Über den Brexit

Bisher das Beste: Timothy Garton Ash.

Der Brexit ist auch ein bitterer Verlust für Europa.

Der stärkste Indikator für Leave-Stimmen? Nicht Alter, sondern Bildung:

Dass jetzt wieder in die falsche Richtung moralisiert wird (“die Alten” usw.) lässt nichts Gutes für die Zukunft dieser Auseinandersetzung erwarten.
Siehe auch Tyler Cowen zu den Gründen für das Wahlergebnis.

Über Anti-Establishment-Rhetorik:

Für Kenner der Klassiker:

K-Team gegen R-Team über die europäische Sparpolitik

Vor einigen Tagen hatte ich darüber berichtet, dass der Ökonom Paul Krugman die europäische Sparpolitik für verfehlt hält, und dass er zwei besonders einflussreiche ökonomische Papiere, die von Verfechtern der Sparpolitik häufig als Rechtfertigung herangezogen werden, als nachweislich falsch kritisiert.

Die Autoren des bekannteren dieser Papiere, die Harvard-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff, werfen Krugman nun grob unziviles Verhalten vor (s. z.B. den Bericht auf Politico). Die Medien möchten natürlich gerne auf diese Fehde aufspringen, doch Krugman hat sich schon explizit mit dem Hinweis an die Journalisten gerichtet, wer noch halbwegs klar denken könne würde auch wissen, dass eine vermeintliche persönliche Fehde irrelevant sei – im Gegensatz zur tatsächlichen Politik. Auch der rhetorische Versuch, ihn als naiven Hippie dastehen zu lassen, trage nichts zur Sache bei.

Brad DeLong stellt sich auf die Seite von Krugman und hält 7 Punkte fest, von denen nur einer zwischen den beiden “Teams” umstritten sei – und natürlich die im Zentrum der Kritik stehende “90 % These”. Was daraus nun konkret für die europäische Finanzpolitik zu folgern ist, darauf hat Krugman gestern versucht sich einen Reim zu machen.

Markus Diem hat einen guten Überblick über diese Debatte im Tagesanzeiger veröffentlicht.

Paul Krugman: Europäische Sparpolitik beruht auf einem ökonomischen Irrtum

Paul Krugman ist auch der breiteren Internetöffentlichkeit bekannt durch seine pointierten Kommentare zur Ökonomie und Finanzpolitik. In einem ausführlichen Artikel für die New York Review of Books attackiert er erneut den Hokuspokus in der Finanzpolitik – die schwache empirische und ökonomische Fundierung der Sparpolitik als Instrument zur Behebung der Finanzkrise.

Krugman zufolge hat sich historisch immer eine ausgabenorientierte Politik à la Keynes zur Bewältigung von Krisen bewährt, während sich konservatives Sparen immer als schädlich erwiesen habe. Der Grund, warum die Sparpolitik dennoch attraktiv erscheint, kann nur politischer und psychologischer Natur sein, so Krugman. Deshalb haben Ökonomen wie er in der Krise 2008 und 2009 argumentiert, die staatlichen Stützungsmaßnahmen seien nicht ausreichend – sie sollten ausgeweitet werden. In Europa wird derzeit aber sogar im Gegenteil versucht, der Finanzkrise mit einer strengen Sparpolitik zu begegnen. Schon “Economics 101” – also die Einsteigerseminare für Studienanfänger – würden deutlich machen, dass Sparpolitik unter diesen Umständen unüberlegt ist.

Gestützt wurde die Sparpolitik der letzten Jahre durch zwei ökonomische Arbeiten, die Meilensteinstatus erwarben: ein Papier von Alberto Alesina und Silvia Ardagna aus dem Jahr 2009 und eines der Harvard-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff. Insbesondere die letzte Arbeit habe so viel Einfluss gehabt wie noch kein anderes Papier in der Geschichte der Ökonomie. Mittlerweile hat sich jedoch herausgestellt, dass das Ergebnis dieser Arbeit aus Programmierfehlern, Datenauslassungen und ungewöhnlichen Statistikmethoden resultierte, so Krugman. Auch das Papier von Alesina und Ardagna habe einer Überprüfung nicht standgehalten; die Ergebnisse seien in sich zusammengefallen. Gleichwohl seien sie zur Grundüberzeugung der europäischen Spar-Orthodoxie geworden.

“At this point, then, austerity economics is in a very bad way”, resümiert Krugman. Dies sei dramatisch, weil es zu schweren politischen Fehlern geführt habe. Es sei abzuwarten, ob Logik und Evidenz wieder Bedeutung bekämen.

Krugmans Artikel ist sehr ausführlich und gibt einigen Anlass zur Diskussion. (Seine Thesen wurden gestern nachmittag auf CNN ausgiebig diskutiert. Ein Kommentator aus der Ökonomie sagte dort: “Economy got it wrong on Europe”, und dies der Grund für die anhaltenden Probleme.) Neben den genannten Arbeiten referiert Krugman drei jüngere Buchveröffentlichungen, die auf diese Weise rezensiert werden. Seine Darstellung ist nicht nur politisch, sondern auch wissenschaftshistorisch und wissenschaftstheoretisch von Interesse.

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