdenken gegeben, und mittlerweile ist der chinesischen Staatsführung eher daran gelegen, Konfuzius wieder als Nationalheiligen zu installieren. Dass der Bruch jedoch tief ist, bestätigt der chinesische Philosoph Tu Weiming, der in einem Dialog mit Francis Fukuyama in Stanford 2012 von der “totalen Zerstörung der kulturellen Tradition” spricht (s. Video hier ab 43:50 min). Konkret zeige sich das darin, dass höchstens 10 Prozent selbst der besten Studierenden in Peking die Bedeutung zentraler Textstellen des Konfuzianismus verstünden.

Abgesehen davon, dass das 20. Jahrhundert die kaiserlichen konfuzianischen Institutionen hinweggefegt hat, zeigt sowohl die alte als auch die moderne Praxis der Berufung auf Lehrsätze des Konfuzius, dass damit oft recht willkürlich umgegangen wird, so dass Gegensätzliches mit dem Anspruch vorgetragen wird, durch den Meister legitimiert zu sein. Dies ist natürlich ein typisches Fundament für ideologische Schlachtfelder, wenn auch keineswegs im Sinne des Konfuzius.

Der Münchener Sinologe Hans van Ess hat 2003 darauf hingewiesen, dass nicht immer, wenn es heißt, dass ein modernes soziokulturelles Phänomen Ostasiens typisch konfuzianisch sei, es sich auch um eine spezifisch konfuzianische Eigenschaft handelt. Familienbindung und sozialer Zusammenhalt beispielsweise habe es in Europa auch lange gegeben und seien heute für Regionen in Italien oder im Vorderen Orient ebenfalls kennzeichnend. Oder der Gegensatz von Kollektivismus zum angeblich europäischen Individualismus sei problematisch, weil sich der konfuzianische Gelehrte allzuoft und zu seinem Leidwesen als Individuum gegenüber der Gesellschaft wiedergefunden habe, und weil Chinesen sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Vergleich zu Japanern als individualistisch verstanden hätten.

Dem kann man hinzufügen, dass die Ethik des Konfuzius und des Meng Zi die individuelle Verantwortung betonen, selbst in unhinterfragten Unterordnungsbeziehungen. Ein bedingungsloses Mitlaufen mit dem Kollektiv ist für sie moralisch inakzeptabel.

Für eine moderne Moralphilosophie können die konfuzianischen Quellentexte interessante und ergiebige Ausgangspunkte sein. Entsprechende Untersuchungen hat es einige in den letzten Jahrzehnten gegeben. Weniger aussichtsreich scheint dagegen der Versuch zu sein, mit dem Adjektiv “konfuzianisch” einen angeblich besonderen, eigenartigen chinesischen oder asiatischen Charakterzug auszuzeichnen, der unvergleichbar sein soll – sei er nun, je nach ideologischer Geschmacksrichtung, positiv oder negativ.

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