Moderne Märchenstunde: Wissen ins Gehirn hochladbar

Im Trailer zu Werner Herzogs Dokumentation “Lo and Behold” behauptet jemand, bald könne das Gehirn selbst Gedanken twittern. Das klingt beeindruckend. Wirklich beeindruckend ist aber, dass Behauptungen dieser Art geglaubt werden und keinen Widerspruch erfahren.

Der Neuroskeptic widmet sich nun einer aktuellen Meldung, derzufolge Wissenschaftler einen Mechanismus gefunden hätten, mit dem konkretes Wissen von trainierten Piloten direkt ins Gehirn von Flugschülern hochgeladen werden könne. Tatsächlich haben die in der Meldung zitierten Wissenschaftler nie etwas Derartiges behauptet. Und niemand hat bislang aus elektrischen Signalen des Gehirns Daten aufgezeichnet, die zum Beispiel dem Wissen eines Piloten entsprechen, oder solche Daten in ein Gehirn hochgeladen, geschweige denn dass man auch nur im Geringsten eine Vorstellung davon hat, wie das überhaupt im Prinzip möglich sein soll.

Update: Steven Novella kam Anfang März bei Science-based Medicine zu dem gleichen Schluss: schon beim Lesen der Überschrift der Meldung zum “Hochladen von Informationen ins Gehirn” sei klar gewesen, dass davon keine Rede sein könne.

Open MIND – Wissenschaft frei zugänglich

Der menschliche Geist ist ein erstaunlich Ding: nach Monaten kann er aus dem Nichts Informationen an die Oberfläche spülen, die vorher durch einen Berg konkurrierender Daten verschüttet waren.

Bereits im Februar hatte mich Thomas Metzinger auf Open MIND hingewiesen: eine Textsammlung mit aktuellen Beiträgen zu den Themen Geist, Gehirn und Bewusstsein. Zu jedem der 39 Aufsätze gibt es einen Kommentar und eine Replik. All dies kann man – Open Access eben – einzeln oder auch im Paket auf der Seite von Open MIND herunterladen, als epub- oder als pdf-Datei. 90 sowohl jüngere als auch altbekannte Autorinnen und Autoren sind beteiligt, darunter Andreas Bartels, Ned Block, Paul M. Churchland, Daniel Dennett, Thomas Metzinger, Albert Newen, Alva Noe und Jennifer Windt

Neuroblahblah

Steven Poole schreibt im New Statesman eine bissige Polemik gegen die “Neurowissenschaften-erklären-alles”-Mode. Gleich zu Beginn stellt er fest: “Eine neue Seuche ist ausgebrochen.” Man müsse nur das Präfix “Neuro” vor seine Erklärung kleben, und schon verschaffe man sich die Würde computerbasierten Laborkittelgefunkels. Ob Religion oder konservative Mentalität – die solcherart untersuchten Objekte sind nur noch pathologische Fälle der Gehirnbiologie und nicht mehr rationale Gesprächspartner. Ob persönliche oder politische Ratgeber – die “Ramschaufklärung” der populären Neurowissenschaft hat die Antwort auf alle Fragen.

Schon William James habe sich darüber mockiert, selbst die schwierigen Fragen der Psychologie neurologisch erklären zu wollen. Entsprechend hätten manche populären Neurobehauptungen heute einen vergleichbaren Status wie solche über das Gedächtnis von Wassermolkeülen.
Schlecht kommen bei Poole Autoren wie Jonah Lehrer und Jonathan Haidt weg. Haidts verquere Empfehlung, sich von der Vernunft zu verabschieden, habe Poole befolgt und gefühlsmäßig Haidts ganze Argumentation abgelehnt.
Gehirnscans zeigten jedenfalls weniger, als aufgebauschte Thesen daraus machten, weshalb man skeptisch gegenüber “brain porn” sein solle. Was sagt schon ein fMRI-Scan eines Musikhörers über das Musikerlebnis, so Poole.

Die Ordnung der Nervenbahnen im Gehirn

Wer schon einmal Bilder aus Rechenzentren und Serverräumen gesehen hat, weiß, dass eine geordnete, strukturierte Verkabelung ein Problem der Kreativität und der Effizienz ist. Man erlebt das täglich mit dem halben Dutzend Kabeln unterm Schreibtisch. Was aber, wenn es ein paar hundert Kabel sind, wie in einem halbwegs ausgestatteten kleineren Serverschrank? Und was, wenn es um ein paar Milliarden Leitungen geht – wie im menschlichen Gehirn? Die müssen erst einmal “gepackt”, verstaut werden – und dabei auch noch flexibel bleiben, denn das Gehirn unterliegt im Laufe eines Lebens dem Wandel.

Offenbar sind die Nervenbahnen im Gehirn nicht angeordnet wie in einer Schüssel Spagetti – also ohne besonderes Ordnungsprinzip, sondern folgen einem simplen Muster, wie bei der Erstellung eines Textilgewebes: die Bahnen verlaufen im Wesentlichen schön geordnet zwischen links und rechts oder rechtwinklig dazu. Und dann gibt es natürlich noch die Orientierung nach oben und unten. Aber bitte immer schön einfach und geordnet – nicht wie in einem heillos verknoteten Kabelsalat. Diese geometrische Struktur der Nervenbahnen beschreiben Van Wedeen und Kollegen in Science (hier die Pressemitteilung).

Das folgende Video visualisiert ein solches Muster der Nervenbahnen im menschlichen Gehirn, und im darauffolgenden Video erläutert Van Wedeen, der mit seinem Team dieses Muster visualisiert hat, diese neuronale Gewebestruktur.

Visualisierung der “Hirnverkabelung” (ohne Ton)

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Van Wedeen erläutert die 3d-Struktur der Nervenbahnen im Gehirn:

Ansgar Beckermann über Willensfreiheit und Gerhard Roth

Am 6. März hat Ansgar Beckermann vor der Philosophischen Gesellschaft Bremen und der Wissenschaftsvereinigung “Wittheit” einen Vortrag zum Thema “Gehirn, Ich, Freiheit” gehalten. Das Vortragstehema ist der Titel seines gleichnamigen Buches. Aus diesem Anlass hat Radio Bremen ein Interview mit ihm geführt, das hier zu hören ist.
Beckermann geht kritisch auf die Argumente von Neurowissenschaftlern wie Gerhard Roth oder Wolf Singer ein, die behaupten, die Libet-Experimente würden zeigen, dass es keine Willensfreiheit gibt. Offenbar, so Beckermann, vertreten Roth und Singer nach wie vor den Cartesischen Dualismus von Körper und Seele. Unter dieser Voraussetzung kann es keine Bestätigung für einen freien Willen geben. Stattdessen müssten sie sich von der künstlichen Trennung von Gehirn und Person verabschieden.

Das folgende Video ist ein Ausschnitt eines anderen Vortrags von Beckermann an der Uni Heidelberg, in dem er das Argument mit den Libet-Experimenten erläutert:

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Wird die Hirnforschung Psychologie und Philosophie überflüssig machen?

In Amsterdam findet vom 1. bis 3. April 2011 die Konferenz “Imaging the mind” statt. Sie soll, so Stephan Schleim, einer der Organisatoren, den aktuellen Stand der Hirnforschung ermitteln und einen Ausblick auf die Entwicklung von Psychologie, Philosophie und Hirnforschung werfen.
Die bildgebende Hirnforschung hat manche in dem Optimismus bestärkt, die letzten Fragen des menschlichen Bewusstseins klären zu können – und eventuell sogar Psychologie und Philosophie überflüssig zu machen. “Doch es häufen sich auch kritische Stimmen, welche die Erklärungskraft dieser Methoden für das Verständnis des menschlichen Geistes infrage stellen”, wie Stephan Schleim in seinem Blogeintrag berichtet.

Starke Zweifel haben beispielsweise Philosophen wie Julian-Nida Rümelin oder Ansgar Beckermann in ihren Büchern formuliert. (Links zu Amazon)

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Geschichte der Visualisierung des Geistes

Bei Boing Boing wird das kürzlich erschienene Buch von Carl Schoonover, “Portraits of the Mind: Visualizing the Brain from Antiquity to the 21st Century” (Affiliate Link zu Amazon) mit einigen Abbildungen daraus vorgestellt. Schoonover hat in dem Buch Bilder aus den Neurowissenschaften versammelt, die das menschliche Bemühen, den Geist zu lokalisieren und zu verstehen, veranschaulichen.
Jonah Lehrer hat das Vorwort dazu geschrieben.

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Hacker-Kritik an Neurowissenschaftlern

Der für seine Studien zu Wittgenstein bekannte und in Oxford lehrende Philosoph Peter Hacker wird im Philosopher’s Magazine porträtiert. Darin geht es um Hackers Kritik an philosophischen Einlassungen von Neurowissenschaftlern, die meistens Unsinn seien – worin er mit vielen anderen Philosophen (wie beispielsweise Peter Bieri und Ernst Tugendhat) übereinstimmt. Außerdem betrachtet Hacker die Philosophie nicht als kognitive Wissenschaft in dem Sinn wie es die Naturwissenschaften seien, die gesichertes Wissen anstreben. Philosophie befasse sich dem gegenüber mit dem Verständnis unserer Wissens: “philosophy is not a quest for knowledge about the world, but rather a quest for understanding the conceptual scheme in terms of which we conceive of the knowledge we achieve about the world.

Ein Interview zu Hackers Kritik an den Neurowissenschaften ist auf deutsch auch bei Gehirn & Geist online nachzulesen.
Auf deutsch ist zuletzt bei Suhrkamp “Neurowissenschaft und Philosophie: Gehirn, Geist und Sprache” erschienen: eine Auseindersetzung um die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften zwischen Maxwell Bennett, Peter Hacker, John Searle und Daniel Dennett.

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Spiegelneurone – real oder Religion?

In der Debatte um die Existenz von Spiegelneuronen hat es neue interessante Beiträge gegeben.

Eine Studie stellt fest, dass Spiegelneurone in mehreren Bereichen des menschlichen Gehirns vorkommen sollen:
Is this the first ever direct evidence for human mirror neurons?

Demgegenüber ist Greg Hicock der Auffassung, dass die Theorie der Spiegelneurone unfalsifizierbar ist. Er zitiert Patricia Churchland, die in einer Diskussion über dieses Thema gesagt haben soll: “If mirror neurons are all over the brain then don’t they lose their explanatory power? Aren’t we now just back to our old friend, the How Does the Brain Work Problem?”:
Mirror Neurons – The unfalsiable theory

Der Neurocritic greift diese Position auf und führt sie weiter:
Mirror Neurons Join Marilyn Monroe Neurons and Halle Berry Neurons in the Human Hippocampus