Wissenschaftliche Weltauffassung und Ethik – Der Wiener Kreis

Anne Siegetsleitner, Professorin für Praktische Philosophie an der Universität Innsbruck, hat die Positionen der Mitglieder des Wiener Kreises zu Fragen der Ethik untersucht. Sie hält es für überfällig, die verengte Sicht auf eine vermeintliche Distanz der logischen Empiristen zur Ethik zu korrigieren und schildert dazu die Standardauffassung des Wiener Kreise und ihre Rezeption in unterschiedlichen Denkrichtungen sowie die spezifischen Auffassungen und Beiträge von Rudolf Carnap, Karl Menger, Otto Neurath, Moritz Schlick und anderen Wienern. Das Buch “Ethik und Moral im Wiener Kreis. Zur Geschichte eines engagierten Humanismus” ist 2014 im Böhlau-Verlag erschienen, aber auch als PDF unter einer Creative-Commons-Lizenz erhältlich.

Reeves neue englische Übersetzung der Nikomachischen Ethik

Aristoteles’ “Nikomachische Ethik” liegt erfreulicherweise in einer gewissen Anzahl unterschiedlicher Übersetzungen vor, sei es ins Deutsche, Englische usw. 2014 ist bei Hackett eine neue englische Übersetzung von C.D.C. Reeves erschienen, die Lawrence Jost bei NPDR rezensiert.

Offenbar enthält das Buch in den Anmerkungen reichhaltige Verweise und Zitate aus anderen Quellen. Gleichzeitig hat sich Reeve bei der Übersetzung enger an das Griechische gehalten, was auf der anderen Seite wie bei allen möglichst wörtlichen Übersetzungen bei einigen Wendungen zu Verständnisschwierigkeiten führen kann (ein Beispiel wird in der Rezension vorgestellt). Jost geht in seiner Rezension auf verschiedene andere Übersetzungen ein.

Kurt Lampe veröffentlicht Monografie über Kyrenaiker

Es gibt nicht viele Monografien, die sich dezidiert mit den Kyrenaikern beschäftigen – einer Schule, die vom Sokratesschüler Aristipp in Cyrene begründet und von dessen Tochter Arete und wiederum deren Sohn Aristipp weitergeführt wurde. Kurt Lampes neue Veröffentlichung “The Birth of Hedonism: The Cyrenaic Philosophers and Pleasure as a Way of Life” ist bei Princeton University Press erschienen und wird hier bei NDPR rezensiert.

Rationale Moral vom Feinsten – Derek Parfit erhält Rolf-Schock-Preis 2014

Derek Parfit (Oxford) erhält den Rolf-Schock-Preis für Philosophie 2014. Es ist der höchstdotierte Preis in der Philosophie, vergeben von der Royal Swedish Academy of Sciences. Zu den vormaligen Preisträgern gehören Thomas Nagel, John Rawls und W.V.O. Quine.

Parfit hat die Philosophie der letzten Jahrzehnte vor allem mit seinen beiden Büchern “Reasons and Persons” und “On what matters” geprägt. Seine Auseinandersetzung mit klassischen Positionen und Argumenten ist bahnbrechend und hat in weiten Teilen der Philosophie zu fruchtbaren Neubewertungen altbekannter Probleme geführt (und wird dies vermutlich noch auf Jahre hinaus tun).

Parfit vertritt in kritischer Auseinandersetzung mit Subjektivismus, Naturalismus und anderen prominenten Positionen eine objektive Ethik. Diese Ethik ist von unterschiedlichen Konzeptionen aus zugänglich – nämlich denen von Kant, Scanlon oder Sidgwick, die entgegen der üblichen Sicht nicht widersprüchlich zueinander sind. Kants Gesetzesformel hält er für die größte Errungenschaft seit der antiken Ethik. Die Achtung vor der Würde des Menschen und damit das Verbot der Instrumentalisierung – angelehnt an Kants Formel von der Menschheit als “Zweck an sich” – gehört zu den Prinzipien seiner Ethik.

Update: Das Preisgeld, das Michael Quante bei der Verleihung des “Deutschen Preises für Philosophie und Sozialethik” erhält (100.000 Euro) (Der blinde Hund berichtete), ist offenbar höher als das des Rolf-Schock-Preises (600.000 Schwedische Kronen, also ca. 68.000 Euro).

Thomas Scanlons neues Buch “Being Realistic about Reasons”

Thomas Scanlon beschreibt in seinem neuen Buch “Being Realistic about Reasons” (OUP) einen moralischen Realismus, also eine Position über die Natur moralischer Urteile. Diese Frage hat die Moralphilosophie des letzten Jahrhunderts geprägt, und Scanlons Buch ist eine Verteidigung des normativen Kognitivismus – der Auffassung, dass es normative Wahrheiten über Gründe für Handlungen gibt.

Die Beschäftigung mit dem Realismus (oder Kognitivismus) zieht sich schon länger durch Scanlons Arbeiten – siehe dazu z.B. Thomas Nagels Rezension von Scanlons Buch “What We Owe to Each Other” in der LRB aus dem Jahr 1999 (gegen Ende) oder Christine Korsgaards Bemerkung zu Scanlon in ihrem Aufsatz “Realism and Constructivism” (PDF) (ebenfalls gegen Ende)

Höffes neue Einführung in die Ethik

Bei Beck ist von Otfried Höffe “Ethik. Eine Einführung” erschienen. In dem schmalen Band führt Höffe den Leser von den anthropologischen Grundlagen zu den Grundmodellen der Ethik. Der Mensch ist ein zur Moral fähiges Wesen, wie er ja auch ein zur Vernunft fähiges Wesen ist – ein “animal rationabile” und ein “animal morabile”. Es liegt an ihm selbst, diese Potenziale durch Bildung und Selbstbildung zu aktualisieren. Ein Rezension von Höffes Buch hat Uwe Justus Wenzel in der NZZ veröffentlicht.

Platons Ethik

In der Stanford Encyclopedia of Philosophy hat Dorothea Frede ihren Artikel zu Platons Ethik gründlich überarbeitet. Der Artikel liefert einen profunden Überblick über Platons ethische Theorie – und ihre Entwicklung, so muss man betonen, denn Platons Auffassungen haben sich im Laufe seines Lebens erheblich verändert. Eine systematische Behandlung ethischer Prinzipien, wie sie heute in der akademischen Moralphilosophie erwartet wird, hat er nie geliefert. Zentral für Platon war stattdessen die Untersuchung der guten Seele, denn sie ist die Bedingung eines guten Lebens. In ihrem Artikel rekonstruiert Frede Platons unterschiedliche Zugangsweisen in seinen Dialogen.

Christine Korsgaard – Das Gute in einer naturalistischen Konzeption

Ende Mai hat Christine Korsgaard die Pufendorf-Lectures in Lund (Schweden) gehalten. Das Thema: “The general aim of these lectures is to defend a conception of the Good that is compatible with a naturalistic conception of the world, or, to put it another way, it is to explain how the natural world came to contain things that are properly characterized as good and bad.

Die Audioaufzeichnung, einen Abstract und Links zu zwei aktuellen Aufsätzen von Korsgaard findet man bei Political Theory – Habermas and Rawls.

Frühere Referenten der Pufendorf-Lectures waren Nancy Cartwright, Thomas Scanlon und John R. Searle, deren Vorträge auf der Pufendorf-Webseite (s.o.) zu finden sind.

Versagt die Bioethik?

Tom Koch schreibt in der Huffington Post, dass die Bioethik keine robuste Ethik sei, sondern sich der neoliberalen, postmodernen ökonomischen Betrachtungsweise von Gesundheit als Ware angedient habe. Deshalb habe Bioethik weniger mit Ethik oder Philosophie zu tun, sondern vielmehr mit Geld und Macht. Moralphilosophen von Platon bis Kant seien aber keine Cheerleader, sondern Kritiker.
Tom Kochs Abrechnung mit der Bioethik ist als Buch unter dem Titel “Thieves of Virtue: When Bioethics Stole Medicine” gerade bei MIT Press erschienen.

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