Steven Pinker antwortet seinen Kritikern

Steven Pinkers Buch “The Better Angels of Our Nature: A History of Violence and Humanity” (deutsch als “Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit” erschienen) hat einige Aufmerksamkeit bekommen. Er vertritt darin die These, dass die Gewalt in der Geschichte der Zivilisationen zurückgegangen sei.

In der Zeitschrift “Sociology” antwortet er jetzt auf einige kritische Rezensionen. Die Antwort bietet er als PDF auf seiner Webseite (PDF) an. Unter anderem nimmt er Stellung zu dem Vorwurf, er habe Foucault nicht berücksichtigt: trotz Foucaults guruartigem Status halte er dessen Theorie für exzentrisch und schlecht argumentiert.

Angesichts der Ereignisse in den letzten zwei Jahren seit Erscheinen seines Buches beschäftigt sich Pinker auch mit der Frage, ob die Gewalt wieder zunimmt (ebenfalls als PDF auf seiner Seite).

John Gray, der sich in den letzten Jahren offenbar in seiner Rolle als Polemiker gefällt, hat sich leidenschaftlich in mehreren Artikeln auf Pinkers Thesen eingeschossen: schon 2011 bezeichnete er sie als “Nonsense” (Grays Argumente nimmt wiederum Steve Clarke im “Practical Ethics”-Blog der Universität Oxford unter die Lupe) und erst vor einer Woche legte Gray im Guardian wieder nach: Pinkers These sei Wunschdenken.

.

Kirche, Evolution und Moral

Papst Benedikt hat die Behauptung, dass der Katholizismus nicht mit der Evolutionstheorie vereinbar sei, als absurd bezeichnet. Es wird interessant sein, zu beobachten, wie sich in dieser Frage die Einstellung der katholischen Kirche unter dem neuen Papst entwickelt. Einige Anmerkungen dazu bei io9.

Und es geht ja nicht nur um solch theoretische Fragen. Die aus Rom propagierte Moral ist oft unmenschlich. Dazu einige Überlegungen von Stephen Fry in folgendem Video:

Die negativen Konsequenzen von Bildungsgutscheinen

Im vorletzten Beitrag zu Albert O. Hirschmann wurde seine Arbeit zu Exit-Optionen in der Bildung erwähnt. Seit Milton Friedman in den 50er-Jahren die Idee der school vouchers, der Bildungsgutscheine, formuliert hat, wird diese Praxis mit marktökonomischen Begründungen zunehmend eingeführt und ist insbesondere in den USA bekannt.

Hirschmann hat die Nachteile dieses Systems frühzeitig beschrieben. Eine negative Konsequenz von Bildungsgutscheinen zeigt sich aktuell in den US-Staaten, in denen der Kreationismus auf den Unterrichtsplan gehievt und die Evolutionstheorie verdrängt werden soll. In Louisiana profitieren mindestens 19 Schulen vom voucher system, in denen dem Monster von Lech Ness Realität zugesprochen, der Evolutionstheorie abgesprochen wird. Dies hat ein 19-jähriger Aktivist gegen die Verbannung von wissenschaftlichen Schulbüchern bei der Überprüfung von Schulprogrammen festgestellt.

Szientismus – Wissenschaft idiotisiert

Austin L. Hughes ist Professor für Biowissenschaften. Im New Statesman hat er eine Kritik des jüngsten Szientismus veröffentlicht: “The Folly of Scientism“.
Die Erfolge der Naturwissenschaften seien so beeindruckend gewesen, dass Naturwissenschaftler zunehmend daraus gefolgert hätten, die Naturwissenschaften könnten alles klären, und die Philosophie sei überflüssig. Als Beispiele nennt Hughes den Chemiker Peter Atkins und den Physiker Stephen Hawkings. Über Karl Popper kommt er zum Abgrenzungsproblem und von da aus zu Carnap, Quine und van Fraassen. Deren Heldenverehrung der Naturwissenschaft stehe im Kontrast zu ihrer nicht immer korrekten Interpretation und Anwendung naturwissenschaflicher Ergebnisse. So seien Quines Auffassungen von den Mechanimsen des Nervensystems übervereinfacht. Auch der Rekurs auf Darwin, bei den Genannten oder in der Populärliteratur, sei oft unglücklich. “To speak of a “Darwinian” process of selection among culturally transmitted ideas, whether scientific theories or memes, is at best only a loose analogy with highly misleading implications.
Hughes geht auf viele weitere Sachbereiche und Autoren ein, so auch auf die Soziobiologie und die Evolutionäre Psychologie. Etwas ausführlicher widmet er sich Sam Harris und dessen Buch “The Moral Landscape” (2010).

Er kommt zu dem Schluss, dass Positivismus und Szientismus ihre Kompetenzen weit überschritten haben. Die Gleichsetzung von Vernunft mit Naturwissenschaft habe das genaue Gegenteil von Vernunft hervorgebracht: Wissenschaftler die glauben, eine naturwissenschaftliche Antwort auf Alles liefern zu können.
Ein solcher Szientismus sei eine gefährliche Form der Leichtgläubigkeit. Die von Szientisten reklamierte universelle Kompetenz der Naturwissenschaft werde die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft untergraben und einen radikalen Skeptizismus befördern. “Man sehnt sich nach einer neuen Aufklärung, um die Anmaßungen dieses jüngsten Aberglaubens zum Platzen zu bringen.

Austin L. Hughes, “The Folly of Scientism,” The New Atlantis, Number 37, Fall 2012, pp. 32-50.

Tierische Rituale beim Tod eines Artgenossen

Bilder von “trauernden” Elefanten oder Menschenaffen kann man gelegntlich in den Medien sehen. Dabei ist es ein noch nicht ganz aufgelöstes Problem, hier von “Trauer” zu sprechen, also den Tieren strukturell ähnliche emotionale und kognitive Prozesse zuzusprechen, wie wir sie von uns selbst kennen.

Die Tatsache allerdings, dass man bei Tieren spezifische Verhaltensweisen als Reaktion auf den Tod von Artgenossen beobachtet, ist gut erhärtet. Barbara J. King berichtet bei NPR in “Do Birds hold funerals” darüber, und kündigt ihr Buch “How Animals Grieve” für April 2013 an.

Das Phänomen der “Trauerrituale” bei Tieren ist nicht einfach nur eine zoologische Kuriosität. Als eine Instanz des emotionalen, kognitiven und sozialen Verhaltens von Lebewesen ist es im Rahmen eines naturalistischen Verständnisses des Lebens von besonderem Interesse.

Thomas Nagel über Theismus und Naturalismus

Thomas Nagel hat in der letzten Zeit seine Kollegen mit Äußerungen zur Evolutionstheorie überrascht. In der New York Review of Books diskutiert er jetzt die Thesen des Religionsphilosophen Alvin Plantinga über Theismus und Naturalismus.

Michael Ruse hingegen hatte sich zuvor schon kritisch zu Plantingas letztem Buch geäußert – wie ich hier berichtet habe. Insbesondere wirft er ihm vor, Positionen anderer verzerrt wieder zu geben und ein unfaires Diskussionsverhalten zu zeigen.

Kooperation statt Korruption

Die Bestrafung unkooperativen Verhaltens ist aus spieltheoretischer Sicht ein Problem, weil dieses Verhalten für den Bestrafer kostspielig ist und er mit Vergeltung rechnen muss. In einer korrupten Umgebung scheint es daher ratsam zu sein, nicht selbst ein Bestrafer zu sein.

Wie ist es dann aber möglich, dass sich Gesellschaften entwickeln, in denen Kooperation herrscht und die Korruption zurückgedrängt wurde? Boyd, Gintis, Bowles und Richerson haben 2003 beschrieben, wie altruistisches Bestrafen von Nicht-Kooperativen auch in größeren Gesellschaften möglich ist.

Edgar A. Duéñez-Guzmán und Suzanne Sadedin zeigen nun, wie durch Bestrafung der Korrupten und Belohnung der Bestrafer die Korruption zurückgedrängt werden kann und die Gesellschaft dabei Stabilität und ein höheres Maß an Lebensqualität erzielt.

Laurin, Shariff, Henrich und Kay zeigen in ihrer aktuellen Studie, dass die Überzeugung, eine göttliche Instanz würde Normverletzer bestrafen, dazu führt, dass reale Bestrafung reduziert und Korruption weniger bekämpft wird.

Darwinistische Ästhetik und Neuroästhetik

Adam Kirsch bespricht in “New Republic” drei Bücher, die sich aus einer darwinschen biologischen oder einer neurowissenschaftlichen Perspektive mit dem Phänomen der Ästhetik beschäftigen:
“Why Lyrics Last: Evolution, Cognition, and Shakespeare’s Sonnets”, von Brian Boyd
“Wired for Culture: Origins of the Human Social Mind”, von Mark Pagel
“The Age of Insight: The Quest to Understand the Unconscious in Art, Mind, and Brain, from Vienna 1900 to the Present”, von Eric R. Kandel

Im Raum stehen Fragen wie, ob das menschliche Kunstbedürfnis genetisch erklärbar ist, ob es etwas zur Fitness der Gene beiträgt, oder ob, wie Darwin schon angemerkt hat, der Schönheitssinn der Tiere gar nicht mit dem eines kultivierten Menschen vergleichbar sei. Analog für die – so Kirsch – verwandte neuere Neuroästhetik fragt man, wie Ästhetik als Funktion des Gehirns erklärt werden könne.

Kirsch wendet dagegen ein, Shakespeare habe in dritter Generation keine Nachfahren mehr gehabt. Nicht seine Gene, wohl aber seine Werke seien bis heute überliefert. Unter anderem dies zeige, dass die Möglichkeit, Kunst und überhaupt menschliche Unternehmungen rein darwinistisch zu erklären, einfach verschwinde, meint Kirsch. Ähnlich beurteilt er den Ertrag eines Buches des Nobelpreisträgers Eric Kandel. Auch der Neurowissenschaftler habe mit Blick auf die Erklärung lediglich Banalitäten vorzuweisen. Darwinistische und Neuroästhetik könnten, wenn sie denn mal die Mechanismen unserer ästhetischen Erfahrung erklärt haben werden, an der Art, wie wir Kunst erleben, nichts ändern.

Insgesamt ist Kirschs Kritik durchaus nicht destruktiv. Insoweit überzogene Ansprüche naturalistischer Erklärungen von Kultur bestehen, hält er sie für unbegründet.

Michael Ruse kritisiert Alvin Plantingas neues Buch

Michael Ruse äußert sich im Chronicle of Higher Education zu Alvin Plantingas neuem Buch über Religion und Theismus. Plantinga, der in früheren Auseinandersetzungen mit Ruse behauptet hatte, kein Befürworter des Intelligent Design zu sein, akzeptiert diese Auffassung nun doch in seinem Buch, so Ruse. Außerdem kritisert Ruse, dass Plantinga und andere Vertreter religiöser Auffassungen immer wieder die Thesen ihrer Gegner verzerren, auf Einwände keine Antwort liefern und Abweichler drangsalieren: “because of their unsophisticated versions of these beliefs, they simply are not prepared to engage in mature, responsible scholarship. And they bully those who are.

Plantingas Buch erhält viel Aufmerksamkeit, wie jüngst erst in der New York Times.

Vor zwei Jahren hatte Plantinga mit Daniel Dennett in Chicago diskutiert – ein offenkundig einseitig-parteilicher Bericht hatte in den Philosophieblogs die Runde gemacht. Darin heißt es, Dennett sei nicht auf die Argumente Plantingas eingegangen und habe eher eine spöttische Haltung an den Tag gelegt. Kommentare zu diesem Bericht (hier und hier) legen aber nahe, dass es Plantinga war, der Dennetts Einwand nicht zur Kenntnis nahm.

Skandal um die Zeitschrift SYNTHESE?

Ein Special Issue der Zeitschrift Synthese wird derzeit heiß diskutiert, insbesondere deshalb, weil es die Herausgeber für notwendig erachteten, einen Disclaimer zu dieser Ausgabe zu veröffentlichen. Ein Aufsatz dieser Zeitschrift kritisierte die epistemologischen Grundlagen des Intelligent Design, und wurde durch eine persönliche Attacke eines Vertreters dieser politischen Bewegung beantwortet. Die Reaktionen darauf im Internet sind zahlreich und vielfältig. Einer der Hauptkritikpunkte besagt, dass die Herausgeber durch ihren Disclaimer eine sorgfältige philosophische Position zugunsten einer zweifelhaften, politisch motivierten Attacke diskrediert haben. Möglicherweise ist dieses Blogposting bei New APPS einer guter Ausgangspunkt mit weiteren Links zu dieser Debatte.

Hier ein informatives Update.