Scruton über neuen Szientismus in Kunst und Geisteswissenschaften

In The New Atlantis hat Roger Scruton einen Artikel über die neueste Form von Szientismus geschrieben, die mit dem Anspruch antritt, Kunst und Geisteswissenschaften wissenschaftlich, zuverlässig und produktiv zu machen: “Scientism in the Arts and Humanities“.

In der Kunst sieht Scruton die “Neurorüpel” mit einer “Neuroästhetik” am Werk, denen ein fMRI des Kunstbetrachters genügt, um die Bedeutung eines Kunstwerks zu erfassen. In den Geisteswissenschaften sieht er die von Richard Dawkins und Daniel Dennett propagierte Memetik als ideologiekritische Illusion – sie sei selbst eine Magie -, durch die man nicht mehr zwischen Bachs Matthäuspassion und einem Hai in Formaldehyd unterscheiden könne.

Scruton verteidigt dagegen eine Subjektivität, die sich rational Sinngehalte erschließen kann. Dafür seien Hochkultur, Kunst und Geisteswissenschaften lebensnotwendig.

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A propos Geisteswissenschaften, Internet und Computer

Die Behauptung, die Geisteswissenschaften würden sich nach wie vor nicht mit dem Internet und den neuen Technologien beschäftigen, ist ja in den letzten drei, vier Jahren immer wieder mal geeignet, ein wenig Aufmerksamkeit zu erregen. Und wenn man es eben nicht besser weiß, glaubt man gern, dass sie stimmt. Vergeistigte Kopfmenschen haben bestimmt noch nicht vom Internet gehört, und den Goethe würden sie dafür nicht aus der Hand legen. Das weiß doch jeder. Wenn man dann auf das Gegenteil hinweist (bspw. das riesige Gebiet der Technik- und Medienethik), so wird das gern ignoriert.

Heute habe ich mal wieder einige Schulbücher für den Philosophieunterricht durchgesehen. Zwei Bücher davon sind der Praktischen Philosophie gewidmet. Sie sind aus unterschiedlichen Verlagen und behandeln das Thema Mensch, Computer und Internet in einem eigenen Kapitel. Beide aus dem Jahr 2001.

Monetarisierung von Universitäten – US-Style

Bei Time – Ideas beklagt Paul Campos die Folgen der ausufernden Ökonomisierung der Universitäten in den USA, insbesondere die damit verbundene Megalomanie der akademischen Administration, die immer größer und immer teurer werde. Auch den Evaluationszirkus hält er für überzogen. Das was Investmentbanker den “Markt” nennen, präge immer mehr jeden Aspekt der amerikanischen Kultur. Dem hält Campos entgegen: “Universities are not businesses”.

Jon Cogburn, bei dem ich den Hinweis auf den Artikel gefunden habe, fühlt sich bei diesem Thema an den Zwang erinnert, seinen Enthusiasmus durch Mitsingen der Gemeindelieder zu bezeugen.

Dazu passend, wenn auch aus einem anderen Zusammenhang, ein Interview mit Julian Nida-Rümelin über die Zukunft der Philosophie (und Geisteswissenschaften) bei Tabula Rasa.

Plädoyer für Humanities

Rachel Maddow, in den USA bekannt als Fernsehmoderatorin und Aktivistin, hebt in einem Vortrag an der Stanford University die Bedeutung der Humanities hervor, wie die News Seite von Stanford berichtet. Sowohl beruflich als auch politisch sei es entscheidend, Argumente gut zu formulieren. Und das würden eben Disziplinen wie Philosophie oder Sprachwissenschaften vermitteln. Neben guten Ingenieuren, Ärzten, Wissenschaftlern etc. bräuchte die Gesellschaft auch gute Schriftsteller, Journalisten, Künstler …

Universität Oxford lehnt das Bildungsprogramm der Regierung ab

In Großbritannien herrscht viel Unmut und Aufregung, seitdem die neue Regierungskoalition ihr Programm der Bildungsfinanzierung verkündet hat. Geistes- und Kulturwissenschaften erhalten weniger Geld, mehrere Departments werden geschlossen, Studiengebühren werden erhöht.
Nun hat die Universität Oxford formell erklärt, sie besitze “no confidence” in diese Bildungspolitik. Der Historiker Robert Gildea nennt die politischen Maßnhamen “rücksichtslos, inkohärent und inkompetent”. Auch in Cambridge soll man an einem offiziellen Votum im Sinne von “no confidence” arbeiten.

Für eine Kultur respektvoller Debatten – Martha Nussbaum

Martha Nussbaums Buch “Not for Profit” über die Relevanz der Geisteswissenschaften wird in Großbritannien und den USA viel diskutiert. Völlig zu Recht weist sie darauf hin, dass es sich um ein weltweites Problem handelt.

Ende letzten Jahres wurde im Blog “In Socrates’ Wake” in mehreren Beiträgen über “Not for Profit” diskutiert, und am 8. November 2010 antwortete Martha Nussbaum auf die Diskussion. Sie wies auf einige positive Aspekte des amerikanischen Systems hin, die es in dieser Form in Deutschland nicht oder nur ansatzweise gibt.
Außerdem diskutiert sie die Verantwortung der Geisteswissenschaft – und dieser Teil scheint mir in Manchem übertragbar auf die Situation in Deutschland, aber auch von ganz eigener Wichtigkeit zu sein.
Sie hält in den akademischen Disziplinen einen Respekt für ernsthafte Argumente ebenso für erforderlich wie das Ideal, dass widerstreitende Positionen mit Respekt und verständnisvoll untersucht werden müssen. Beides vermisst sie insbesondere in den Literaturwissenschaften (“literature departments”). Sie diskutiert dann einige amerikanische Besonderheiten, und streicht dann noch einmal die Bedeutung des “respektvollen Argumentierens” für die demokratische Kultur heraus.

Sowohl, was ihre Einschätzung dieser Wichtigkeit, als auch was die typischen Symptome des Ignorierens dieses Werts angeht, stimme ich ihr zu. Hiesige Debatten, etwa in der Politik oder im Internet, lassen in ganz erstaunlichem Maß die Fähigkeit und Bereitschaft vermissen, Themen sachgerecht darzustellen und alternative Positionen angemessenen zu diskutieren. Stattdessen werden die eher üblichen, ohnehin schon unverzeihlichen rhetorischen Fouls nicht selten von mehr oder weniger verschleierten ad-hominem-Attacken gekrönt.

Tatsächlich haben die Geisteswissenschaften die Aufgabe, den Studierenden die Fähigkeit zu intellektuellem Respekt beizubringen, und tatsächlich ist es erforderlich, diese Fähigkeit möglichst weit zu verbreiten. Destruktive Machtkämpfe in Debatten sind psychologisch und kulturell krank.
In Martha Nussbaums Worten: “I so often see opposing positions demonized and not engaged with seriously, and I think this is a grave failing of our culture.” Erforderlich ist “a way of putting forward one’s own position (by persuasive argument) that is not insulting but deeply respectful.

Nussbaum-Interview: Aufklärung im 21. Jahrhundert

Die RSA hat in der letzten Zeit Videos einiger Vorträge veröffentlicht, die im Netz viel Aufmerksamkeit fanden. Vor zwei Monaten war Martha Nussbaum eingeladen, über Aufklärung im 21. Jahrhundert zu sprechen. In den USA und Großbritannien ist ihr kürzlich erschienenes Buch “Not for Profit: Why Democracy Needs the Humanities” viel diskutiert worden, weil die Relevanz der Geisteswissenschaften in der politischen Agenda in Frage gestellt wird.
Im Video legt Martha Nussbaum einige ihrer Positionen zu Fragen der Moral und Politik in kurzer, anschaulicher Form dar. Es kann hier heruntergeladen werden (hier nur Audio).

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Studier nicht Geisteswissenschaften!

Thomas H. Benton hat im Chronicle of Higher Education einen Artikel veröffentlicht, in dem er eindringlich davor warnt, ein geisteswissenschaftliches Studium an einer Graduate School aufzunehmen: “The Big Lie About the ‘Life of the Mind’“. Offenbar beobachtet und kommentiert Benton seit Jahren die berufliche Situation von Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer in den USA. Die Situation dort ist sicher anders, und in Manchem vielleicht extremer als in Deutschland. Doch so ganz unvertraut kommen einem seine Beschreibungen von frustrierender Jobsuche und falschen Versprechungen und Erwartungen nicht vor.
Schon in früheren Artikeln war sein Fazit: “Lass es einfach!” Die Berufsaussichten für Geisteswissenschaftler seien schlecht, die finanzielle und psychische Belastung für Graduierte auf der in den meisten Fällen jahrelangen Jobsuche extrem. Im Prinzip sei ein höherer Abschluss in einem geisteswissenschaftlichen Fach nur für Leute geeignet, die keine finanziellen Sorgen haben – also Kinder wohlhabender Eltern oder Partner von etablierten Berufstätigen. Ein PH.D. sei ein zu großes berufliches Risiko, die Professoren würden diese Realität kaum ausreichend ihren Studenten vermitteln, und der leisen Hoffnung, gut genug für eine der wenigen Anstellungen im akademischen Bereich zu sein, stünde die Inflation an Absolventen gegenüber.

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