Open MIND – Wissenschaft frei zugänglich

Der menschliche Geist ist ein erstaunlich Ding: nach Monaten kann er aus dem Nichts Informationen an die Oberfläche spülen, die vorher durch einen Berg konkurrierender Daten verschüttet waren.

Bereits im Februar hatte mich Thomas Metzinger auf Open MIND hingewiesen: eine Textsammlung mit aktuellen Beiträgen zu den Themen Geist, Gehirn und Bewusstsein. Zu jedem der 39 Aufsätze gibt es einen Kommentar und eine Replik. All dies kann man – Open Access eben – einzeln oder auch im Paket auf der Seite von Open MIND herunterladen, als epub- oder als pdf-Datei. 90 sowohl jüngere als auch altbekannte Autorinnen und Autoren sind beteiligt, darunter Andreas Bartels, Ned Block, Paul M. Churchland, Daniel Dennett, Thomas Metzinger, Albert Newen, Alva Noe und Jennifer Windt

Owen Flanagan rezensiert Lynn Rudder Bakers Buch über den Naturalismus

Lynne Rudder Bakers neues Buch “Naturalism and the First-Person Perspective” ist 2013 bei Oxford University Press erschienen. Rudder Baker erläutert darin ihre Position, dass der Naturalismus eine Reihe von Tatsachen nicht zu fassen bekommt, beispielsweise Schmerzerfahrungen oder Gedanken, die ein Selbstkonzept enthalten. Der Naturalismus möchte solche Phänomene reduzieren oder aus dem Inventar dessen, was real ist, streichen. Daran scheitert er aber, so Rudder Baker.

Owen Flanagan, Autor einiger Bücher zur Philosophie des Geistes und über den Naturalismus, renzensiert dieses Buch nun in einer gut lesbaren Review bei NDPR.

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Oliver Sacks über das mentale Leben von Würmern

Charles Darwin hat aufgrund seiner Untersuchung des Verhaltens von Würmern bei ihnen “the presence of a mind of some kind” vermutet. Auch andere Wissenschaftler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren fasziniert vom Verhalten und dem Nervensystem verschiedener Arten. Der junge Sigmund Freud dokumentierte die Ähnlichkeit der Nervenzellen von niederen und höheren Arten. Die Fähigkeiten von Pflanzen und Insekten sind erstaunlicher, als gemeinhin angenommen.

In einem sehr gut lesbaren Artikel berichtet Oliver Sacks in der New York Review of Books über diese interessanten Forschungen: “The Mental Life of Plants and Worms, Among Others“.

Joseph LeDoux interviewt Ned Block über das Bewusstsein

Joseph LeDoux, einer größeren Öffentlichkeit bekannt durch sein Buch “Das Netz der Gefühle“, hat eine Videoserie unter dem Titel “My Mind’s eye” gestartet, die einen “idiosynkratischen Blick” auf die Fragen des Leib-Seele-Problems werfen soll.

Im ersten Video der Reihe wird Ned Block interviewt, unterlegt mit anschaulichen Visualisierungen. Block erläutert allgmeinverständlich die Positionen von Dualismus und Physikalismus, tierisches Bewusstsein und Emotionen (da Säugetiere anders als Menschen bei der Wahrnehmung kaum Gebrauch vom Frontallappen machen, glaubt Block nicht, dass sich die Emotionen von Menschen und Tieren gleichen).

Zum Schluss des Videos spielt LeDoux’s Band “The Amygdaloids” (ich berichtete, z.B. hier) den Song “My Mind’s Eye”.

Das Ganze ist also intelligente Unterhaltung. Warum wissenschaftliche und philosophische Fragen so dargeboten werden? Warum nicht?!

Das Observations-Blog des Scientific American hat auch über das Video berichtet.

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Willensfreiheit

Der blinde Hund hat bei seinem Hinweis auf die Philosophy-Bites-Episode über Willensfreiheit einen guten Artikel in Nature aufgespürt, der die Problemlage in der Debatte um Willensfreiheit anschaulich darstellt: “Neuroscience vs philosophy: Taking aim at free will“.

Neurowissenschaftler wie Benjamin Libet oder John-Dylan Haynes liefern experimentelle Ergebnisse, die die Zunft gerne als Widerlegung der Willensfreiheit interpretiert. Demgegenüber weisen Philosophen darauf hin, dass damit zwar der Dualismus von Seele und Körper ins Wanken gerät, der aber in der Neurophilosophie heute eher keine Rolle mehr spielt (siehe zum Beispiel hier). Die Auffassung, dass der freie Wille irgendwie seinen Platz in einer spirituellen Seele hat, wird von den meisten Philosophen heute eben nicht vertreten.

Was man aber experimentell zeigen kann, ist, dass Menschen, denen man den Glauben an ihre Willensfreiheit genommen hat, weniger hilfsbereit und aggressiver sind.

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Wird die Hirnforschung Psychologie und Philosophie überflüssig machen?

In Amsterdam findet vom 1. bis 3. April 2011 die Konferenz “Imaging the mind” statt. Sie soll, so Stephan Schleim, einer der Organisatoren, den aktuellen Stand der Hirnforschung ermitteln und einen Ausblick auf die Entwicklung von Psychologie, Philosophie und Hirnforschung werfen.
Die bildgebende Hirnforschung hat manche in dem Optimismus bestärkt, die letzten Fragen des menschlichen Bewusstseins klären zu können – und eventuell sogar Psychologie und Philosophie überflüssig zu machen. “Doch es häufen sich auch kritische Stimmen, welche die Erklärungskraft dieser Methoden für das Verständnis des menschlichen Geistes infrage stellen”, wie Stephan Schleim in seinem Blogeintrag berichtet.

Starke Zweifel haben beispielsweise Philosophen wie Julian-Nida Rümelin oder Ansgar Beckermann in ihren Büchern formuliert. (Links zu Amazon)

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Geschichte der Visualisierung des Geistes

Bei Boing Boing wird das kürzlich erschienene Buch von Carl Schoonover, “Portraits of the Mind: Visualizing the Brain from Antiquity to the 21st Century” (Affiliate Link zu Amazon) mit einigen Abbildungen daraus vorgestellt. Schoonover hat in dem Buch Bilder aus den Neurowissenschaften versammelt, die das menschliche Bemühen, den Geist zu lokalisieren und zu verstehen, veranschaulichen.
Jonah Lehrer hat das Vorwort dazu geschrieben.

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Hacker-Kritik an Neurowissenschaftlern

Der für seine Studien zu Wittgenstein bekannte und in Oxford lehrende Philosoph Peter Hacker wird im Philosopher’s Magazine porträtiert. Darin geht es um Hackers Kritik an philosophischen Einlassungen von Neurowissenschaftlern, die meistens Unsinn seien – worin er mit vielen anderen Philosophen (wie beispielsweise Peter Bieri und Ernst Tugendhat) übereinstimmt. Außerdem betrachtet Hacker die Philosophie nicht als kognitive Wissenschaft in dem Sinn wie es die Naturwissenschaften seien, die gesichertes Wissen anstreben. Philosophie befasse sich dem gegenüber mit dem Verständnis unserer Wissens: “philosophy is not a quest for knowledge about the world, but rather a quest for understanding the conceptual scheme in terms of which we conceive of the knowledge we achieve about the world.

Ein Interview zu Hackers Kritik an den Neurowissenschaften ist auf deutsch auch bei Gehirn & Geist online nachzulesen.
Auf deutsch ist zuletzt bei Suhrkamp “Neurowissenschaft und Philosophie: Gehirn, Geist und Sprache” erschienen: eine Auseindersetzung um die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften zwischen Maxwell Bennett, Peter Hacker, John Searle und Daniel Dennett.

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