Texte zur Philosophie der Bildung – Rezension von „Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …“

Hans-Ulrich Lessing und Volker Steenblock haben im Verlag Karl Alber eine Sammlung klassischer Texte zur Philosophie der Bildung mit dem Titel „Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …“ (Link zur Verlagsseite) herausgebracht. Die Textsammlung ist aus Lehrveranstaltungen an der Ruhr-Universität Bochum hervorgegangen und liegt 2013 bereits in 2. Auflage vor. Sie enthält Auszüge aus klassischen Bildungstexten von Platon über Pico und Comenius, Schiller, Humboldt und Herder bis zu Adorno, Gadamer und Bieri.

Den Schwerpunkt haben die Herausgeber auf das Bildungsideal der Deutschen Klassik gelegt, weil sie diese Tradition für besonders relevant halten, insbesondere in Auseinandersetzung mit der heutigen Situation in der Bildungspolitik, die von Ökonomisierungsgesichtspunkten gerade auch in der Definition der Aufgabe von Bildung geprägt ist. (Dazu haben sich in jüngster Zeit auch Philosophen wie Martha Nussbaum, Julian Nida-Rümelin oder Reinhard Brandt geäußert.) In der Tat sind demgegenüber solche Bildungskonzeptionen ein notwendiger und höchstaktueller Beitrag zur Verständigung über Bildungsaufgaben, die a) die Ausbildung der individuellen Persönlichkeit zur Bewältigung einer komplexen Zivilisation und b) die kulturellen Grundlagen einer demokratischen und kritischen Zivilgesellschaft in den Blick nehmen.

Die Auswahl dieser Klassiker ist also durchaus aktuell. Vollständigkeit würde den Rahmen jeder handlichen Textsammlung sprengen – auch wenn hier beispielsweise Beiträge von Mill, Dewey, Russell, oder Martha Nussbaum das Spektrum gut ergänzen würden. So haben Lessing und Steenblock einen handhabbaren Textband mit einem klaren Fokus und einer fundierten Auswahl vorgelegt.

An der zentralen Bedeutung von Schiller und Humboldt für die Bildungsphilosophie besteht kein Zweifel, zumal sie auch in der angelsächsischen Philosophie zu diesem Thema ihre Spuren hinterlassen haben (Humboldt z.B. in Mills „On Liberty“, Schiller bspw. über Moritz Schlick, einem der Begründer der Analytischen Philosophie).

Ein für mich noch blinder Fleck war die Auffassung Droysens, der eine auch heute noch informative Theorie der historisch geprägten individuellen Entwicklung der Persönlichkeit vorträgt, die er aber mit einer nicht ganz unproblematischen, an Hegel angelehnten Geschichtsphilosophie verbindet. Ein weltgeschichtlicher Bildungsbegriff läuft Gefahr, Imperative des “Systems” oder des “Ganzen” – und dazu gehören eben auch die heutigen angeblichen „Sachzwänge“ – über das Individuum zu stellen. Es ist ja nicht a priori ausgemacht, wer befugt ist, die relevanten Imperative oder Sachzwänge auf die Agenda zu heben und andere dafür zu streichen, und zudem – so stellt Droysen gleich zu Beginn des ausgewählten Textes fest, darf das Individuum nicht „Opfer der Mittel“ werden.

Dazu passt dann gut Nietzsches Klage – wenn auch auf das wilhelminische Gymnasium bezogen – über das uninspirierte Pauken der Klassiker sowie von Mathematik und Naturwissenschaften. Es gehe eben nur um eine “Abrichtung”, um das hastige “Fertig”-werden für den Beruf und den Staat – was Nietzsche “unanständig” findet, weshalb er an den Schulen und Universitäten auch nur “gelehrte Rüpel” als Lehrer ausmacht – von Ausnahmen abgesehen. Was ihm demgegenüber fehlt, das ist mit und in den Bildungsinhalten auch zu leben, sie als ein Vermögen zu erwerben, so dass man von einem “wirklichen Können” sprechen kann.

Dass diese Mängel nicht geringer geworden sind, und wie relevant das heute schon kaum noch vernehmbare Bewusstsein der Notwendigkeit von auf die Person bezogener, also humanistischer Bildung ist, stellen zum Schluss der Sammlung Texte von Adorno, Jörg Ruhloff und Peter Bieri dar.

Die Textsammlung “Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …” ist als Übersicht klassischer Positionen zur Bildungsphilosophie, für Einführungsseminare und zum Nachschlagen einiger der zentralen Textstellen von Platon, Schiller, Humboldt oder Bieri sehr gut geeignet. Eine Literaturliste enthält weitere Hinweise zur Lektüre – so z.B. auf den Sammelband von Cahn, “Philosophy of Education”, der klassische Texte aus angloamerikanischer Perspektive enthält.

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Stark sein im Leiden? Christopher Hitchens äußert Zweifel

“Was mich nicht umbringt, macht mich stärker” – mit dieser Maxime Nietzsches setzt sich der krebskranke Christopher Hitchens in der Vanity Fair auseinander. Existenzielle Bedrohungen öffnen den Blick für die Tauglichkeit von Parolen. So sieht Hitchens das oft bemühte Zitat Nietzsches in einem anderen Licht.

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